Hamlet: Spielernatur, Punk und Amokläufer

Von: Jenny Schmetz
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Zitat-Spielerei mit der Totenschädel-Pose: Felix Strüven als punkiger Hamlet in Christina Rasts Aachener Inszenierung. Foto: Ludwig Koerfer
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Und ganz privat mit Echthaar: Felix Strüven neben Regisseurin Christina Rast. Foto: Harald Krömer

Aachen. „Sein oder nicht sein...“ Welcher Schauspieler reißt sich nicht darum, diesen berühmten Monolog sprechen zu dürfen? Auch Felix Strüven hat sich natürlich „total gefreut“, als klar war: Er spielt den Hamlet am Theater Aachen. „Ich bin jubelnd mit dem Fahrrad durch die Nacht gefahren“, erinnert sich der 29-Jährige. Doch während der Proben habe es ihm dann langsam gedämmert: „Kacke, das ist ja echt ein ganz schön harter Brocken!“

Klar, dieses Stück der Stücke, das wohl bekannteste und meistgespielte Drama Shakespeares kennt nicht nur Felix Strüven, sondern fast jeder. Aber es ist eben verdammt vielschichtig. Der gebürtige Hamburger hat nicht nur „Hamlet“-Filme gesehen – etwa mit Mel Gibson („total blöd“) oder Laurence Olivier („zwar alt und strumpfhosenmäßig, aber der hat mich mehr gecatcht“), sondern den Dänen-Prinzen sogar schon selbst auf der Bühne dargestellt: beim Vorsprechen vor dreieinhalb Jahren in Aachen.

„Ich glaube, deswegen wurde ich hier ins Ensemble genommen“, sagt der schmale Schauspieler lächelnd. Und 2009, während seiner Ausbildung an der Essener Folkwang-Hochschule, hat er in „Hamlet“ Rosencrantz und Güldenstern in einer Figur gespielt. Mit weniger Erfolg: „Damit sind wir durchs Diplom gerasselt“, gibt er zu. Genauer gesagt: die Regisseurin.

Ein düsteres Märchen

Kann also diesmal nur besser werden. Regie führt in Aachen auch keine Anfängerin, im Gegenteil. Christina Rast, Mitte 40, hat hier auf der großen Bühne bereits drei bemerkenswerte Inszenierungen gezeigt: zwei schrille Komödien, Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ und Molières „Tartuffe“, und zuletzt den eher schweigsamen Abend „Lichter ziehen vorüber“ nach Kaurismäki-Filmen. Die Regisseurin ist sich im Klaren, dass es „tonnenweise verschiedene Interpretationsansätze“ zu „Hamlet“ gibt. „Man hat 600 Experten im Publikum sitzen – und jeder weiß, wie es gehen muss.“ Eine Herausforderung nicht nur für den Hauptdarsteller.

Ja, und welchem Ansatz folgt ihre Aachener Inszenierung nun? Beim Gespräch im Café holt Christina Rast Luft – und ihr Redeschwall strömt los, immer wider unterbrochen durch Nachdenken und Verbessern der eigenen Formulierungen, dabei fischt sie die Orangenstückchen aus ihrem Glas und setzt aus den abgenagten und zerkleinerten Schalen Mosaik-Kunstwerke auf dem Untertassenrand zusammen. Währenddessen sitzt Felix Strüven schweigend daneben und trinkt seine Litschi-Bionade.

Um vorsichtig einen Kern herauszuschälen: Die Regisseurin interessiert das „düstere Märchen“, die „Achterbahnfahrt Hamlets in den Abgrund“, seine „Entwicklung zum Amokläufer“. Der junge Mann versucht, den Mord des Vaters zu rächen – und reißt dabei ein ganzes Königreich ins Verderben.

Felix Strüven sei ihre Wunschbesetzung, sagt Christina Rast. Sie findet ihn „unheimlich wandelbar“: ob als Molières Dienstmädchen Dorine mit Korsage und hohen Stöckeln oder als breitbeiniger Macker mit Schnauzer und Lederjacke bei Kaurismäki. Viele Zuschauer haben ihm auch im Mörgens zugejubelt: Da düste er als 14-jähriger Maik, ein schüchternes Jüngelchen, mit Freund Tschick im Auto durch die ostdeutsche Provinz.

Das Wandelbare, das Kindliche soll sich auch im Hamlet wiederfinden. Christina Rast sieht ihn weniger als introvertierten Grübler denn als Spielernatur. Er behauptet, Wahnsinn vorzutäuschen, und will seinen Onkel Claudius (Tim Knapper) mit einem Schauspiel des Mordes überführen. Intellektuell analysiere er die machtgierige, korrupte Hofgesellschaft, emotional bewege er sich eher auf pubertärer Ebene – und zerreißt auch mal das Brautkleid der ehebrecherischen Mutter Gertrud (Elisabeth Ebeling).

„So viele Extremsituationen“, wirft der Schauspieler ein. Aber mittlerweile habe er ein Geländer gefunden, um sich die Riesentreppe des Stücks hochzuarbeiten und sogar Spaß zu haben. Sicher, es werde blutig, aber auch Momente zum Lachen soll es geben. Vom Outfit ist Hamlet aber eher „eine düstere Krähe“, meint die Regisseurin. Während Felix Strüven privat Sweatshirt, Jeans und Stoffturnschuhe trägt, steigt er auf der Bühne in eine „ganz tolle“, schwarze Lederhose und schwarze Stiefel, legt einen schwarzen Mantel und Nietengürtel um. „Etwas punkig“, findet er.

Ausgestellt werden die Schauspieler in einem gewaltigen Raum: einer überwiegend leeren, schwarzen Bretterbühne. Pur wie zu Shakespeares Zeiten. Mehrere Samtvorhänge dienen nicht nur als Theater-Metapher, sondern auch als Verstecke zum Beobachten und Belauschen. Einen Überwachungsstaat mit aktuellen NSA-Anspielungen wird sie aber nicht auf die Bühne bringen, betont die Regisseurin. Auch keine Videokameras, obwohl Felix Strüven auf dem Werbeplakat mit einer hantiert. „Ich bin da ganz altmodisch und arbeite nicht mit modernen Medien“, sagt Christina Rast.

Zwar seien die Figuren des mehr als 400 Jahre alten Dramas „ganz klar heutige“, aber das könne man mit rein theatralen Mitteln zeigen. Wer ihre Aachener Arbeiten gesehen hat, weiß, was das bedeutet: sehr körperliches Spiel, stark überzeichnete Figuren. Felix Strüven freut sich nicht nur auf Shakespeare-Monologe und Schwerter-Schwingen, sondern auch auf einige Slapstick-Nummern. Da wird die Tragödie vielleicht zur Groteske.

„Das wirkt alles wirr, was ich sagen, aber wenn Sie es sehen, ist alles ganz klar!“, resümiert Christina Rast ein wenig zerknirscht, als ihr Redefluss versiegt. Felix Strüven sagt lieber kurz und knapp: „Ich mache mir keine Sorgen wegen der Premiere.“ Ganz ohne Grübeln.

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