Halb Mensch, halb Maschine: Das neue Album von Tokio Hotel

Von: Steffen Rüth
Letzte Aktualisierung:
tokiobild
Gustav, Tom, Bill und Georg (v.l.) alias „Tokio Hotel” starten am 22. Februar in Luxemburg eine große Europatournee mit mehr als 30 Stationen. Am 26. sind sie dann in Oberhausen zu sehen, zwei Tage später (28.) spielen sie in Hamburg. Foto: Oliver Gast/Universal

Aachen. Einträchtig sitzen die Brüder Kaulitz nebeneinander auf dem roten Sofa im Kaminzimmer eines Hamburger Hotels. Rechts der kernige Tom, wie immer mit Kopftuch, Kappe und Schlabberpulli. Links Bill, das zarte, elfenhafte Wesen. „Humanoid” haben sie ihr drittes Album, das am kommenden Freitag erscheint, also genannt. Halb Mensch, halb Maschine.

Passt irgendwie zu den Zwillingen sowie ihren beiden Kollegen Georg und Gustav, die seit der ersten Tokio-Hotel-Single „Durch den Monsun” erst Deutschland, inzwischen aber auch den weitgehenden Rest der Welt mit ihrem glamorösen Pop eroberten.

Denn übermenschlich scheinen auch die Entbehrungen, denen die Jungs offenbar ausgesetzt sind. „Von unserem Privatleben ist nichts mehr übrig”, stöhnt Bill Kaulitz. „Bloß mal mit der Familie ein Eis essen gehen, das ist nicht möglich. Immer ist sofort ein Riesenauflauf, wenn wir uns irgendwo blicken lassen. Der einzige Ort außer zu hause, an dem ich wirklich alleine sein kann, ist im Auto.”

Und selbst dort haben die unlängst 20 gewordenen Brüder nicht immer uneingeschränkt ihre Ruhe. Beim Tanken wurden sie Anfang des Jahres von einer Horde wildgewordener französischer Stalkergroupies attackiert. „Klar klingt das bescheuert, absurd und nach PR”, sagt Tom, „aber so war es wirklich.”

Ins Zeug gelegt

Trotzdem legen die Ex-Teenager nicht etwa Haargel, Make-Up und seltsame Outfits in den Schrank und leben ein normales Leben. Denn die Entbehrungen, sie seien es wert. Bill: „Man bekommt ja auch ganz viel zurück. Manchmal stehe ich im Studio, singe und denke ,Krass, dass ich hierfür mein Geld bekomme. Darüber, dass ich nichts machen muss, das ich nicht will, bin ich total glücklich.”

Für „Humanoid”, beteuern die Brüder, haben sie sich besonders ins Zeug gelegt. Fast ein Jahr lang feilten sie - vor allem in Hamburg und Los Angeles - an den neuen Stücken. Und speziell Bill war froh, „dass ich in dieser Zeit nicht mehr jeden Tag meine Fresse in der Zeitung sehen musste”.

Von Comeback sei dennoch keine Rede, eine nennenswerte Pause gab es nicht, da das Quartett unter anderem mehrere Monate durch die USA getourt ist.

Erstmals erscheint eine Tokio-Hotel-Platte nun auch gleichzeitig im In- wie im Ausland. Für den amerikanischen Markt haben sie die Lieder in englischer Sprache eingesungen, die Single „Automatisch” heißt drüben halt „Automatic.”

„Speziell in den USA werden wir ganz anders wahrgenommen als in Deutschland”, sagt Bill. „Hier sind wir Boulevard, außerdem polarisieren wir in der Heimat weitaus stärker. Im Ausland lästern die Leute zwar auch darüber, dass ich ausehe wie eine Schwuchtel. Aber sie befassen sich viel stärker mit unseren Songs, als Musiker werden wir dort ernster genommen.”

Großartige stilistische Veränderungen gibt es freilich nicht zu vermelden. Die Songs auf „Humanoid” hören sich so melodramatisch, mittelaufregend und massenverträglich an wie gewohnt.

Das bevorzugte Thema der neuen Platte? Einsamkeit. Darüber kann Bill ein Lied singen, und er tut es gleich mehrfach. „Ich würde mich wirklich gerne mal wieder verlieben”, jammert der Frontmann”, aber seit vier Jahren ist auf dem Gebiet überhaupt nichts mehr passiert.”

Ist ja auch nicht so einfach, wenn man als Kunstfigur durchs Leben läuft. „Alle, die mich kennenlernen, haben schon ihre Vorurteile. Entweder spielen sie mir nur was vor, oder - was ich noch schlimmer finde - sie wollen mir etwas verkaufen. Das geht dann nach dem Motto âBill, du bist so süß, und weißt du, ich bin Designerin, kannst du nicht mal ein Shirt aus meiner Kollektion anziehen?Ô Richtig ekelhaft ist das manchmal.”

Jede Frau, die ins Leben der Brüder tritt, muss sich damit abfinden, dass das Verhältnis der beiden außergewöhnlich innig ist. So planen die 20-Jährigen bereits die gemeinsame Alters-WG. „Wir wollen immer zusammen wohnen”, sagt Bill, der mit Tom in einem Haus in Hamburg lebt. „Auf der einen Seite wohne dann ich mit meiner Freundin, auf der anderen Seite wohnt Tom.”

Mal Kinder zu haben, können sich die Kaulitz-Brüder momentan jedoch nicht vorstellen. Tom: „Wir spielen am liebsten mit unseren Hunden.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert