„Hänsel und Gretel”: Ein kleiner Moment der puren Harmonie

Von: Armin Kaumanns
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„Juch-hei! Nun ist die Hexe t
„Juch-hei! Nun ist die Hexe tot, mausetot!” Hänsel (Maria Hilmes, links) und Gretel (Camille Schnoor) haben die Knusperhexe grausam märchengerecht in den Backofen geschubst. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Wenn nach dem hitverdächtigen „Abendsegen” 14 Engelein die armen, im Wald verirrten Kinder Hänsel und Gretel in den Schlaf wiegen und das Sandmännchen sein goldenes Pulver verstreut hat, dann verliert sich Engelbert Humperdincks Musik ins Land der Träume.

Für ein paar Minuten strömt Harmonie in seligen, unbeschwerten, kostbaren Farben aus dem Orchestergraben, in dem im Theater Aachen seit einigen Wochen Kazem Abdullah das Sinfonieorchester zu neuer, kaum für möglich gehaltener Feinsinnigkeit erzieht.

Diesen Moment, in dem die Zeit stillsteht, Kinderarmut, überforderte Eltern und Waldhexen in weiter Ferne scheinen, nutzt Ewa Teilmans in ihrer Inszenierung zu so etwas wie einer fantastischen Familienaufstellung: Aus Bilderbüchern oder Fantasy-Comics zitiert sie gemeinsam mit Ausstatter Andreas Becker elfenhafte Fabelwesen herbei, in weißen, barocken Roben und Spinnweb-Ast-Geweihen auf den Köpfen flattern sie herbei und gruppieren sich mitsamt Hänsel und Gretel, deren Eltern und vier Großeltern zu einem Tableau der Geborgenheit. Die Harfe zirpt, vom Himmel schweben Federn herab, und sanft schließt sich der Vorhang vorm verklingenden Idyll.

Nun, vielleicht ist die Sehnsucht nach einer intakten Familie, einer wie auch immer gearteten Geborgenheit in einer zur Unkenntlichkeit vernetzten Welt, das Thema unserer Zeit, das sich in „Hänsel und Gretel” spiegeln lässt. Ewa Teilmans lässt es darauf ankommen, wenn sie den überforderten Besenbinder und seine Frau durchs Parkett auftreten lässt, als seien sie welche von uns.

Sie erfindet die ein wenig auf Punk frisierten Großeltern, die ihren Enkeln bei Gelegenheit fürsorglich über die Köpfchen streicheln. Und wenn am Ende all die kleinen Kinderlein aus den Gefrierschränken der Hexe purzeln und wieder zum Leben erwachen, dann sind das zwar sämtlich brave Mädchen und Jungs, wie man sie sich feingemacht in der Montessori-Schule vorstellen könnte (und eben nicht die verwahrlosten oder wohlstandsverwahrlosten unserer Tage), aber eben Kinder von heute.

Ansonsten sind es vor allem die Bilder Andreas Beckers, die bei diesem Opernabend Aufmerksamkeit heischen. Die umgestülpte Kartoffelkiste des Anfangs, in der die Kinder über drei Etagen herumtoben, bis die Mama nach Hause kommt und sie genervt in den Wald schickt: rohe, dunkle Bretter bis zum Bühnenhimmel, durch deren Ritzen die Natur giftgrün durchscheint.

In einer imposanten Fahrt der Drehbühne verwandelt sich diese Szene in ein von Nebeln umwabertes, gespenstisch illuminiertes Dickicht, in dem es vor Gefahren wimmelt. Ja, wenn man genau hinschaut, kann man im Halbdunkel einen ganzen Haufen Puppen-Gliedmaßen entdecken, der den Sinn auf die böse Hexe lenken soll.

Aber zum Glück schwebt erst einmal das silbern ausgestopfte und mit funkelnden Kringelschuhen gar allerliebst kostümierte Sandmännchen auf einem Kronleuchter herein. Nach selig durchträumter Nacht fährt an gleicher Stelle das goldene Taumännchen in einer Zink-Badewanne mit Gießkanne hinzu, bevor sich die hohen King-Kong-Palisaden auftun für die Stube der Knusperhexe. Zuvor rollte das Lebkuchenhäuschen in Playmobil-Format über den Waldboden - eine süße, eine leckere, eine amüsante Idee, der viele weitere vorausgehen und nachfolgen.

Ewa Teilmans und ihr Team haben es geschafft, so kann man resümieren, ein Höchstmaß an Reizen für leicht gelangweilte, ans Zappen gewöhnte junge Zuschauer aufzufahren, ohne bedächtigere Erwachsene vor den Kopf zu stoßen. Die werden ohnedies eher die hohen schauspielerischen und gesanglichen Leistungen des Ensembles zu schätzen wissen. Als da wären: die ob Krankheit der Kolleginnen eingesprungene Zweitbesetzung der Titelfiguren - Maria Hilmes mit ihrem schönen, spröden Hänsel-Sopran sowie Camille Schnoor, diesjährige Stipendiatin der Theaterinitiative, die die Gretel mit warmem, gedecktem Timbre ausstattet.

Ganz überbordend spiel- und singfreudig zeigt sich Sanja Radisic, die als Knusperhexe eine Verwandlung vom schrill-prallen Knallbonbon zur zotteligen Vettel, die auf dem Backtisch tanzt, vollzieht. Und dafür prompt einen Sonderapplaus erhält. Sie landet vorschriftsgemäß im Ofen und kommt als leibhaftige Knusperhexe heraus, über die sich die befreiten Kinder hermachen dürfen. Die Ofen-Szene wirkt umso martialischer, als Humperdinck im Graben einen Dreivierteltakt anstimmt, den die Sinfoniker wahrhaft diabolisch austanzen.

Als Eltern beweisen Hrólfur Saemundsson und Irina Popova solides Können, aufhorchen lässt Foteini-Niki Grammenou als Taumännchen. Süß der Kinderchor.

Ein fantasievoller, unterhaltsamer, wunderbar musizierter Opernabend. Alles in allem, als Weihnachtsmärchen großen und kleinen Menschen herzlich empfohlen.

„Hänsel und Gretel”, Märchenoper von Engelbert Humperdinck. Vorstellungen im Theater Aachen: am 10., 17., 23. und 25. November, 1., 12., 19., 23. und 25. Dezember, 5., 13., 17. und 20. Januar, 21. und 24. Februar sowie 3. und 14. März.
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