Aachen - Händels Oper „Orlando“: Ermattet vom Karussell des Wahnsinns

Händels Oper „Orlando“: Ermattet vom Karussell des Wahnsinns

Von: Armin Kaumanns
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Händels Oper „Orlando“ im Theater Aachen: Die Inszenierung fiel beim Publikum durch; viel Beifall gab es dagegen für die Akteure – unter anderem für (von links) Antonio Giovannini (Orlando), Netta Or (Angelica) und Statistin Irina Orawiec. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Papa Händel hatte sich das alles so schön ausgedacht. Sein „Orlando“ sollte durch exquisite Arien, fortschrittlichste Musik, ein zauberhaftes Sujet und nicht zuletzt durch den Titelhelden, den „Rasenden Roland“, gefallen. Alles dreht sich um Liebe und Eifersucht – und am Ende ist alles wieder gut.

Das ist nun fast 300 Jahre her. Händel hat einen Erfolg des „Orlando“ nicht erlebt, die Oper floppte. Am Theater Aachen jedoch (und auch anderswo) weiß man natürlich inzwischen um die Qualität von Händels Ariost-Opern. Das Haus hat drei dieser Werke dem schweizerischen Regisseur Jarg Pataki anvertraut, der damit indirekt und über den berühmten Kaiser-Karl-Text des Renaissance-Dichters Ariost einen Teil der Stadtgeschichte ausleuchtet. Und das auch noch zum Karlsjahr. „Ariodante“ und „Alcina“ konnten sich sehen lassen. Zu „Orlando“ ist Pataki ein Irrenhaus eingefallen.

Das macht schon Sinn. Schließlich sind die zwei Männer und zwei Frauen, auf die Händel das Personal beschränkt (wenn man mal den weisen Zauber-Doktor Zoroastro nicht mitzählt), reichlich wirr in Kopf und Brust. Denn die Liebe, jene Himmelsmacht, verwandelt nicht nur die Titelfigur in eben jenen „Rasenden Roland“, auch seine Angebetete, die engelgleiche Angelica, weiß vor lauter Amore nicht, wo ihr der Kopf steht. Ihre Gefühle allerdings richten sich auf den schmucken Medoro, dessen libidinöser Sinneswandel bei seiner Ex, der schönen Dorinda, ebenfalls reichlich Konfusion auslöst. Verrückt. Aber auch normal irgendwie.

Pataki wirft nun erst mal Orte und Zeit der Handlung in den Müll und setzt sein Personal auf die Drehbühne von Steffi Wurster. Alles ist heutig, ein Irrenhaus eben. Wir sehen schon zur Ouvertüre den Doktor, wie er seine neuen Patienten mittels Spritzen zu Ganzkörperkrämpfen stimuliert. Später strickt eine dolle Oma an roten Socken; eine Zwangskreative stellt lauter gleiche Kartoffeldrucke her; eine Dicke in Zwangsjacke haut sich mit der Faust vor den Kopf; eine Krumme spielt mit Puppenteilen; einer steht in der Ecke und schämt sich. Ab und zu schaut der Doktor nach dem Rechten oder verteilt Pillen.

Viel zu sehen also auf dem sich drehenden Mikrokosmos, in den sich die vier neuen Patienten mühelos eingliedern. Sie sind auch gleich in Stricke verstrickt oder einfach in Unterwäsche gesteckt. Allgemein turtelt man durch geschlossene Wände und bewegt sich durch Katzenklappen für Menschen durch die verwinkelten Räumlichkeiten.

Nun hört sich das beim Lesen vielleicht spannend an, im Parkett greift jedoch bald Langeweile Raum: Diese ganzen Kuckucksnest-Klischees nerven einfach nur. Von Handlung kann die Rede nicht sein, von glaubhaften Personen ebenfalls eher weniger. Bis Orlando endlich seine berühmte Wahnsinns-Arie – die erste der Operngeschichte – singt, ist man schon sehr ermattet. In einem „Tatort“ wäre man da schon mitten im Showdown.

Immerhin wechselt Pataki und sein Team (Kostüme: Sandra Münchow) zum dritten Akt von Innen nach Außen. Da dreht sich nur noch ein schiefer Würfel im schwarzen Bühnenraum, was die Sache zwar reduzierter, aber weit interessanter macht. Hier sind die Akteure wieder in Alltagskluft, nur Orlando ist noch reichlich verrückt. Und gewalttätig. Schnell liegen zwei Leichen herum, die aber von Doktor Zoroastro per Zaubertrank wiederbelebt werden. Am Ende haben sich alle wieder lieb, der Doktor verschwindet zu seinen Irren. Nur warum das alles?

Erstmalig spielt das Sinfonieorchester Aachen auf historischen Instrumenten. Mit Darmsaiten, tiefem A, Naturhörnern und klappenarmen Oboen und Fagotten. Zwischen den Streichern sitzt ein Lautenist, ein Cembalo zirpt. Das hat den Musikern und dem charismatischen jungen Kapellmeister Justus Thorau am Pult viel Arbeit und Spaß gemacht. Man hört’s, auch wenn hier keine wirklich federnde, schlackenfreie Alte-Musik-Gruppe musiziert. Aber viele sehr zarte, sehr schön phrasierte, mal auch herrlich obertonreiche Stellen gelingen. Und wenn auf der Bühne die Tränen fließen, dann rühren auch die Streicher das Gemüt.

Die Sänger gefallen sämtlich. Haus-Bariton Hrólfur Saemundsson kann kein Barock, aber er macht das mit sehr viel Charme und überzeugender Spielfreude. Die facettenreiche Angelica klingt bei Netta Or ein wenig spitz, herb, dann wieder betörend gesanglich. Soetkin Elbers kleidet die Dorinda-Partie mit wunderbar sanfttönigem Legato aus, eine Wonne ist das. Und für die beiden Männer konnte das Theater zwei Countertenöre gewinnen.

Jud Perry kommt vom Tenorfach und setzt seine fruchtigen Farben mit Lust an der weiten Linie und großem Ausdruck betörend in der Partie des Medoro ein. Sein Kollege Antonio Giovanni hat für den Orlando männlichere, herbere Timbres zur Verfügung. Seine Wahnsinnsarie reißt von den Sitzen. Der Beifall für Sänger, Orchestermusiker und Statisten fällt reichlich aus, in den Buhsturm für die Regie mischen sich vereinzelte Bravos.

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