Grusel-Oper „The Turn of the Screw“ am Theater Aachen

Von: Jenny Schmetz
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Scheint gelassen der Premiere entgegenzublicken: Raimund Laufen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nein, das ist ihm als Dirigent des altehrwürdigen Kölner Gürzenich-Orchesters nie passiert: dass ein Fagottist oder Klarinettist während der Probe sein Smartphone zückt und munter hin- und herscrollt, während die Kollegen im Orchestergraben konzentriert weiterarbeiten.

Das sei eben eine Frage des Alters – und der Professionalität, sagt Raimund Laufen gelassen. Heute passiert dem Dirigenten das schon, denn nicht erfahrene Berufsmusiker sitzen mit ihm im Graben, sondern junge Leute, Anfang bis Ende 20, die noch in der Ausbildung sind.

Laufen leitet das Orchester der Musikhochschule Aachen, es laufen die Endproben für die Opern-Koproduktion mit dem benachbarten Theater, Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ (wörtlich übersetzt: die Drehung der Schraube). Und Laufen strahlt eine zufriedene Ruhe aus. Vor zwei Jahren hat der Düsseldorfer die Seiten gewechselt: vom Theater an die Hochschule. Nachdem er fünf Jahre als Korrepetitor und Kapellmeister an der Kölner Oper gearbeitet hatte.

Mit seinem Dreitagebart und den strubbeligen Haaren könnte der 38-Jährige selbst noch gut als Student durchgehen. Aber er hat ja auch nicht zu Hause geschlafen, zurzeit zieht er einen Rollkoffer hinter sich her, er wohnt in Köln, hat aber so kurz vor der Premiere lieber in Aachen im Hotel übernachtet. „Es hat der Konzen-tration nicht geschadet, mal nicht von Kindern geweckt zu werden“, sagt er. Laufen hat fünf Kinder – auch ein Grund für seinen Wechsel. Als „Lehrkraft für besondere Aufgaben“, meist am Klavier mit Gesangsstudenten, hat er geregeltere Arbeitszeiten als am Theater.

„Relativ lange“ hat er selbst studiert, erst Klavier in Düsseldorf und Stuttgart, dann Dirigieren in Stuttgart und Weimar. „Was mich immer am meisten gereizt hat, war die Kammermusik“, sagt Laufen. Damit liegt er bei Brittens Kammeroper genau richtig. „Das ist ein Stück, das mich verfolgt.“ Er schraubt bereits an seiner dritten Produktion.

In Weimar hat Laufen „The Turn of the Screw“ während seines Studiums einstudiert und an der Kölner Oper, wo er zuletzt auch Opernstudio und Kinderoper leitete. „Dieses Stück wird bei jedem Hören schöner!“, findet er. Ganz schön gruselig wirkt die mysteriöse Mischung aus Psychothriller und Gespenstergeschichte allerdings auch. Seinen Kindern, alle unter zehn, wird er den nervenzerreißenden Thriller nicht zumuten.

Wer hat eine Schraube locker?

Sehr rätselhaft ist die Story: Werden die Waisenkinder Miles und Flora von zwei Untoten verfolgt? Oder hat ihre Gouvernante eine Schraube locker? Auf jeden Fall ist es ein abgründiges Beziehungsdrama voller Ahnungen und Andeutungen, zwischen Wahn und Realität. Regisseurin Lilly Lee, die im vorigen Jahr Mozarts „La finta giardiniera“ in ein hippes Café der Jetztzeit verlegte und vorher bei „Starbucks“ recherchierte, ließ das Ensemble zur Inspiration diesmal einen Horrorfilm aus ihrer koreanischen Heimat schauen . . .

Eine Nähe zu Filmmusik erkennt Laufen in Brittens suggestiven Klängen, „meisterhaft instrumentiert“, aber ein „große Herausforderung“ – nicht nur für den Nachwuchs. „Meine wichtigste Aufgabe ist es, den Laden zusammenzuhalten“, sagt Laufen und lacht. Bei der Probe gibt er mit dem linken Zeigefinger deutlich Einsätze für die Sänger, während der Taktstock in seiner Rechten schwirrt, er flüstert zu den Streichern: „Etwas zarter!“ oder raunt dem Schlagwerker ein „Leiser!“ zu.

Gefragt seien Disziplin, nicht nur bei Handyhaltung und Pünktlichkeit, Präzision und Flexibilität, schon wegen der ständigen Tempowechsel. Gut, dass der Dirigent mehr Proben als bei den Profis hat. Denn von den 13 Musikern kann sich keiner hinter dem Kollektiv verstecken. „Jeder darf sein Solo spielen – fast wie im Jazz.“

Und die zwölf Sänger, fast alle in doppelter Besetzung, haben es auch nicht leicht mit „emotional sehr vielschichtigen Partien“. In dem Wunschstück von Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck dürfen sich vor allem die Frauen beweisen.

„Es sind einige Super-Talente darunter“, meint Laufen. Mit Tenören jedoch scheint die Aachener Hochschule derzeit nicht gerade reich gesegnet. Daher gibt Andreas Joost den Kinderverführer Quint, ein „Bühnentier“, wie Laufen bewundernd sagt, seit mehr als 20 Jahren am Haus. Von seiner Professionalität profitierten die Jungen, auch Spannungen könne er sehr gut lösen. Bei der Proben-Stippvisite sorgt der erfahrene Kollege für gute Stimmung und Applaus: „Kompliment, das Orchester hat ganz toll gearbeitet!“

Auch Laufen hat als Pädagoge nach seinem Aachener Debüt mit dem Orpheus-Projekt 2013 gelernt, findet er. Nicht immer helfen Gelassenheit und Ruhe weiter. Er zieht mit Daumen und Zeigefinger eine Luftschraube an und sagt: „Manchmal muss ich die screw ein bisschen turnen.“ Damit aus dem Orchestergraben keine Handydisplays aufleuchten, sondern immer wieder neue Klangfarben.

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