Grenzlandtheater: Ironie mit weiblicher Raffinesse

Von: Eckhard Hoog
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Dario Fos und Franca Rames Komödie „Offene Zweierbeziehung“ im Aachener Grenzlandtheater: mit Madeleine Niesche und Thomas Kemper als „Antonia“ und „Mann“. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Immer wieder ein Theater-vergnügen der frecheren Art: Dario Fos und Franca Rames „Offene Zweierbeziehung“ von 1984. Das Aachener Grenzlandtheater präsentiert den Komödienklassiker in einer flotten 70-Minuten-Version, inszeniert vom Regie-Duo Anja Junski und Uwe Brandt, mit viel Spielwitz und -freude umgesetzt von Madeleine Niesche und Thomas Kemper.

Die Premiere endete am Montagabend mit lang anhaltendem Applaus. Zuletzt war das Stück hier 1986 mit Renate Clair und Werner Platzek zu sehen.

„Er“ lässt seinen Hormonüberschuss regelmäßig bei einschlägigen Affären sprudeln und propagiert das „ihr“ gegenüber als zeitgemäßes Ehemodell: Sex und Gefühle außerhalb, mütterliche Hochachtung innerhalb. „Sie“ leidet, erst tapfer, dann mit alldonnerstäglichem Protest: der leidenschaftlichen Drohung, sich umzubringen. Frischer Wind fährt in die verkorkste Beziehungskiste erst, als sie den Spieß umdreht und sich selbst einen wahren Supermann anlacht.

„Sie“ steht dabei klar im Mittelpunkt des Abends, zumal Madeleine Niesche alias „Antonia“ nicht nur im monologisierenden Wechsel mit dem Partner ihre Ehegeschichte teilweise aus dem Rückblick zu erzählen hat, sondern vor allem auch ihren Wandel vom frustrierten Hausweib zur schicken Emanze glaubhaft vorführen muss – mit den vielen Fehlversuchen dazwischen. Für die Regie eine Aufgabe mit Tücken; ein paar Momentchen dauert es, bis die Komödie spielerisch in Schwung kommt. Dann allerdings geht die Post ab – freche Dialoge und Szenen folgen im ungehemmten Wechsel. Das fällt selbst die Hose – aber noch im letzten Moment gebremst.

Als genialer Schachzug erweist sich die absolute Reduktion des Bühnenbildes (Manfred Schneider) auf zwei japanische Schiebetüren nebst Stuhl, Mobiltelefon und Musik-Player als einzigen Requisiten. Die Präsenz der Darsteller kommt damit noch intensiver zur Geltung.

Fulminant, wie Madeleine Niesche – vom Typ und von der Figur her eine Jane Fonda auf dem Höhepunkt ihrer Fitness – Sex-Appeal, Tänze und alle subtileren weiblichen Raffinessen temperamentvoll in die Waagschale wirft. Geradezu in Kabinettstückchen spießt sie damit all die Klischees einer attraktiven Weiblichkeit genüsslich ironisch auf.

Kein Wunder, dass „er“ alias Thomas Kemper – vom Typ und von der Figur her so ziemlich das Gegenteil von „ihr“ – Antonia am Ende erliegt. Allerdings mit einem überraschenden Ende . . .

Bis es so weit ist, legen die beiden im Zuge der Wiederannäherung einen Pas de deux und einen Tango aufs Parkett, die sich gewaschen haben (Choreographie: Marga Render). Dafür gibt es ebenso Szenenapplaus wie für die witzigen Dialoge mit dem Publikum, das immer wieder mit einbezogen wird und in der Premiere auch spontan darauf reagierte. Thomas Kemper gibt komödiantisch und körperlich mit viel Sinn für Ironie (fast) alles – bis aufs letzte Handtuch. Eigentlich ein ziemlich ungleiches Paar, das aber für 70 vergnügliche Minuten sorgt.

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