Grenzlandtheater: Gewitter in der Familienhütte

Von: Grit Schorn
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Liefern ein packendes Spiel im Aachener Grenzlandtheater: Madeleine Niesche und Tim Riedel in Neil LaButes Stück „Tief in einem dunklen Wald“. Foto: Kerstin Brandt-Heinrichs

Aachen. Nervös wirkt die gertenschlanke Frau, die in einer Waldhütte aufzuräumen sucht. Sie trinkt Wein aus einem kleinen Glas, der hinzukommende Bruder trinkt Bier aus der Flasche. Für die Geschwister ist es ein Wiedersehen nach vielen, vielen Jahren.

Für die Entrümpelung will Betty dem Bruder Bobby Geld geben, der ziert sich erst und nimmt den 100-Dollar-Schein dann doch. Tief im dunklen Wald steht das Waldhäuschen, das verkauft und leer geräumt werden soll. Viel aufzuräumen gibt es auch zwischen den Geschwistern, die sich seit Kindertagen bekriegen. Der Schreiner Bobby zeigt sich als derber Puritaner, der dem strengen Vater nacheifert.

Dass die ältere Schwester als Teenager den guten Ruf der Familie durch heiße Affären zerstörte, hat der Bruder ihr nie verziehen. Und ihr gesellschaftlicher Aufstieg zur Professorin und Dekanin bringt ihn in Rage. Sie wirft ihm seine gescheiterten Ehen vor, während er sich über ihren angepassten Mann lustig macht. Im Wald zieht ein Unwetter auf, doch drinnen ist es noch gewittriger.

„Tief in einem dunklen Wald“, das neue Stück von Neil LaBute (50), das 2011 seine Uraufführung in London hatte, zieht in der stringenten und fesselnden Inszenierung von Anja Junski im Aachener Grenzlandtheater die Zuschauer in den Bann einer ausweglosen Beziehung. Schon bald geht es nicht mehr nur um familiäre Rivalitäten, sondern um gefährliche Verstrickungen des Geschwisterpaares.

„Die Wahrheit tut weh“ – damit zitiert Bobby immer wieder den übermächtigen Vater. Tim Riedel, im Grenzlandtheater wahrlich kein Unbekannter mehr, bringt das puritanische Raubein mit Gossensprache lebensecht und berührend auf die Bühne. Diese wiederum präsentiert sich mit chaotischem Hüttenzauber und einem riesigen transparenten Gebilde, das letztlich doch nur eine Mauer ist (Bühne und Kostüme: Barbara Krott).

Weg in die Verzweiflung

Ein wahrer Glücksfall ist die Betty-Besetzung: Madeleine Niesche, noch in bester Erinnerung aus Dario Fos „Offene Zweierbeziehung“, verkörpert die Professorin, die sich in einen Studenten verliebt hat. Madeleine Niesche zieht keine Register, sondern wird ganz zu dieser Frau, die zum ersten Mal wirklich liebt. Zartheit und Verzweiflung der Frau macht sie sichtbar und fühlbar ebenso wie Humor und Großzügigkeit. Aber Verletztheit und rasende Wut führen in Verzweiflung . . .

Ja, LaButes Stücke wirken oft sehr plakativ, aber hier geht der Autor wirklich in die Tiefe, ähnlich wie bei den verzweifelten Figuren eines Tennessee Williams. Das Ende ist ebenso „kriminell“ wie packend, glaubwürdig und schmerzhaft. Ganz großer Applaus.

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