Aachen - Grandios scheitern: „Hier kommen wir nicht lebendig raus” im Mörgens

Grandios scheitern: „Hier kommen wir nicht lebendig raus” im Mörgens

Von: Jan Mönch
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Lakonischer Humor: „Hier komm
Lakonischer Humor: „Hier kommen wir nicht lebendig raus” im Mörgens mit Nadine Kiesewalter und Torsten Borm. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Wenn man dazu aufgefordert wird, auf dem Rückweg Brot mitzubringen, dann ist das ein Indiz dafür, dass mit baldiger Rückkehr gerechnet wird. Und im Falle von Iras Aufbruch auch Hinweis darauf, dass ihr Anliegen nicht ganz ernst genommen wird.

Denn Iras Anliegen ist - ja, was eigentlich? „Jedenfalls”, so viel steht für sie fest, „muss ich erst mal hier raus.”

Ira ist die Protagonistin in Martin Heckmanns Stück „Hier kommen wir nicht lebendig raus. Versuch einer Heldin”, vorvergangenes Jahr uraufgeführt am Düsseldorfer Schauspielhaus und nun von Roland Hüve (Inszenierung) und Katharina Rahn (Dramaturgie) zugeschnitten aufs Aachener Mörgens. Somit war der „junge Spielort” des Stadttheaters Schauplatz für die erste Premiere im neuen Jahr.

Grübelei und Banalität

Eine irgendwo aufgegabelte Knutschbekanntschaft ist es, die mit spitzfindigen Bemerkungen zu Iras (Nadine Kiesewalter) Lebenssituation offenbar einen wunden Punkt trifft, und die Kundenberaterin in die Existenzkrise stürzt.

Hals über Kopf bricht sie aus der Obhut der geschieden lebenden Mutter aus, um etwas zu verändern. Die Weltordnung beispielsweise. Oder vielleicht sogar sich selbst. Ihre Sehnsucht fasst sie so zusammen: „Ich möchte mich in Musik verlieren, mich fremden Rhythmen hingeben. Ich möchte mich vergessen.” Und erst recht die ganze Internet-Vernetzung, all die „massenmediale Muttermilch”.

Falls bei der Premiere ein Psychologe anwesend war, dann hat er bei Ira eventuell nicht nur postpubertären Nonkonformitätsdrang erkannt, sondern gar eine handfeste Persönlichkeitsstörung. Dass man die kratzbürstige Exzentrikerin trotzdem ins Herz schließt, spricht zunächst für eine großartige Besetzung.

Die größte Stärke von „Hier kommen wir nicht lebendig raus” neben der Hauptdarstellerin ist jedoch der lakonische Humor. Der entwaffnet immer wieder bedeutungsschwere Grübelei („Bin ich mehr als die Summe meiner Erlebnisse?”) mit brutaler Banalität („Hast du Lust auf Freibad?”).

Und er lässt Ira nach gemeinschaftlichem Vatermord zu ihrem Komplizen sagen: „Komm, das muss ich Mama erzählen!” Die leichtfüßige Erzählweise lässt sogar darüber hinwegsehen, dass man weniger einen ausgetüftelten Spannungsbogen verfolgt, als eine mitunter etwas beliebige Aneinanderreihung von Anekdoten.

Hierzu zählen Iras kurze Karrieren als Schauspielerin, Bankräuberin und Lyrikerin, bei der allerhand merkwürdige Gestalten (Torsten Borm, Elisabeth Ebeling, Markus Weickert) ihren Weg säumen. Etwa der Schrebergärtner und Trotzkist Benedikt. Und ein Lektor für experimentelle Dichtung. Oder ein gealterter Deep-Purple-Fan mit problematischem Whiskykonsum.

Der hat bereits resigniert: „Die Musik geht wahrscheinlich immer noch nach vorne. Aber sie nimmt mich nicht mehr mit” - womöglich ist Heckmanns Thema mit „Scheitern” exakter beschrieben als mit „Sehnsucht”. Denn scheitern muss am Ende der 80 Minuten auch seine Heldin. Das aber gelingt ihr ganz grandios.

Infos und die weiteren Termine

„Hier kommen wir nicht lebendig raus. Versuch einer Heldin” ist noch am 7., 21. und 28. Januar sowie am 4., 9., 21. und 22. Februar jeweils um 20 Uhr im Mörgens in der Aachener Mörgensstraße zu sehen.

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