GMD Kazem Abdullah: Charme, Humor und klare Vorstellungen

Von: Hermann-Josef Delonge
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Gut vorbereitet: Aachens neuer
Gut vorbereitet: Aachens neuer Generalmusikdirektor Kazem Abdullah. Foto: Harald Krömer

Aachen. Irgendwann im Laufe des Gesprächs - er hatte gerade ernsthaft und lange über Arnold Schönberg und Alban Berg gesprochen, über Beethovens späte Streichquartette, Mahler und zeitgenössische Komponisten in den USA - hängt Kazem Abdullah einem Gedanken nach, und plötzlich muss er lachen, laut, ehrlich und ansteckend.

Allen Komponisten standen und stehen doch nur zwölf Töne zur Verfügung, sagt er, und was sie daraus gemacht haben und machen, lässt sich letztlich in zwei Kategorien unterteilen: gute und schlechte Musik. Ist alles kein Hexenwerk, verehrtes Publikum, soll das wohl heißen, man muss nur neugierig und unvoreingenommen sein. Den Rest erledigen wir, denn wir wissen, was wir tun. Dann wird es schon gut.

Handwerk und Einfühlung

Unterhält man sich mit Menschen über Abdullah, die ihn in den vergangenen Tagen und Wochen intensiver erlebt haben, dann verfestigt sich dieser Eindruck: Aachens neuer Generalmusikdirektor (nachdem er am vergangenen Mittwoch seinen Fünfjahresvertrag unterzeichnet hat, darf man ihn jetzt auch offiziell so nennen) hat klare Vorstellungen, die er mit Charme und Humor, aber durchaus unmissverständlich formuliert. Er ist freundlich, offen und locker, aber mit klarer Kante und aus einer auch für den Gesprächspartner wohltuenden Distanz heraus. Er ist bereit, hart zu arbeiten, weiß aber, das Musikmachen nicht nur Handwerk, sondern auch Intuition, Reflexion und viel Einfühlung verlangt. Er beeindruckt mit einer Kombination aus Deutlichkeit und der Fähigkeit zu begeistern. Er ist ehrgeizig und gewillt, das Aachener Orchester zu prägen.

Deshalb reagiert er mit einem irritierten Blick auf die Frage, ob das Konzertprogramm der neuen Spielzeit schon seinen Stempel tragen wird. Selbstverständlich! Die Vorbereitungen und Planungen dafür füllen seine Tage in Aachen aus. Fünf der acht Sinfoniekonzerte wird er selbst dirigieren. Ins Programm lässt er sich noch nicht blicken, dafür gibt es am 26. April die große Spielzeitvorstellung, nur so viel lässt sich erahnen: Er mag Kontraste, liebt die Zweite Wiener Schule (Schönberg, Berg, Webern) und hat die tschechischen Komponisten für sich entdeckt. Beim Opernprogramm ist sein Einfluss wegen der längeren Vorlauf- und Planungszeiten geringer, aber auch hier wird er wohl im Verlauf der Spielzeit eine Marke setzen können.

Abdullah liebt und lebt Musik; der Cappuccino wird kalt, wenn er ins Erzählen gerät. Nein, sagt er, einer bestimmten Dirigenten-Schule fühle er sich nicht angehörig. „Es gibt bei jedem Dirigenten Dinge, die ich mag, und Dinge, die ich nicht mag.”

„Haben Sie Vorbilder?”

Er zögert. „James Levine und Bernard Haitink haben mich sehr geprägt. Das sind harte Arbeiter, die eine Partitur intensiv studieren. Keine Show, Konzentration auf die Musik. Von denen habe ich viel gelernt. Und Hans Rosbaud.”

„Hans Rosbaud?”

„Ein österreichischer Dirigent, der viele große Orchester in Deutschland dirigiert hat. Er starb 1962. Vor fünf Jahren habe ich Haydn-Aufnahmen von ihm in der Public Library in New York entdeckt. So wundervoll natürlich und ehrlich. Ich habe sie stundenlang studiert.”

„In der Bibliothek?”

„Jawohl. Die haben da wahre Schätze. Ganz alte, unglaubliche Aufnahmen.”

Und dann schwärmt der 32-Jährige, wie beglückend es sei, Toscaninis Salzburger „Meistersinger” von 1937 zu hören oder die Tempi in verschiedenen „Parsifal”-Aufnahmen zu vergleichen. Das sei berufliches Interesse, aber auch Leidenschaft. Woher die kommt? „Das weiß ich auch nicht so genau. In meinem Elternhaus wurde viel Musik gehört, aber querbeet, Pop, Jazz, Klassik. Meine Eltern selbst spielten aber kein Instrument.”

An seine ersten Begegnungen mit klassischer Musik kann er sich aber noch gut erinnern. „Da gab es diese Show im Fernsehen, mit den Boston Pops. Die haben zuerst Klassik gespielt und dann Populäres. Als Fünfjähriger habe ich das immer geguckt, allerdings immer nur den ersten Teil. Dann habe ich umgeschaltet zur Cosby-Show.”

Es muss ein nachhaltiger Eindruck gewesen sein. Zwei Jahre später begann er mit dem Klavierspiel, wenig später mit der Klarinette. „Mit elf konnte ich Mozarts Klarinetten-Konzert spielen. Nicht gut, aber ich konnte es.” Er war natürlich Mitglied im Schul-Orchester, verbrachte die Sommerferien in Musik-Camps, und irgendwann in der High-School reifte der Gedanke, Profi-Musiker zu werden, „Klarinettist, natürlich in einem der ganz großen Orchester”.

„Haben Ihre Eltern Sie dabei unterstützt?”

„Meine Mutter schon. Mein Vater hatte andere Vorstellungen. Da gab es große Kämpfe.” Abdullah lächelt. „Ich wusste aber genau, was ich wollte.” Durchsetzungskraft, gepaart mit Selbstdisziplin. „Ich habe es immer geliebt zu üben”, erinnert er sich. Auch heute kommt er, so ist zu hören, immer bestens vorbereitet in die Proben.

Abdullahs Karriere verlief sicherlich nicht ohne Brüche und Zweifel, aber doch konsequent. Er habe immer das Glück gehabt, zur richtigen Zeit auf Förderer getroffen zu sein, sagt er heute. Das hat ihn jetzt bis nach Aachen gebracht, als Generalmusikdirektor an einem festen Haus. „Damit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen.” Warum? „Ich genieße es, jetzt eine feste musikalische Heimat zu haben, mit einem festen Stamm an Musikern und Sängern arbeiten zu können, Dinge entwickeln zu können. Hier gibt es viel künstlerische Freiheit.” Das sei in den USA, wo es keine öffentlichen Subventionen und nur ganz wenige Orchester gibt, die Opern und Sinfonien im Programm haben, nicht immer so möglich.

Und dann schwärmt er von der Klangkultur des Aachener Orchesters, von dem feinen, fast kammermusikalischen Zusammenspiel, von der hervorragenden Arbeit, die Marcus Bosch geleistet habe. Und er wiederholt das Versprechen, das er schon bei seiner Vertragsunterzeichnung gegeben hatte: „Ich werde hart dafür arbeiten, die große Tradition des Orchesters und des Aachener Musiklebens fortzusetzen.”

Auch wenn er, wie er selbst sagt, kein Problem damit hat, jetzt mehr in der Öffentlichkeit zu stehen („das ist Teil meines Jobs”), spricht er doch über seine Karriere, seine musikalischen Vorlieben, seine Pläne lieber als über Privates. Nur so viel: Er lebt in einer festen Beziehung, und seine Wohnung in Manhattan wird er zunächst behalten. Er liebt das städtische Leben, zieht sich aber auch gerne in die Natur zurück, „um nachzudenken. Manchmal brauche ich Zeit für mich.” Er nennt sich selbst einen „Food-Snob”, der gerne kocht und gerne gut isst. Hobbys? Lesen, ein bisschen Sport (Tennis, Radfahren, Laufen). Aachen hat er sich in den vergangenen Tagen ausgiebig erlaufen, Kilometer zu Fuß zurückgelegt, um die Stadt kennenzulernen, ohne Führer, aber mit Kamera. Einen Lieblingsplatz? Abdullah nennt die Carolus Thermen („wunderbar entspannend”), den Kurpark und - den Dom.

„Das müssen Sie ja jetzt sagen.”

„Ich weiß. Aber es stimmt. Ich kann es kaum erwarten, ein Domkonzert zu dirigieren.”

Zum Abschied sagt Kazem Abdullah dann noch: „Aachen ist für mich perfekt und kommt genau zur richtigen Zeit. Ich werde das Beste daraus machen.” Darauf darf sich auch das Publikum freuen.
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