Glaube und Leben in Schieflage

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Glaubenskrise: Julia Brettschneider und Karsten Meyer in „Der Fundamentalist”. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Projektionen spielen in diesem Stück eine entscheidende Rolle. Deshalb sorgen im weißen Bühnenkasten von Halina Kratochwil gleich drei Overhead-Projektoren für die jeweilige szenische Prägung - schlicht und trickreich.

„Der Fundamentalist”, Juha Jokela mit dem Nordischen Theaterpreis ausgezeichnete Zwei-Personen-Stück, erfuhr in den Kammerspielen des Theaters Aachen deutschsprachige Erstaufführung.

Anne Lenks Versuch, die inneren Vorgänge zweier Menschen im uralten Ringen um den rechten Glauben zur Spielhandlung zu formen, wurde besonders gegen Ende etwas mühsam, denn nach anfänglicher Spannung läuft das Stück doch eher mit einem Achselzucken aus.

Pfarrer Markus, kurz vor dem 50. Geburtstag, geschieden, erzählt im Rückblick, wie ihn nach 20 Jahren Heidi, seine ehemalige Jugendleiterin, besucht. Ein Treffen mit Folgen. Damals war sie eine jung-süße Versuchung - wie weit das ging, bleibt diffus.

Heute ist sie euphorisches Mitglied einer sektiererischen Erleuchtungsgemeinde, er dagegen ein Theologe, der die Geschichten der Bibel als „bebilderte RichtwerteÓ sieht, die er von mystischen Nebeln befreien will.

Regisseurin Lenk setzt auf Körpersprache, wenn Heidi etwa Markus mit ihren euphorischen Wortkaskaden überschwemmt und ihn dabei immer wieder stupst, klapst und anstößt. Die komplett weiß gekleideten Akteure, die damit zu Projektionsflächen ihrer Ansichten mutieren, sitzen in einem leicht abwärts in den Raum gebauten Kasten - Zeichen ihrer eigenen Schieflage.

Im Titel weckt „Der Fundamentalist” jedoch die Erwartung einer tiefgreifenderen Auseinandersetzung mit fundamentalistischem Denken, als es im Stück geschieht. Karsten Meyer gibt einem hauptsächlich um sein Ego besorgten Theologen Gestalt.

Das geht bis zum ganz bewusst stotterigen Bekenntnis vor der „Gemeinde”, der er mit Schuljungenblick aus einem zerfledderten Tagebüchlein vorliest, um in Wirklichkeit sein populistisches Buch zu bewerben. Julia Brettschneider bleibt mit starrem Blick bei allen Annäherungen getrennt vom „normalen” selbstbestimmten Leben. Tatsächlich ist diese Heidi ja auch ferngesteuert. Ihrer Sekten-Fesseln beraubt, bricht sie zusammen.

Trotz guter Leistungen und einer professionell strukturierenden Regie bewegt sich Jokelas Geschichte nicht vor und nicht zurück. Eine Frau mit extremen Minderwertigkeitsgefühlen und ein eingebildeter Karrierist - das sind genau genommen keine Fundamentalisten.

Lang anhaltender Beifall für alle Beteiligten, unter ihnen auch der Autor.

„Der Fundamentalist” ist noch am 16., 20. und 27. November, 12., 18., 21. und 29. Dezember, 15., 26. und 28. Januar, 5. Februar, 6. und 25. März sowie am 16. April in der Kammer des Theaters Aachen zu sehen.

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