Aachen - Gewalttätiger „Baal”, der sich keiner Schuld bewusst ist

Gewalttätiger „Baal”, der sich keiner Schuld bewusst ist

Von: Peter Motz
Letzte Aktualisierung:
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Die Frauen sind Baal verfallen, aber was fasziniert sie bloß an diesem Ekel? Willi Ezelius und Celina Baluch sind in den Hauptrollen zu sehen.

Aachen. Baal ist böse, keine Frage. Die Frage, weshalb alle „bäh” sagen und ihm dennoch verfallen, beantwortet Autor Bertolt Brecht nicht. Das Aachener Ensemble Projekt A liefert auch keine Antwort - aber das mit aller Konsequenz.

Stürmisch walzt Baal hier alles und alle nieder, Feind, Freund und sich selbst. Regisseur Martin Goltsch pickt assoziativ die expressionistischen Naturmotive aus der Textvorlage und komponiert multimedial ein hypnotisches Bild menschlicher Getriebenheit. In Videoprojektionen drehen sich Windräder, wiegen sich Pflanzen im Wind (Film: Luca Fois). Leitmotivisch vertonen David Bowies „Wild ist the Wind” und King Crimsons „I talk to the Wind” das Delirium des Trinkers Baals. Das wirkt.

Vor allem, weil Schauspieler Willi Ezilius dieses Bild bricht und seinen Baal eben nicht wie in Trance handeln lässt. Seine geistig wie körperlich brutale Rollenanlage lässt weder Platz für Mitleid noch für Interesse an sozialpädagogischer Erklärung. Dieser Baal ist raumfüllend, überall präsent und sich seiner Schuld bewusst.

Doch wer ist dieser Baal überhaupt? An diesem Punkt wird die Aufführung (Dramaturgie: Lukas Popovic, pädagogische Begleitung: Brigitte Köhr) so richtig spannend. Denn vor allem der Schluss dieser Inszenierung lässt Raum für Interpretation. Baal, zuvor zwei Stunden lang gezeigt als Fleisch gewordene dumme Gedanken, ritzt sich die Brust auf, sinkt wie ein gefühlloses Monster nieder.

Ein Monster, das in jedem steckt? Kurz zuvor hat Baal auf der Bühne seinen Freund Ekart getötet, während nun im Video Ekart den toten Baal zudeckt.

Dem Projekt A - das, vereinfacht beschrieben, eine Art integratives Kiez-Theater ist - gelingt eine vehemente und sehenswerte Inszenierung des kniffligen Baal-Stoffes. Rund zwanzig Amateure zeigen bei der Koproduktion von „TheaterausBruch” und Theater Aachen ihr Können: Beispielhaft sei das vor allem mimisch sehr berührende Spiel von Stefan Dantchev (Ekart) angeführt. Das Publikum zollte dem großen Team, das Akteure aller Altersstufen umfasst, seinen Respekt mit stehendem Premieren-Applaus.

Übrigens: Das Schauspiel wird in einem leer stehenden Drogeriemarkt aufgeführt. Der Raum gehörte in den 1970er Jahren zur benachbarten Gaststätte „Lindenhof” und wurde damals vom Stadttheater für Betriebsfeiern genutzt. Jetzt wird dieser Ort neu belebt.

Weitere Aufführungen bis zum Januar
Vorspann„Baal” von Bertolt Brecht, Produktion von Projekt A
ArtikelWeitere Aufführungen am 17., 18. und 19. Dezember, 8., 9., 14. 15., 28. und 29. Januar, jeweils 20 Uhr, Saal neben „Lindenhof”, Aachen, Von-Coels-Straße 157.

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