Köln/Berlin - Gerhard Richter: „Bislang konnte ich frei entscheiden“

Gerhard Richter: „Bislang konnte ich frei entscheiden“

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Nicht mehr öffentlich? Der Maler Georg Baselitz hat angekündigt, seine Leihgaben aus deutschen Museen abzuziehen. Darunter wären auch diese Gemälde in der Pinakothek der Moderne in München. Foto: dpa
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„Die Aufregung finde ich durchaus nicht übertrieben.“ Das sagt der in Köln lebende Maler Gerhard Richter.
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In Abwehrhaltung: Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sieht sich massiver Kritik ausgesetzt.

Köln/Berlin. Ein Gesetzesentwurf sorgt für massive Kritik an Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Der Maler Gerhard Richter erklärt im Exklusiv-Interview mit unserer Zeitung, warum er gegen das geplante Kulturgutschutzgesetz ist.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Kritik an dem von ihr geplanten Gesetz zum Schutz von Kulturgütern zurückgewiesen. Derzeit kursiere durch Indiskretionen nur ein noch nicht endgültiger Referentenentwurf, erklärte die CDU-Politikerin am Mittwoch in Berlin.

Ziel sei die Bewahrung von national wertvollen Kunstwerken. „Schutz heißt in meinen Augen nicht Enteignung“, betonte sie. Unter der Überschrift „Totreguliert“ protestierten unterdessen mehr als 250 Galeristen, Kunsthändler und Sammler gegen die Pläne. Das Gesetz würde den deutschen Kunsthandel und den musealen Leihverkehr restriktiv kontrollieren und behindern, heißt es in dem vom Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler unterstützten Offenen Brief. Es stehe auch dem im Grundgesetz garantierten freien Warenverkehr diametral entgegen.

Grütters zeigte sich „irritiert“ wegen der Vorwürfe. In die Anhörungen zu dem Gesetzesvorhaben sei der Kunsthandel kontinuierlich eingebunden gewesen. Sie habe stets alle dazu aufgerufen, Formulierungsvorschläge zu machen. „Ich bin nach wie vor sehr offen für Änderungen“, betonte sie.

Gerhard Richter findet die Aufregung nicht übertrieben. Er ist skeptisch. Den Entwurf der Bundesregierung für ein Kulturgutschutzgesetz hält er für überflüssig und schädlich. Im Exklusiv-Interview mit unserer Zeitung hofft er, dass „so ein unsinniges Gesetz“ verhindert werde. Mit dem in Köln lebenden Maler sprach am Mittwoch Bernd Mathieu.

Herr Richter, Sie haben sich zum Entwurf des Kulturgutschutzgesetzes klar geäußert und dabei das schöne rheinische Wort „verkloppen“ benutzt.

Gerhard Richter: Ja, aber mit „verkloppen“ meinte ich etwas sehr Negatives, wozu ich hoffentlich nie Veranlassung haben werde. Denn bislang konnte ich frei entscheiden, wohin ich etwas verkaufe.

Denken Sie wie Georg Baselitz oder die Enkelin von Max Beckmann auch darüber nach, Ihre Dauerleihgaben aus deutschen Museen und Einrichtungen zurückzuziehen? Oder warten Sie ab, was letztendlich beschlossen und passieren wird?

Gerhard Richter: Dann wäre es ja zu spät; dann wären wir einer kostspieligen Bürokratie ausgeliefert, die etwas genehmigen wird oder auch nicht. Ich habe also die Hoffnung, dass all die Gegenstimmen jetzt doch so ein unsinniges Gesetz verhindern werden.

In dem Entwurf der Kulturstaatsministerin steht ausdrücklich, dass die Leihgaben nicht betroffen sein sollen, da sie nicht im Bestand eingegliedert sind. Ist die Aufregung nicht übertrieben?

Gerhard Richter: Was für Leihgaben? Die, die ein Deutscher in einem ausländischen Museum hat, oder die, die ein Ausländer einem deutschen Museum geliehen hat? Aber die Aufregung finde ich durchaus nicht übertrieben. Stellen Sie sich vor, Herr Putin würde so ein Gesetz in Russland einführen. Dann wäre die ganze EU am Schreien über so eine zutiefst undemokratische, nationalistische Maßnahme.

Wenn man Kultur schützen soll und muss, was ist für Sie „national wertvolles Kulturgut“?

Gerhard Richter: Zum Beispiel das, das wir in unseren Museen haben und bewahren, und das tun wir mit gleicher Sorgfalt unabhängig von der Nationalität der Künstler.

In Nordrhein-Westfalen gab es Aufregung um Warhol-Bilder, die aus dem Bestand des Aachener Spielcasinos zur Auktion nach New York gebracht und dort versteigert wurden.

Gerhard Richter: Es gibt richtig gute Bilder von Warhol, auch in deutschen Museen. Aber die aus dem Spielcasino gehören nicht dazu – und so war auch die ganze Aufregung darüber doch ziemlich albern.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden werben – als Gegenentwurf zu Pegida – mit dem Slogan „Ein Haus voller Ausländer“ und meinen damit Kunstwerke von allen Kontinenten, die dort zu sehen sind, auch die deutschen natürlich…

Gerhard Richter: …ja, das ist dort groß plakatiert. Das steht für die Realität, für diese weltoffene Vielfalt, die unsere Kultur ausmacht. Dafür reichen die bestehenden Gesetze. Es ist doch wunderbar, dass wir in Paris auch Dürer und Raffael sehen können, und in Berlin Picasso und die Nofretete und was weiß ich noch.

Oder in diesen Tagen einen Gerhard Richter in Manchester.

Gerhard Richter: Ja, das war eine gelungene Veranstaltung.

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