Brüssel - Gequälte Seelen wählen am Ende lieber das Schafott

Gequälte Seelen wählen am Ende lieber das Schafott

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:
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Sie erwarten ihr Ende in den Wirren der Französischen Revolution: Die Karmeliterinnen in Francis Poulencs Oper „Dialogues des Carmélites“ im Brüsseler Opernhaus. Die Inszenierung ist sehr gelungen. Foto: Baus

Brüssel. Francis Poulencs 1957 in Mailand uraufgeführte Oper „Dialogues des Carmélites“ (Gespräche der Karmeliterinnen) gehört nicht nur zu den Meilensteinen des modernen Musiktheaters, auch Olivier Pys Pariser Inszenierung des überwältigenden Werks verdient einen Ehrenplatz im Olymp der Theatergeschichte.

Wenn die vor vier Jahren in Paris aus der Taufe gehobene und mittlerweile zu DVD-Ehren gelangte Produktion jetzt auch im Brüsseler Opernhaus Begeisterungsstürme auslöste, tut man den Belgiern Unrecht, den Regisseur allzu vordergründig ins Rampenlicht zu rücken. Denn an der Aufführung stimmt so gut wie alles: die leuchtkräftige, ebenso intensive wie feinfühlige musikalische Leitung durch den Brüsseler Musikchef Alain Altinoglu, das bis in die winzigste Rolle hinein superb besetzte Ensemble, die unter die Haut gehende Inszenierung Olivier Pys und die ebenso schlichten wie bedrückenden Bühnenbilder von Pierre-André Weitz.

Flucht ins Kloster

Auch wenn die von Gerard Mortier eingefädelten Glanzzeiten der Brüsseler Oper verblichen sind, gelingt es dem Theater immer wieder, seine internationale Reputation mit einzelnen Glanzlichtern zu erhalten. Dass man dabei auch, wie überall, auf Übernahmen anderer Häuser zurückgreift, muss kein Nachteil sein, wenn es sich um epochale Produktionen wie die der Pariser Poulenc-Adaption handelt.

Dabei bietet sich der Stoff auf den ersten Blick nicht gerade für die Opernbühne an. Dem Titel gemäß bestimmen in der Tat Gespräche das Werk, das auf eine Theaterversion der berühmten Novelle „Die Letzte am Schafott“ von Gertrud von le Fort zurückgeht. Eine eindrucksvolle Seelenschilderung der 16 Pariser Karmeliterinnen, die sich 1794 kurz vor dem Höhepunkt und Ende des jakobinischen Terrors weigerten, ihrem Gelübde zu entsagen, gemeinsam unter der Guillotine starben und später selig gesprochen wurden.

Im Mittelpunkt der Novelle steht die junge Adelige Blanche de la Force, die dem weltlichen Revolutionsterror durch die Flucht ins Kloster entziehen will, aber auch dort von den Schrecken der Realität eingeholt wird. Sowohl die Novelle als auch die Oper faszinieren vor allem durch die filigrane psychologische Charakterisierung einer Figur, die von Ängsten durchschüttelt wird und sich als Nonne „Blanche von der Todesangst Christi“ nennt. Ängste, die von äußeren Umständen ausgelöst werden, aber im Inneren noch schmerzlichere Konflikte auslösen.

Als die Nonnen gezwungen werden, zwischen Tod und Widerruf ihres Gelübdes zu wählen, entscheiden sie sich für den Märtyrertod, angefeuert von der extrem überzeugten Novizenmeisterin Mère Marie de L’Incarnation. Blanche kann dagegen ihre Ängste nicht besiegen und flieht kurz vor dem Ende, bevor sie dann doch als Letzte das Schafott mit ihren Glaubensschwestern besteigt.

Dabei muss erwähnt werden, dass sowohl Gertrud von le Fort als auch Francis Poulenc keinerlei Schwarz-Weiß-Zeichnung betreiben und alle Figuren sehr differenziert skizzieren. Blinder Fanatismus ist nicht angesagt. Alle Figuren zeigen menschliche Größen und Schwächen.

Und genau das wird in Olivier Pys Inszenierung in lupenreiner Klarheit deutlich. Die äußeren Einwirkungen, also die kurzen Auftritte der Revolutionsschergen, inszeniert er so dezent wie das Ende der Nonnen, die schlicht eine nach dem anderen während eines ergreifenden Schlussgesangs in den offenen Bühnenhintergrund abwandern. Von Blut und Guillotine, von geiferndem Volk ist hier absolut nichts zu sehen und zu hören.

Dialoge penibel inszeniert

Umso penibler inszeniert er die vielen Dialoge, die die Seelenlage und unterschiedlichen Haltungen der Figuren erkennen lassen. Eindrucksvoll die Vision der alten sterbenden Priorin vom Untergang des Klosters, deren Bett wie ein Kruzifix an den Bühnenhintergrund genagelt ist. Die dunklen, verschiebbaren Wandgerüste von Pierre-André Weitz passen sich den Orts- und Stimmungswechseln nahtlos wie ein Handschuh an. Schnell, schlicht und überzeugend.

Und aus dem Orchestergraben hören wir ein symphonisches Gemälde von idealer Transparenz und Ausdrucksdichte. Niemals zu stark, immer sängerdienlich und dennoch von glühender emotionaler Intensität durchzogen. Und über die Besetzung kann man, darstellerisch wie gesanglich, nur ins Schwärmen geraten. Dass Patricia Petibon als Blanche besonders imponierend herausragt, liegt an der exponierten Bedeutung der Rolle, nicht etwa an den minderen Leistungen des vielköpfigen Ensembles, an dem nicht das Geringste auszusetzen ist. Nichts an Sophie Koch als Mère Marie, nichts an Sandrine Piau als Novizin Constanze oder an Sylvie Brunet-Grupposo als sterbenskranke Priorin. Und nichts am Rest des vielköpfigen Ensembles. Wobei einige der großen Rollen für die folgenden Aufführungen doppelt besetzt sind.

Eine rundum überzeugende Produktion und eine große Herausforderung an das Theater Aachen, das das Stück in einer eigenen Neuinszenierung ab dem 14. April zeigen wird.

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