Gemalte Sätze aus dem Halbschatten

Von: Martina Rippholz
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Späte Glaubenserlebnisse: Der Groß-Schriftsteller Martin Walser am Mittwochabend in der Mayerschen Buchhandlung in Aachen kurz vor Beginn seiner Lesung. Foto: Markus Schuldt

Aachen. Die Füße stehen ganz dicht beieinander, wie festgeklebt, auf einer Stelle. Von den Füßen geht der feste Stand aus, sie sind die Anker der aufrechten Haltung. Als wollten schon die Füße jeden Eindruck von Lässigkeit vermeiden. Oder auch von Überheblichkeit. Von Überheblichkeit ist Martin Walser, der große alte deutsche Literat, weit entfernt.

In diesem Moment, auf dem Podium des Forum M der Mayerschen Buchhandlung, am Mittwochabend, kurz nach acht. Gleich beginnt er, aus seiner neuen Novelle „Mein Jenseits” vorzulesen. Sein Gesicht liegt im Halbschatten. Der kleine Lichtkegel der Leselampe vor ihm ist nur auf das schmale Buch gerichtet. Walser blickt auf. Seine buschigen Augenbrauen heben sich, seine Mundwinkel auch, ganz leicht nur. Ein Lächeln? In seinem Ausdruck liegt etwas Gütiges.

Walser spricht leise und klar: „Ich danke ihnen vielmals, dass Sie mir heute zuhören”, sagt er. Dann zitiert er den ersten Satz seiner Novelle: „Je älter man wird, desto mehr empfiehlt es sich, darauf zu achten, wie man auf andere wirkt.” Eine Zuhörerin fragt ihre Nachbarin: „Ist das nicht schön?”

Nächste Woche wird Walser 83, und er wirkt herzlich und sympathisch, authentisch. Mit seinem weisen Blick, seiner sonoren Stimme, seinen gepolsterten Herrenschuhen. Mit all dem will man es ihm glauben, das Authentische. Dass er es tatsächlich ehrlich meint, wenn er seine Hauptfigur Augustin Feinlein auf eine verschrobene Reise in die Welt des Glaubens schickt. Feinlein hat ab dem 63. Geburtstag aufgehört zu zählen, er kommt damit Walsers Alter wahrscheinlich sehr nahe. Diese Verquickung gerät ihm in „Mein Jenseits” trotzdem nicht zur aufdringlichen Inszenierung seiner selbst. Die Nähe zum Tod und die späten Glaubenserlebnisse sind Themen, mit denen Walser sich eben erst jetzt auseinandersetzen konnte oder wollte. Oder musste.

An diesem Abend im Forum M möchte man glauben, dass Walser immer ehrlich war. Ohne Inszenierung. Ohne Kalkulation. Seine Seniorität, seine Weisheit, seine Milde machen es dem Publikum schwer, anders zu empfinden. Die Menschen lächeln Walser zu, selig fast. Man möchte glauben, dass er auch damals ehrlich war, 2002, in seinem Buch „Tod eines Kritikers”. Da brach eine Welle von Antisemitismus-Vorwürfen über ihn herein, vor allem von FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher. Auch der Vorwurf eines kalkulierten Skandals steht noch im Raum. Walser hingegen betont stets, lediglich über die Macht im Literaturbetrieb geschrieben zu haben. Eine Macht, in der der Autor nach Walsers Verständnis immer der Verlierer ist. Weil die andere Seite - damals erhaben verkörpert von Marcel Reich-Ranicki, Walsers Erzfeind - mit Büchern oft so ungenau umgeht.

Also bedankt sich Walser in Aachen vorab, noch bevor er den ersten Satz liest. Fürs Zuhören. Er spricht dieses Wort ruhig und leise. So, dass einem gar nichts anderes übrigbleibt, als tatsächlich zuzuhören, 45 Minuten lang. Zuzuhören - und zuzusehen.

Walser hält Arme, Hände und Finger anders als seine Füße überhaupt nicht still. Walser bespielt seine Gliedmaßen zum Text wie die Klaviertasten zu einer Partitur. Mal schmeidig, mal zackig. Mal langsam, mal schnell. Hier kräuselt er die Finger, dort winkt er mit großer Handbewegung ab, dann wieder erhebt er warnend den Zeigefinger. Er ist der Pantomime seines eigenen Textes.

Ein letzter Blick

Wörter und Sätze malt Walser in die Luft. Er macht die Geschichte lebendig. Mit Gestik, mit Intonation. Die Stimme schwillt an, wenn Feinlein seinen Widersacher Dr. Bruderhofer umbringen könnte, aber doch nicht hassen kann. Sie wird leise und bedächtig, wenn es heißt „In Liebe ist mein Jenseits”. Dann richten sich Walsers Brauen ein letztes Mal in Richtung Decke, ein letzter Blick ins Publikum, ein Lächeln, ein leises Dankeschön.

Walser streicht sich mit der Hand durchs Gesicht und verlässt langsam das Podium. Er ist sich nicht zu eitel, die helfende Hand zu nehmen, die ein Mitarbeiter der Mayerschen ihm reicht.

Man glaubt ihm gern, authentisch zu sein.
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