Aachen - Gemälde eines Virtuosen unter der Lupe

Gemälde eines Virtuosen unter der Lupe

Von: Eckhard Hoog
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Hoffentlich hat das Gemälde von Jacob Backer den Transport schadlos überstanden: Restauratorin Ulrike Villwock und Museumsdirektor Peter van den Brink prüfen die aus ganz Europa eingetroffenen Werke im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Er war nicht nur einer der brillantesten Maler seiner Zeit, er war vermutlich auch einer der schnellsten: Jacob Adriaenszoon Backer, 1608 geboren im friesländischen Harlingen, gestorben 1651 in Amsterdam. Gerade mal zwei Stunden soll er gebraucht haben, um das Porträt eines Jungen (1640) derart gekonnt auf die Leinwand zu zaubern, als wäre es in Wochen entstanden.

Lange Zeit als Schüler des zwei Jahre älteren, übermächtigen Rembrandt verkannt, widerfährt dem begabten Sohn eines Bäckers jetzt zu seinem 400. Geburtstag durch die Nachwelt die verdiente Gerechtigkeit: Nach dem Rembrandthuis in Amsterdam präsentiert das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum vom 12. März bis zum 7. Juni erstmals 42 seiner Gemälde und 18 Zeichnungen - absolute Spitzenstücke, die die überragende Könnerschaft dieses Amsterdamer Porträt- und Historienmalers eindrucksvoll dokumentieren.

Zentimeter für Zentimeter

Zentimeter für Zentimeter tastet Ulricke Villwock das ohnehin schon hell beleuchtete Gemälde, das vor ihr auf dem Tisch liegt, mit einer Speziallampe ab. Nicht die kleinste Unregelmäßigkeit entgeht dem geschulten Auge der Aachener Restauratorin. Was auf den ersten Blick wie Falten auf der Stirn einer porträtierten Dame, Alter um die 60 Jahre, aussieht, erkennt Ulrike Villwock auf Anhieb als Makel: „Das sind Craquelés, die durch Druck entstanden sind.” Zum Glück aber nicht auf dem Transport von Reims nach Aachen, sondern offenbar sehr viel früher.

15 Kisten mit Gemälden, jede zwei mal zwei Meter fünfzig groß, sind bis Freitag im Suermondt-Ludwig-Museum eingetroffen - aus Genf, Berlin, Reims, Den Haag und Yorck. Am Montag folgen Lieferungen aus Amsterdam, Lüttich und der Eremitage in St. Petersburg. Damit verbunden ist eine logistische Kraftanstrengung: Jedes leihgebende Museum schickt einen Kurier mit, der beim Auspacken darüber wacht, dass der Schützling sanft behandelt wird - und vor allem: ob er die Reise unbeschadet überstanden hat.

Seite an Seite mit den Restauratoren des Aachener Museums werden die Bilder geprüft und alle nennenswerten Einzelheiten penibel protokolliert. „Man muss schauen, dass die Kuriere nicht alle am gleichen Tag eintreffen”, erklärt Museums-Chef Peter van den Brink, „sonst stehen sie sich gegenseitig auf den Füßen.” Bei insgesamt 40 Leihgebern wie hier lässt sich leicht ausrechnen, was ein falsches Timing bedeuten würde.

Die Kosten der Prozedur sind enorm: Jeder Kurier bekommt in der Regel für drei Tage Honorar und zwei Übernachtungen bezahlt - kein Wunder, dass der Transport der Exponate mit 220.000 Euro zu Buche schlägt und damit den Großteil der Gesamtkosten von rund 320.000 Euro „frisst”.

Ohne Sponsoren - allen voran die Peter und Irene Ludwig Stiftung und sechs Händler der Maastrichter Kunstmesse Tefaf, die in Kürze beginnt - wäre eine solche Schau bei dem hauseigenen Budget von 100.000 Euro gar nicht möglich. Ein Riesenaufwand: Der Kurier der Petersburger Eremitage, die drei Werke zur Ausstellung beisteuert, bekommt sieben statt der üblichen drei Tage bezahlt.

„Turtle” (Schildkröte) nennen sich die Spezialkisten, in denen die Kostbarkeiten angeliefert werden, blaue, mit einem beweglichen Innenleben ausgestattete Behälter, die die unterschiedlichsten Formate problemlos aufnehmen können. Bis zur Öffnung unter vier Augen sind sie mit einem Siegel verklebt.

Viel Arbeit liegt noch vor dem Team um Peter van den Brink und Heinrich Becker, der unter anderem für die Organisation verantwortlich ist, ehe die ersten der erwarteten 15.000 Besucher die grandiosen Gemälde in Augenschein nehmen können. Und die sichere Hand des Meisters bewundern dürfen, der zu seiner Zeit als einer der beliebtesten Porträtisten in Amsterdam hochgeschätzt war.

Diaprojektionen sollen auf der Wand mit vergrößerten Details jenes blitzartig hingeworfenen Jungen-Porträts demonstrieren, dass Backer „fast wie ein Impressionist gemalt hat” (van den Brink). Und fast so schnell wie der Berliner Szene-Maler Jim Avignon, der sich mit 31 Bildern in 48 Stunden selbst zum schnellsten Maler der Welt ernannt hat. Nur: Backer konnte es besser!

„Der große Virtuose - Jacob Backer”, Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen, Wilhelmstraße 18, 0241/479800. Eröffnung: Mi., 11. März, 19 Uhr. Dauer: 12. März bis 7. Juni. Geöffnet: Di.-Fr. 12-18, Mi. 12-20 Uhr, Sa./So. 11-18 Uhr. Während der Tefaf Maastricht vom 12.-22. März Mo.-So. 11-18, Mi. 11-20 Uhr. Eintritt: 5, erm. 2,50 Euro. Katalog: 39,95 Euro. Zum Rahmenprogramm gehören Porträtzeichnen- und Malerei-Workshops. Großeltern-Enkel-Nachmittage, Vorträge, Ferienspiele und Kurse für Kinder. Infos, Buchung und Anmeldung: 0241/4798020 oder 0241/4324999.

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