Geister unter bröckelndem Stuck

Von: Armin Kaumanns
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Die Inszenierung kann man vergessen, dafür beweisen die meisten Sängerinnen und Sänger Stimme bei gut gespielter Musik: „Pique Dame” von Tschaikowski im Theater Mönchengladbach. Foto: Matthias Stutte

Mönchengladbach. Tenöre haben es nicht leicht. Wenn sie glänzen, liegt man ihnen zu Füßen, wenn sie überfordert sind, möchte man ihnen an die Gurgel. Timothy Simpson schlägt bei der Gladbacher „Pique Dame” nicht ins erste Fach, was das Erlebnis Tschaikowsky eintrübt.

Er gibt den German, den glühend liebenden, aber unbetuchten Offizier, der die schöne Lisa nur zu gewinnen hofft, wenn er beim Kartenspiel ein Vermögen macht. Dazu muss er zunächst einer alten Gräfin das Geheimnis der drei magischen Karten abluchsen (wobei die Alte zu Tode kommt), um dann doch den Kürzeren zu ziehen, sprich: statt des erhofften Asses die Pik Dame. Lisa ist da schon tot.

Überfrachtet mit Gedanken

Der German ist eine große, schwere Partie. Und das Theater Mönchengladbach hat, nachdem erste Spitzenkräfte das Haus im Zuge angedrohter Sparmaßnahmen verlassen haben, keinen geeigneten Tenor mehr. Simpson singt durchgehend zu tief, und bevor er bei den zugegeben wohlgeformten Spitzentönen angekommen ist, muss er sie unüberhörbar von unten hochstemmen.

Außerdem ist seine Bühnenausstrahlung fahl, was auch an der Regie liegt. Die erzählt die ergreifende Geschichte konventionell und überfrachtet sie mit Gedankenballast.

Francois De Carpentries will unbedingt eine Traumgeschichte inszenieren, er liebt Schleier, Gazen, als Bild des Unbewussten herumgeisternde kleine Mädchen in Brautkleidern. Und natürlich morbide muss alles sein: Stuck bröckelt pittoresk, ein Kronleuchter ist von der Decke gestürzt, nie hat man einen derart kunstvoll im Gemäuer versenkbaren roten Vorhang gesehen (Bühne: Siegfried E. Mayer). Warum also sollte man die Gladbacher Pique Dame besuchen? Tschaikowskys Musik ist einfach toll, artifiziell und süffig zugleich. Und das Orchester unter Graham Jackson spielt mehr als anständig.

Das Solistenensemble leistet viel: Dara Hobbs als Lisa hat viel Glut in ihrem Sopran, der hervorragende Bass Hayk Déinyan singt einen grandiosen Graf Tomski, Bariton Michael Kupfer ist als Fürst Jeletzki derart präsent und attraktiv, dass man nicht verstehen mag, wieso Lisa für den German schwärmt. Gut bei Stimme auch Uta Christina Georg (Pauline) und Kerstin Brix (Gräfin). Der Chor ist eine Augen- und Ohrenweide.

Tschaikowskis „Pique Dame” im Theater Mönchengladbach. Zwei Stunden 40 Minuten, eine Pause. Nächste Vorstellungen: 27. März, 5. April, 15 und 27. Mai.

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