Geiger Malov verursacht ein Wechselbad der Gefühle

Von: Pedro Obiera
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Aachen. Es war eines jener ereignisreichen Konzerte, die einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Die Aufmerksamkeit richtete sich im 2. Sinfoniekonzert im recht gut besuchten Eurogress schnell auf den jungen russischen Geiger Sergey Malov, einen charismatischen Musiker von enormer Begabung und spieltechnischer Versiertheit.

Allerdings verursachte gerade er ein Wechselbad der Gefühle zwischen Anerkennung und Ärgernis.

Das betrifft vor allem seine Interpretation von Mozarts 5. Violinkonzert in A-Dur, bei dem er sich auf die Pfade eines derzeit hoch im Kurs stehenden „neuen Manierismus“ begab, den hysterisch bejubelte „Stars“ wie der weit überschätzte Dirigent Teodor Currentzis salonfähig gemacht haben. Das Markenzeichen dieses bedenklichen Stils ist der Hang zum Extremen.

Es wird extrem schnell oder extrem langsam gespielt, extrem süß oder extrem ruppig artikuliert. Mit harten Bandagen hielt sich Malov erfreulicherweise zurück. Aber das Final-Rondo so scharf anzugehen, dass es nur fahrig auf Kosten etlicher verschluckter Töne abgespult werden kann, überzeugt ebenso wenig wie ein verzuckertes Adagio, das an längst überholte romantisierende Mozart-Interpretationen erinnert.

Den geschlossensten Eindruck hinterließ der Kopfsatz, allerdings nur bis zur überdehnten Kadenz, die die formalen Proportionen des Satzes über den Haufen warf. Die plakativen orientalischen Einflüsse, die Malov penetrant aufdringlich einfließen ließ, weisen zwar auf eine kurze Alla-turca-Episode des Schlusssatzes voraus, was aber nicht eine derart selbstverliebte und ausladende Vorstellung rechtfertigt, die eher der Selbstdarstellung als dem Werk dient.

Zuvor überraschte der wirklich hochbegabte Musiker einer Interpretation von Carl Philipp Emanuel Bachs Cellokonzert in A-Dur Wq 172 auf dem Nachbau eines heute nahezu vergessenen „Violoncellos da spalla“. Einer dicken Geige, die quer vor der Brust gehalten und gestrichen wird, im Klang einem zarten Violoncello ähnelt, deren spezifische Wirkung in einem großen Konzertsaal jedoch nahezu völlig verpufft. Die feine affektbetonte Agogik, die der Bach-Sohn im Sinne des „empfindsamen Stils“ der Frühklassik anstrebte, lässt sich auf diesem ausgefallenen Instrument allenfalls in kleineren Räumen hörbar machen.

Der englische Gastdirigent Nicholas Kok, der den Abend mit einer klangvollen und sorgfältig phrasierten Interpretation von Johann Sebastian Bachs dritter Orchestersuite eröffnete, begleitete den Solisten in beiden Werken recht steif und entfaltete ein ziemlich dickflüssiges und wenig transparentes Klangbild, das vor allem Igor Strawinskys „Sinfonie in drei Sätzen“ zum Abschluss des langen Abends gar nicht gut bekam. Von der trockenen, glasklaren Textur des Stücks war angesichts des dick aufgetragenen Orchesterklangs so gut wie nichts zu vernehmen. Schade.

Dennoch begeisterter Beifall für alle Akteure.

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