Geheimnisvolle Tanzsprache beim Schrittmacher-Tanzfestival

Von: Sabine Rother
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Dynamik und archaische Kraft: „If At All“ ist der Titel der Choreographie, mit der die Kibbutz Contemporary Dance Company das Schrittmacher-Festival in Aachen startet. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ihre Tanzsprache ist geheimnisvoll, stark und poetisch. Die Kibbuz Contemporary Dance Company aus Israel gehört zu den wichtigsten Botschaftern des Modern Dance auf der Welt. In Aachen eröffneten die 16 Tänzerinnen und Tänzer mit „If At All“, einer Arbeit ihres Choreographen Rami Be’er, das 22. Schrittmacher-Tanzfestival.

„Seit Jahren haben wir uns diese Company gewünscht“, begrüßt Veranstaltungsleiter Rick Takvorian das Publikum in der gewaltigen Backsteinarchitektur der Fabrik Stahlbau Strang gemeinsam mit Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen und Bas Schoonderwoerd, als Direktor des Parkstad Limburgs Theater Repräsentant der niederländischen Partner sowie Chantal Heck vom Kulturzentrum Alter Schlachthof in Eupen, einer neuen Schrittmacher-Adresse. Der Aachener Landtagsabgeordnete Karl Schultheis (SPD) hatte zum Start in die Saison für das Team um Takvorian eine gute Nachricht: 2018 wird das Land NRW das Festival mit 60.000 Euro unterstützen – als Förderung der deutsch-niederländischen Zusammenarbeit.

Und dann geht endlich der geheimnisvolle Mond über der leeren schwarzen Bühne auf und zieht alle, die sich unter ihm bewegen, in seinen Bann. „If At All“ (übersetzt etwa: „Wenn überhaupt“) hatte 2012 Premiere. Choreograph Rami Be’er, Jahrgang 1954, ist Sohn einer ungarischen Architektenfamilie. Künstlerisch hat ihn Yehudit Arnon (1929-2013) geprägt, deren 1970 gegründetes Zentrum für Tanz im Kibbutz Ga’aton nahe der Libanesischen Grenze er übernahm und die Company zu Weltgeltung führte.

In Aachen, wo sich Be’er bescheiden unter das Publikum mischt, hat Be‘er gleichzeitig für spannendes Licht- und Sounddesign gesorgt, was am Premierenabend allerdings etwas zu heftig in den Ohren dröhnt. Immer wieder zerschneiden Cello-Passagen die opulenten Tonkollagen. Das ist Be‘ers Handschrift, denn er ist ursprünglich Cellist – ein Multitalent.

Sehnsucht und Besessenheit

Und so fordert der Choreograph auch von seinen extrem sportlichen Tänzerinnen und Tänzern das Maximum, komplette Hingabe, Modern Dance, der eine vergeistigte archaische Sprache spricht.

Wie eine Priesterin, die im Mondlicht das Getreide mahlt, Wasser schöpft und sich konzentriert ihren Gebeten widmet, nimmt eine der Tänzerinnen den Reigen der menschlichen Sehnsüchte, Besessenheiten, Laster und Tugenden auf.

Tänzer in langen Röcken stürmen die Bühne wie leidenschaftliche Krieger. Nackte Haut, kräftige Muskeln, eine Körpersprache, die sich im rhythmischen Miteinander zu ekstatischen Momenten steigert. Mal liegen die Köpfe im Nacken, baden die Tanzenden ihre Gesichter im Licht des unbewegten Planeten, dann wieder haften die Blicke am Boden, während die Arme wie Adlerschwingen im Herzschlag-Rhythmus zu bedrohlicher Höhe wachsen.

Das sind starke Bilder, in denen Be’er Leben und Sterben aufwallen lässt. Tänzerisch bleibt die Compagnie 65 Minuten lang unter Hochspannung. Die Bewegungen sind intensiv, beweisen eine straffe Ausbildung und die Lust, Grenzen auszureizen, etwa in den Slow-Motion-Sequenzen.

Kampf und Erotik, die Suche nach dem anderen, Anziehung und Zurückweisung, Annäherung und Gewalt sind feste Motive.

Dabei begegnen die Paare einander sehr unterschiedlich, mal sehnsüchtig mit stillen Momenten, dann wieder in Pas de Deux-Varianten, die permanente Flucht und hoffnungslose Suche vermitteln. Auf rechteckigen Lichtmatten sind die Tänzerinnen schließlich allein, tanzen isoliert.

Dem Ensemble gelingen kraftvolle zeitlose Bilder. Die Tonkollagen holen den faszinierten Zuschauer häufig zurück in den Lärm der Welt zwischen tobenden Kindern, träumerischem Glockenspiel und panischen Massen, über die Schüsse peitschen. Alle unterwerfen sich der Magie des Mondes, agieren wie von einer unsichtbaren Macht gesteuert, rollen über den Bühnenbogen, entwickeln im Krabben ähnlichen Rückwärtsgang ungeheure Grazie, hüpfen, strecken die Arme sehnsüchtig nach Leben aus, das sie gierig ergreifen.

Alle Phasen der Evolution toben in „If At All“, wobei die priesterlich-archaischen Outfits langsam zivilisierter, eher angepasster Kleidung weichen. Blumige Korsagen, hellbeige-karierte Röcke, schließlich Oberteile mit Wasserfallkragen – das ist sicherlich eine Frage des Geschmacks. Aber der archaische, schweißtreibende Beginn des Stücks ist eindrucksvoller. Tanztheater pur. Euphorischer Beifall belohnt eine große Leistung. Und Rami Be’er ist mit auf der Bühne.

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