Aachen - Geheimnisvolle Spur führt nach Augsburg

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Geheimnisvolle Spur führt nach Augsburg

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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Eine grandiose Schnitzarbeit aus dem 16. Jahrhundert: die weihnachtliche Geburtsszene im linken Flügel des Marienaltars aus dem schweizerischen Almens in Graubünden, dem Prunkstück des Aachener Suermondt-Ludwig-Museums. Jetzt wird untersucht, wer der Urheber des kostbaren Stücks ist, das seit 1908 dem Aachener Museum gehört. Foto: Andreas Herrmann
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Restaurator Michael Rief zeigt auf eines der berühmtesten Objekte im Suermondt-Ludwig-Museum: Eine Schweizer Bergdorfgemeinde musste den Marienaltar 1908 aus Geldnöten heraus verkaufen . . .
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Sie nehmen den Graubündener Altar und seine Figuren unter die Lupe, um die Herkunft des Kunstwerks zu klären: die Berner Studentinnen Nicola Diels (links) und Selina Wechsler.

Aachen. Er ist das Prunkstück im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum, „unsere größte Kostbarkeit“, sagt Restaurator Michael Rief und betrachtet mit Kennerblick, aber selbst nach all den Jahren immer noch voller Bewunderung die herrlichen Schnitzereien der Reliefs: der Marienaltar aus dem Gebirgsdorf Almens in Graubünden.

Die Geburtsszene im linken und die Anbetungsszene der Heiligen Drei Könige im rechten Flügel: Das sind zu Herzen gehende Weihnachtsdarstellungen, zumal beinahe hundertprozentig im Original erhalten, in der farblichen Fassung wie in der Vergoldung – eine absolute Rarität. Seit 1908 hat der Marienaltar – „eigentlich muss es ‚Flügelretabel‘ heißen“ (Rief) – im Museum an der Aachener Wilhelmstraße seine neue Heimat gefunden und bis heute hin ein Geheimnis bewahrt, das jetzt endgültig gelöst werden soll: das Rätsel seiner Herkunft. Eine versteckte, kaum wahrnehmbare Inschrift auf der Rückseite könnte dabei behilflich sein – und die forensische Analyse von zwei Expertinnen, die gerade aus Bern angereist sind.

Aus Geldnot 1908 verkauft

Kein Mensch weiß bis heute hin, welcher spätmittelalterliche Meisterschnitzer das kostbare Werk geschaffen hat. Es gibt nur halbwegs plausibel begründete Mutmaßungen, auch Expertisen von ausgewiesenen Fachleuten, aber keinen schlüssigen Beweis. Mit hochmodernen CSI-Methoden soll dem Kunstwerk nun das Geheimnis entrissen werden. Eine Geschichte, die mindestens so spannend ist wie überhaupt die seiner Herkunft und des Weges, wie das gute Stück nach Aachen gelangt ist.

„Ich finde es auch schrecklich, dass es verkauft wurde und die Heimat verlassen musste.“ Michael Rief setzt ein gramvolles Gesicht auf – mit einem Augenzwinkern: „Aber jetzt ist es unser!“ Dumm gelaufen, würde man heute sagen angesichts der historischen Verhältnisse in der Schweiz zu Anfang des vorigen Jahrhunderts. Die Kirche in dem Bergdorf Almens – 2005 hatte die Gemeinde 223 Einwohner – wurde von den Katholiken und Protestanten ursprünglich gemeinsam genutzt, bis die Protestanten auszogen und die Katholiken auf den Kosten des zu erneuernden Kirchendachs alleine sitzenblieben. Um die Reparatur zu bewerkstelligen, musste Geld her – und so bot die Gemeinde notgedrungen eben jenen Marienaltar zum Verkauf an. Und ausgerechnet die städtischen Museen Aachens schlugen im Jahr 1908 zu und kauften das Flügelretabel aus der Graubündener Dorfkirche heraus – was die Schweizer offenbar heute noch immer wurmt. Rief: „Regelmäßig ruft der Dorfpfarrer bei uns an . . .“ Keine Chance auf Rückgabe – ein Widerrufsrecht nach dem Fernabsatzgesetz mag heutzutage bei Verkäufen im Internet gelten, selbstverständlich und schon gar nicht nachträglich bei Antiquitäten-Veräußerungen vor dem Ersten Weltkrieg. Wo kämen wir da hin . . .

Aber: Wer hat hier denn nun eigentlich so einmalig grandios ge-schnitzt? „Das Problem ist“, erklärt Rief die ungeklärte Urheberschaft des Stücks, „dass es im späten Mittelalter in Graubünden keine einzige Schnitzerwerkstatt gab. Die Altäre wurden überwiegend aus Südwestdeutschland importiert – aus Ulm, Ravensburg, Kaufbeuren, Kempten, Memmingen.“ Memmingen – das galt in der Fachwelt als Herkunftsort des Almenser Marienaltars bislang als Favorit, genauer: die Werkstatt des Meisterschnitzers Ivo Strigel (1430-1516). Fast alle spätgotischen Flügelaltäre Graubündens wurden von schwäbischen Künstlern geschaffen – besonders viele von Ivo Strigel.

Im Mittelpunkt des Bildprogramms der Graubündener Altäre steht fast immer Maria, die durch ihren Sohn der Menschheit die Erlösung bringt – so auch im Aachener Marienaltar. Allein: Widerspruch kam jüngst von dem Münchener Kunsthistoriker Albrecht Miller – Rief: „Das ist der deutsche Skulpturenpapst.“ Der meint, nicht bei Strigel in Memmingen liege der Ursprung, sondern bei dem Bildhauer Augustin Henckel in Schaffhausen. Von dem nämlich soll auch ein vergleichbarer Altar in Almens‘ Graubündener Nachbarort Stierva stammen. Aber – Rief: „Da hatten wir doch unsere Zweifel. Stilistisch passen die Altäre einfach nicht zusammen.“

Deshalb geht man nun mit (natur-) wissenschaftlichen Methoden den Fragen auf den Grund: Zwei in dieser Disziplin bereits bestens ausgebildete Studentinnen der Hochschule der Künste in Bern weilen zurzeit in Aachen, um das geschnitzte, bemalte und vergoldete Gehölz des Almenser Flügelretabels in jeder nur erdenklichen Hinsicht unter die Lupe zu nehmen: Nicola Diels und Selina Wechsler. Im Januar ist dann der Altar aus Stierva an der Reihe, um beide vergleichen zu können. Das Forschungsprojekt ist eine Zusammenarbeit des Suermondt-Ludwig-Museums mit der kantonalen Denkmalpflege Graubündens, die die Finanzierung übernimmt, und der Gemeinde Stierva.

Maria liegt auf dem Tisch, ebenso die Heiligen Andreas und Johannes – die zentralen Figuren des Retabels. Unter dem Mikroskop wird jedes Detail genau untersucht. Körnchenweise, kaum wahrnehmbar groß, um die Substanz nicht zu schädigen, sind Proben von der Farbfassung entnommen worden, um den Schichtaufbau zu untersuchen. Besonders aufschlussreich, erklärt Michael Rief, sind dabei immer auch die Spuren, die die Herstellung der Figuren hinterlassen hat: die horizontale Einspannung in den Schnitzbänken am Fuß und am Kopf der Skulptur. „Das sind typische Muster, die man vergleichen kann.“

In den 50er Jahren entdeckt, dann in Vergessenheit, jetzt wieder in den Blickpunkt geraten: eine kaum wahrnehmbare, geritzte Zeichnung und eine lateinische Inschrift auf der Rückseite des Retabels. In der Skizze will Michael Rief ein korinthisches Kapitell und einen Pinienzapfen entdeckt haben – Teile des Stadtwappens der Stadt Augsburg. Daneben die Umrisse einer Burg – ebenfalls ein möglicher Hinweis auf Augsburg, Die Inschrift hat der RWTH-Historiker Frank Pohle untersucht. Danach ist der Altar am St.-Andreas-Tag, am 30. November 1522, in Almens eingetroffen – genau an dem Tag, an dem der Kaplan, der die Arbeit in Auftrag gegeben hatte, Jacobus Diepolt, verstorben ist. Wenn das keine tragische Geschichte ist . . .

Ergebnis mit Spannung erwartet

Nicola Diels jedenfalls, die in Aachen geboren wurde, in Köln und Stuttgart aufgewachsen ist und jetzt in Bern studiert, berührt die Begegnung mit diesem Stück aus ihrer alten Heimat ganz besonders intensiv: Sie fiebert voller Spannung dem Ergebnis ihrer Untersuchungen entgegen. Und wenn sie weihnachtliche Gefühle in sich spüren möchte, dann braucht sie nur mal eben ihren Blick links und rechts auf die Flügel des Almenser Marienaltars zu richten . .

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