Aachen - „Gegen den Fortschritt”: Böse, sehenswerte Satire

„Gegen den Fortschritt”: Böse, sehenswerte Satire

Von: Eckhard Hoog
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Die Robben schlagen zurück: in „Gegen den Fortschritt” im Theater Aachen, mit (von links) Nadine Kiesewalter, Katja Zinsmeister, Benedikt Voellmy und Robert Seiler. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Was passiert, wenn das hungernde afrikanische Kind nicht hübsch hinter der Fernseh-Bildschirmscheibe bleibt, sondern aus dem Glotzenkasten heraus- und ins Wohnzimmer hineinklettert? Dann ist Panik angesagt!

Was, wenn die Robben plötzlich den Knüppel umkehren und Menschenkinder tottreten? Der spanische Autor Esteve Soler konfrontiert das deutsche Publikum in der Kammer des Aachener Theaters in sieben Szenen seines Stücks „Gegen den Fortschritt” mit Visionen, die höchst unbequem sind oder ganz böse den Finger in gesellschaftliche Wunden legen, die sich bereits heute abzeichnen. Die Premiere endete nach gut 80 Minuten mit sehr viel Beifall für vier spielfreudige junge Darsteller und das Regieteam.

Eine Stadtlandschaft aus Papphäusermodellen (Bühnenbild: Sabina Moncys) liefert den Hintergrund für traumatische, im Schnitt zehn Minuten dauernde Szenen, die einen satirisch überspitzten Blick in eine unmenschliche Zukunft bieten: Da wird das sterbende Opfer eines Straßenbahnunfalls von einer jungen Frau als Störenfried der abendlichen Stille ruhiggestellt, anstatt den Krankenwagen zu rufen.

Ein Ehepaar beendet nach einem Jahr die Beziehung - zwangsläufig, weil die Menschen mittlerweile befristete Verträge darüber abschließen, wie lange ihre Zweisamkeit dauern soll. Gefühle? Eine Sache der Vereinbarung. Mit viel Biss, Lust und Sinn für Ironie spießt Soler einige missliche Erscheinungen des vermeintlichen „Fortschritts” auf und findet in der Regisseurin Teresa Rotemberg und den Schauspielern Benedikt Voellmy, Katja Zinsmeister, Nadine Kiesewalter und Robert Seiler locker-leicht, vergnüglich zu verfolgende, fast kabarettistisch anmutende Botschafter.

Wie Roboter bewegen sich die Darsteller am Beginn einer Szene zu metallischen Klängen einer imaginären Maschine - das „Ich” bestimmt beim zunehmenden Fortschritt längst nicht mehr das individuelle Sein. Es sei denn, man gehört zur mächtigen Klasse der Gesellschaft und gründet als Manager eine eigene Religion, um Arbeitnehmer gefügig zu halten.

Mit viel Spielwitz und intensiver Bühnenpräsenz verkörpern Benedikt Voellmy, Katja Zinsmeister, Nadine Kiesewalter (herausragend - wann schnappt sie uns das Fernsehen weg?) und Robert Seiler Kinder, Robben, Unfallopfer, Gnadenlosigkeit, Zynismus und moralische Ahnungslosigkeit in Reinkultur. Absolut sehenswert!

Aufführungen bis zum 23. März

Die weiteren Vorstellungstermine in den Kammerspielen des Aachener Theaters: 18., 25., 29. Januar; 2., 11., 19., 25. Februar; 23. März, 20 Uhr.

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