Gefühle hinter Glas: „Gift. Eine Ehegeschichte“ in Aachen

Von: Jenny Schmetz
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Einblicke in eine gescheiterte Ehe: Katja Zinsmeister und Torsten Borm in der Kammer des Aachener Theaters. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Im Theater sind die Zuschauer ja immer irgendwie Voyeure. Aber in der Kammer des Aachener Theaters jetzt ganz offensichtlich: Wo der Blick sonst frei auf die Bühne trifft, ragt eine Wand in die Höhe – mit zwei Fenstern, die fast vom Boden bis zur Decke reichen, getrennt durch einen breiten Träger in der Mitte.

Dahinter leuchtet im Dunkeln ein farbloser Behördenflur mit fünf Stühlen. Ein tristes Bild mit Trauerrand.

Trauer ist der Grundton der folgenden gut 70 Minuten. Ein namenloses Ex-Paar trifft sich nach Jahren wieder – in einem Warteraum am Friedhof, wie man schnell erfährt. „Ein Mann und eine Frau (...), die erst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander“, lautet die Zusammenfassung des redseligen Dramas „Gift. Eine Ehegeschichte“ von Lot Vekemans, das nach seiner Uraufführung 2009 in Gent auch in Deutschland viel gespielt wird.

Warum eigentlich? Mit wenig Aufwand bietet das Zweipersonenstück extreme Gefühle und existenzielle Fragen: Wie weiterleben nach dem Tod eines geliebten Menschen? Aber das Problemstück erklärt viel, leider oft zu viel, die Grundsituation wirkt konstruiert, der Ablauf ziemlich vorhersehbar.

Regisseur Ludger Engels bricht den psychologischen Realismus auf, indem er die Emotionen von Ausstatterin Romy Springsguth hinter Glas legen lässt – so schafft er vor allem Distanz. Mikrofonverstärkt klingen die Vorwürfe und verbalen Verletzungen weniger direkt, mit harten Lichtschnitten setzt er Zäsuren, durch zwei Kameras werden Tränen oder ein schmerzverzerrtes Lächeln in Großaufnahme medial vermittelt und zugleich nah herangeholt.

Während Torsten Borm den Mann, der die Frau verließ, leise und zurückhaltend als Softie mit Hornbrille und Wuschelhaaren zum Sympathieträger macht, wandelt Katja Zinsmeister aufgekratzter auf dem Grat zur Verrücktheit, mit ein paar Lach- und Heulausbrüchen oder einem lautlosen Schrei zu Spieluhrklingklang. Doch gedimmte Gefühle beherrschen diese Therapiesitzung – kein Vergleich mit einer Eheschlacht wie „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Das Extrem ist hier schon, wenn er sie leicht schüttelt und sie ihn eher zaghaft schlägt. Da soll laut Regieanweisung seine Nase bluten, doch auch dieses Lebenszeichen unterdrückt Engels. Vielleicht reden da schon Untote hinter Glas?

Nach gut 70 Minuten dürfen die beiden starken Schauspieler endlich aus der Kiste raus – zum kräftigen Applaus für einen sehr konzentrierten, aber ein wenig wohltemperierten Abend.

Weitere Aufführungen: 4., 7., 11., 15., 17. und 28. Oktober, 8., 22., 26. und 29. November, 13. und 19. Dezember und 4. Januar. Karten in allen Servicestellen Ihrer Tageszeitung.

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