Köln - Gebürtige Aachenerin behauptet sich in der Männerdomäne Heavy Metal

Gebürtige Aachenerin behauptet sich in der Männerdomäne Heavy Metal

Von: Susanne Schramm
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Let it rock: Sabina Hankel-Hirtz (links) mit ihrer Band Holy Moses und Gastsängerin Doro Pesch auf dem beim Fachpublikum als Kult verehrten Open-Air-Festival in Wacken. Foto: Stock/R. Jaenecke

Köln. Von außen betrachtet ist die Musikhochschule in Köln momentan der perfekte Ort für das, was bis Samstag - erstmalig deutschlandweit und in seiner speziellen Ausrichtung sogar weltweit - dort stattfindet: Ein internationaler und interdisziplinärer Kongress zum Thema „Heavy Metal and Gender”.

Es geht um die Musik der Schwermetaller und die Geschlechterrollen innerhalb des Genres. Maßgeblich mit dabei: die gebürtige Aachenerin Sabina Hankel-Hirtz (45), die unter dem Künstlernamen Sabina Classen dem harten Gesang in einem von Männern dominierten Genre erst eine Stimme gab. Und weil die Musikhochschule, ein in den 1970er-Jahren unweit von Dom und Hauptbahnhof errichtetes Gebäude aus Beton, zurzeit wegen Sanierungsarbeiten komplett von einem Korsett aus Aluminium umgeben ist, wirkt sie schon beim Herannahen für die Kongressteilnehmer sehr „metallisch”.

Wie ein Wesen aus der Gruft

Frauen singen, trällern, tirilieren, tschirpen, zwitschern. Sie säuseln, swingen und schnurren. Einige von ihnen, die mit den tieferen Stimmen, dürfen auch schon Mal heftigere Töne anschlagen, dürfen da Fülle, Fundament und Resonanz entwickeln, wo momentan eher Mädchen gefragt sind, die artige Lieder auf unschuldig-helle Art in die Charts befördern. Hauptsache, es hört sich schön an. Sabina Classen hört sich weder artig noch unschuldig oder hell an. Und schön ist in ihrem Fall eine Definitionsfrage. Sie brüllt. Sie schreit. Sie grölt. Sie röhrt. Mitunter klingt ihre Stimme so erdig-bedrohlich wie die eines Wesens direkt aus der Gruft.

Seit 1981 ist die Heilpraktikerin für Psychotherapie die Frontfrau der Thrash-Metal-Formation Holy Moses - und damit eine der ersten Frauen, die einem, ursprünglich von Männer dominierten Genre, eine Stimme gaben. Beim Kongress „Heavy Metal and Gender” ist sie eine von vier Sängerinnen, die stellvertretend dafür stehen, dass Aggression nicht weiblich oder männlich ist, sondern menschlich.

„Stimme hat viel mit Stimmung zu tun”, sagt die 45-Jährige. „Für mich ist das eine Form, Energie auszugleichen. Etwas zulassen zu dürfen und von ganz tief unten heraus aus der Tiefe meiner Seele zu holen. Das hat auch viel mit Mut zu tun, damit, sich etwas zu trauen.” Eigentlich, so sagt sie, sei sie als Mädchen „eher ruhig, fast schüchtern gewesen, aber wenn ich dann mit der Band im Proberaum war, dann bin ich explodiert”.

Gemeinsam mit Doro Pesch (45), Angela Gossow (34) und Britta Görtz (31) überzeugte die Aachenerin die 200 Zuhörer bei einer Podiumsdiskussion in der Musikhochschule davon, dass auch beim Schreien im Metal das Geschlecht eigentlich keine Rolle spielt. Alle vier empfinden sich viel eher als Stimmen, die Musik umsetzen, denn als Frauen in einer Männerwelt.

Obwohl das, durchaus, gewöhnungsbedürftig war. „Anfangs dachten die Leute immer, ich hätte ein Effektgerät in der Stimme”, so Classen, „und von Männern kam schon die Frage: ,Darf eine Frau so brüllen?„. Aber: Müssen Mädchen denn immer nur lieb und nett sein? In meiner Kindheit habe ich Fußball gespielt, beim VfR Forst, als Rechtsaußen. Später habe ich dann den Jugendschiedsrichterschein und den Jugendtrainerschein gemacht - ich wollte die erste Bundesliga-Schiedsrichterin in Deutschland werden. Heute, 30 Jahre später, gibt es eine. Schon das war damals ungewöhnlich. Aber auch eine Möglichkeit, Emotionen rauszulassen und Energien auszugleichen. Auch auf dem Fußballplatz habe ich gebrüllt!”

Zwischen männlicher und weiblicher Aggression sieht sie keinen Unterschied: „Wir alle haben unsere Ur-Instinkte. Empfinden Ärger und Wut. Wenn ich singe, dann wandle ich das um, ich gerate in einen gewissen Trance-Zustand, gehe da ganz rein, pulsiere, bin dynamisch und intensiv.”

Beruflich, als Heilpraktikerin, ist sie dann ganz für andere da, privat, als Sabina Hankel-Hirtz, mischen sich die Anteile beider, derjenigen, die sich selbst heilt, und der, die anderen hilft: „Was bleibt, das bin ich, das ist mein Charakter.” Dass Bands wie Metallica heute ganz selbstverständlich in den Charts sind „und man zum Feierabend ,Highway To Hell´ im Radio hören kann”, erfüllt sie mit Freude: „Es ist schön, dass man solche Sachen mit der Zeit aufbrechen kann”.

Wie ein Rollenverständnis, das Frauen, die säuseln, als weiblicher empfindet als Frauen, die schreien.
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