Köln - Für den Bauch und für die Seele

Für den Bauch und für die Seele

Von: Michael Loesl
Letzte Aktualisierung:
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Musik spielt nicht einen Tag in seinem Leben keine Rolle: William Orbit. Jetzt präsentiert der Klangtüftler ein neues Album. Foto: Marc Marot/Universal

Köln. Irgendwas liegt in der Luft, hier oben im vorletzten Stockwerk des weltgrößten Musikkonzerns, dessen deutsche Niederlassung direkt an der Spree liegt. William Mark Wainwrights Blick wandert rastlos durch den Raum, als ob er nach etwas sucht, das nicht greifbar, aber unbedingt präsent ist.

Wenige Sekunden später lehnt sich der groß Gewachsene gelassen zurück. Seine Ohren haben gefunden, was seine Augen nicht identifizieren konnten. Es sind Sounds, chaotisch statt musikalisch angeordnet. Aus den benachbarten Büroräumen dringt eine in sich höchst unterschiedlich komponierte Tonansammlung in den Konferenzraum.

Geräuschkulisse aus jeder Etage

So klänge seit jeher der Soundtrack seines Lebens, erzählt der 53-Jährige, dessen Künstlername William Orbit seit Anfang der 80er-Jahre für charakteristisch-atmosphärische Elektroniksounds steht. In seinem sündhaft teuren Londoner Haus, nahe dem Kensington Palace, dessen Vorbesitzer ein gewisser Tony Blair war, dränge aus jeder Etage die Geräuschkulisse eines anderen Radiosenders, sagt er.

Orbit liebt Kakofonie. Sie stimuliert seinen informationshungrigen Kopf. Sie hat ihn, den Klangtüftler, der einst auf besetzten Booten in London und Amsterdam hauste, reich gemacht. Er verpasste ihr seine eigene Logik, er machte aus elektronischem Chaos Musik und schuf damit ein klangästhetisches Idiom, das Madonna zur ernstzunehmenden Künstlerin mutieren ließ. Er war ihr Produzent, ihr Glücksfall und die Gemeinschaftsproduktion, „Ray Of Light” gilt auch heute, zwölf Jahre später, noch als unerreichtes, mehr als 20 Millionen Mal verkauftes Meisterwerk.

Ähnliche Präzedenz- fälle gab es in der Popmusik seither nicht mehr. Die Mädchen mit den kammermusikalischen Popidealen, die diversen Norah Joneses, kamen, einige blieben, und William Orbit arbeitete kürzlich sogar mit einer von denen, die sich etablieren konnten: Katie Melua.

Angeblich lockte sie ihn aus dem Produzentenvorruhestand. Orbit winkt spöttisch ab. Musik habe nach Produktionen für Blur, Pink und U2 nicht einen Tag in seinem Leben keine Rolle gespielt. In anderer Form, wohlgemerkt. 2007 komponierte er seine erste Orchestersuite, die noch im gleichen Jahr vom BBC Philharmonic Orchestra in Manchester uraufgeführt wurde. Sie war der Umkehrschluss eines Albums, das Orbit 1995 veröffentlichte: „Pieces In A Modern Style”.

Damals fanden Schlachtrösser der klassischen Musik eine neue Heimat in der Ambient Music. Nach dem Erfolg mit Madonna veröffentlichte Orbits frühere Plattenfirma die Stücke im modernen Mäntelchen rasch neu, verpasste ihnen den unsäglichen Begriff Chill-Out-Musik, ließ Samuel Barbers „Adagio For Strings” noch mal remixen und landete damit prompt einen Clubhit. Immerhin wurde zum bekanntesten Werk des Neo-Romantikers Barber getanzt. Der Rest des Orbitschen Albums konnte getrost als einmal und nie wieder gehörte Musikpille für gestresste Großstädter in den Giftschrank wandern.

Trotzdem präsentiert Orbit jetzt „Pieces In A Modern Style 2”. Anders, aufregend, emotionaler, temporeicher, imaginativ. Camille Saint Saens „Aquarium” öffnet die Pforte in Orbits zeitgemäßes Elektronikuniversum, in dem Stilmittel nicht mehr vor den eigentlichen Kompositionen dominieren.

In ehrfürchtiger Starre verharrt der englische Klangpionier freilich trotzdem nicht. Edward Elgars „Nimrod” bricht er auf, macht aus den langsamen Sätzen seines Landsmannes ein forderndes Zwie- gespräch zwischen pulsierender Rhythmik und melodischer Intensität, die zum intensiven Zuhören zwingt.

Entspannungsmusik ist das nicht. Sie soll es auch nicht sein, wie Orbit zum Schluss sagt. „Musik darf nie nur den Kopf stimulieren. Sie muss zuallererst den Bauch und die Seele berühren. Das tun diese Kompositionen sowieso. Meine Aufgabe bestand darin, sie modern und interessant zu gestalten, damit man sie nicht überhören kann im Kontext unserer alltäglichen Tonberieselung.”
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