Fünf Stunden „Tristan” mit Kartoffelsalat

Von: Armin Kaumanns
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Aachen. Haben die Jungs von der Technik das Dirigenten-Podest im Orchestergraben ein paar Zentimeter aufgepolstert? Oder ist Marcus Bosch so gewachsen während der zehn Jahre als Generalmusikdirektor in Aachen, dass seine blonden Locken neuerdings auch im Parkett zu sehen sind?

Seis drum: Der neue „Tristan”, mit dem das Theater dem Publikum und dem GMD zu seinem Abschied noch einmal einen opulenten Wagner gönnt, geht zu einem wesentlichen Anteil auf die Kappe des charismatischen Orchesterleiters.

Die Partitur im Griff

Bosch hat die Partitur im Griff, kann es richtig krachen lassen, wenn es sein muss, schwelgt auch bis zum Herzerweichen, vor allem aber befördert er den unerhörten Sog der Musik, die hineinreißt ins todestrunkene Liebesdrama. Zugegeben, wir hören auch einige ausfransende Piano-Akkorde, und nicht jeder Solist spielt so untadelig wie Christoph Neuerburg als bühnenwirksames Englischhorn. Aber die Balance mit der Bühne stimmt, Bosch blendet nicht mit seinem Sinfonieorchester, sondern präsentiert die Sänger wie auf dem Präsentierteller.

Extreme Anforderungen

Das allerdings ist auch bitter nötig bei dem fünfstündigen Werk, das vor allem an die Titelpartien extreme, geradezu aberwitzige Anforderungen stellt: Der Tristan des dritten Aktes sollte vernünftigerweise einen Sänger abhalten, Tenor zu werden - so zermürbend für Kopf, Herz und Stimmbänder ist das. Ivar Gilhuus, der erst vor knapp zwei Wochen für seinen erkrankten Vorgänger einsprang, fegt in diesem Seestück alle Bedenken hinweg, die man die drei Stunden vorher wegen einer eher ausdrucksbegrenzten, spröden Stimme hegen konnte: Im Sterbeakt findet der Norweger auch zu herzrührend lyrischen Tönen und strahlt mit allem, was er hat.

Zu diesem Zeitpunkt hat sich die schweizerische Sopranistin Claudia Iten schon in die Herzen des Publikums gesungen. Ihre Isolde kündet unentwegt von Schmerz und Verzückung, von Tod und Sehnen nach Liebesseligkeit, dass es manchmal ganz andächtig wird im Saal. Ihr Schlussmonolog, jene unendliche Melodie bis zum „unbewusst-höchste Lust”, ist ein Fest.

In Pause eins gibt es Kartoffelsalat und Würstchen, in der zweiten Obstsalat mit Vanillesauce. Zu kleinem Preis, denn Aachen ist keine hehre Wagner-Wallfahrtstätte, will es gar nicht sein. Im Gegenteil. Chefregisseur Ludger Engels pflegt einen betont antimystifizierenden Stil bei seinen Annäherungen an die Gesamtkunstwerke des großen Sachsen. Und so erntet auch diese Regiearbeit etliche Buhs im ansonsten frenetischen Schlussapplaus.

Engels und seine vertraute Bühnenbildnerin Christin Vahl meiden jede Opulenz, sie siedeln den Liebestod-Mythos in einem kargen, uns vertrauten Gestern an. Der Schiffs-Akt spielt in einer Art Finnensauna. Nackte Bänke, Weichholzpaneele als Wände einer in den großen Bühnenraum eingekasteten Klause. Den Damen - Isolde in Pulli und Hose, Brangäne trägt (auch später) Karo - ist unwohl. Tristan, der ab und zu an die Rampe tritt oder sich auf bereitstehende Schmuddel-Sessel setzt, um mit Kurwenal zu plaudern, will nicht ins Kämmerlein kommen. Isolde bricht einen Tobsuchtsanfall vom Zaun, wie man ihn auf einer Wagner-Bühne noch nicht gesehen hat. Pelze, Polster, Schlafsack, Brautschleier - alles fliegt durch die Gegend.

Die Zeit drängt, soll doch Tristan, der Held, per Todestrank dran glauben. Doch bis es zum berühmten Liebestod kommt, bemüht Brangäne noch eine Blechkiste mit einem Arsenal an Zaubertrank-Phiolen, steckt den Tauchsieder in die Steckdose und braut auf der Camping-Kühlbox den Gift-Tee, der bekanntermaßen als Liebestrank sich entpuppt.

Goldfische im trüben Glas

Starker Tobak das alles und auch wieder nicht. Denn auf diese Weise rücken die Figuren ganz nah an uns heran, ihre alltägliche Menschlichkeit macht Wagner/Schopenhauers reichlich verschwiemelte Philosophie von der alle Konvention sprengenden Kraft der Liebe, die Erfüllung nur im Tod finden kann, nachvollziehbar. Denn unter Verzückung der Liebenden gerät die Bühnenwelt aus den Fugen, die Wände drehen sich, sprengen und weiten den Raum.

Und doch ist dieser Raum im folgenden, dem Cornwall-Akt, fast derselbe. Holzbretter, deckenhoch. Vorn zwei Goldfische im trüben Glas. Isolde erwartet Tristan, später dann Liebestaumel. Und wieder reißen die Wände auf, verschachteln sich, geben neue Räume frei. „O Wonne voller Tücke.” Denn nicht nur König Marke, Isoldens Angetrauter, erscheint zur finalen Messerstecherei, vorher haben zwei Paare ihren überraschenden Auftritt. Das ist, neben wunderbar nachvollziehbarer Profilierung der Personen, der Clou an Engels Regiekonzept: Er stellt seine Protagonisten in einen neuen familiären, gesellschaftlichen, existenziellen Kontext. Während die Protagonisten, die ganz deutlich jenseits der 40 verortet sind, nun also stilisiert einander beiwohnen, tun ein greises sowie ein jugendliches Paar ein Gleiches.

Diese Idee hilft über den sehr handlungsarmen, statuarischen Mittelakt hinweg. Und macht neugierig auf das Ende, das so unvergleichlich schön vom Sterben und Sehnen Tristans singt. Hier findet Engels dann doch zur Romantik, stilisiert die Umrisse von Tristans Burg in ein von Nebeln durchwabertes Nachtstück, dramatisch beleuchtet im Sinne Caspar David Friedrichs. Wasser bedeckt die Hinterbühne, durch das bei Gelegenheit die beiden Männer waten, die wir als Jungen und als Greis kennen - nackt, wie Gott sie schuf.

Man muss nicht alle Ideen der Regie verstehen, wie auch Wagners Oper sich gegen schnelle Deutung sperrt. Engels ist aber unzweifelhaft gelungen, das Werk in der Schwebe, in der Waage zu halten. Alle Fragen offen, könnte man sagen, wie Isolde im Schlussbild einsam an der Rampe steht, hinter ihr Leichen und Verzweifelte.

Eine Ära endet mit Blumen

Aber dann spürt man zurück in die vergangenen fünf Stunden: hört noch einmal die über sich hinauswachsenden Ensemblemitglieder - den famosen Hrólfur Saemundsson als Kurwenal, die wunderbare Brangäne der Sanja Radisic, das Wiederhören mit Woong-jo Choi als Marke. Und denkt - ein pathetisch opulentes Programmheft in Händen - an die Hitze des Tages, das kühlende Gewitter und die klare Sternennacht, die draußen wartet, während im Saal die Ära Bosch mit Blumen vom Intendanten abgefeiert wird.

Die weiteren Aufführungen

„Tristan und Isolde”, Oper von Richard Wagner, Theater Aachen.

Weitere Aufführungen: 26. Mai, 18 Uhr; 1. Juni, 18 Uhr; 7. Juni, 17 Uhr; 17. Juni, 15 Uhr; 24. Juni, 17 Uhr; 1. Juli, 17 Uhr; 7. Juli, 17 Uhr.
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