Frisches Blut für die alte Dame Oper

Von: Jenny Schmetz
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Füße hochlegen? Nur für unseren Fotografen: die Theater-Stipendiaten Camille Schnoor (26) und Maximilian Krummen (23). Foto: Harald Krömer

Aachen. Frisch und fit kommt sie daher, die alte Dame Oper. Zumindest in der Gestalt von Camille Schnoor (26) und Maximilian Krummen (23). Die Sopranistin und der Bariton sind die neuen Stipendiaten der Aachener Theaterinitiative. Im Gespräch machen die beiden jungen Sänger deutlich, dass sie ihre oftmals totgesagte Kunst für unsterblich halten.

Erste Schritte: So nennt der Förderverein des Aachener Theaters sein Projekt, mit dem er Nachwuchstalenten den Einstieg ins Berufsleben erleichtern will: durch Praxistraining und finanzielle Hilfe. „Es ist schön, endlich Geld zu bekommen für das, was man machen will“, sagt Camille Schnoor. In dieser Saison sind also keine Nebenjobs nötig: Sie muss nicht mehr als Korrepetitorin am Klavier arbeiten, er nicht mehr als Testgucker fürs Fernsehen. Im Vorsingen haben sich beide gegen 20 Mitkonkurrenten durchgesetzt. „Beide verfügen über ausgesprochen schöne und technisch gut geführte Stimmen“, meint Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck. Zudem seien sie „darstellerisch begabt“.

Der Zauber des Anfangs durchkribbelt die Sängerdarsteller auf der großen Bühne besonders intensiv: Denn er eröffnet als zahnstocherkauender Sergeant Moralès in „Carmen“ mit den ersten Versen die Aufführung wie sie als kissenschwingende Gretel in Humperdincks Märchenoper. „Der erste Vorhang geht 20 Zentimeter vor meinem Gesicht hoch“, sagt Krummen stolz. „Das ist schon eine besondere Verantwortung.“ Diese war für Camille Schnoor besonders groß, musste sie doch für die erkrankte Erstbesetzung kurzfristig in der Premiere einspringen – mit Riesen-Erfolg.

Allererste Schritte: Bevor sie sich in den Gesang „hineinstürzte“, hat die Französin Klavier studiert, zuerst in ihrer Heimatstadt Nizza, dann in Paris. Und bevor der Fürther Maximilian Krummen seine Stimme in Schul-Musicals als Instrument entdeckte, spielte er jahrelang Klarinette. Nach seinem Bachelor-Abschluss als Sänger arbeitet er an der Kölner Musikhochschule derzeit an seinem Master. Auf Aachener Bühnen war der Bariton allerdings schon mehrfach zu erleben: 2010 in einer Hochschulproduktion als Purcells Aeneas und 2011 im Grenzlandtheater mit italienischen Arien in der Komödie „Noch einmal verliebt“.

Damals meinte Intendant Uwe Brandt anerkennend: „Wenn der Junge loslegt, fliegt uns hier regelmäßig das Blech weg.“ Camille Schnoor rühmt an seiner „sehr reifen Stimme“ aber gerade das „breite dynamische Spektrum“. Er kann also auch leise. Die Sopranistin hat ihr Studium zwar schon beendet, aber arbeitet weiterhin an ihrer Stimme – mit dem ehemaligen Rektor der Kölner Musikhochschule, Josef Protschka („Das war Liebe auf den ersten Blick.“).

Hartes Geschäft: Dass es nicht leicht wird, sich auf dem Sängermarkt durchzuboxen, wissen die Anfänger natürlich. Selbstmarketing per Homepage, Visitenkarte oder Agenten könne nicht schaden. „Viel Selbstvertrauen und Optimismus“ seien sowieso gefragt, sagt Camille Schnoor, „sonst kann man gleich aufhören.“ Nicht selten würden junge Sänger „zu früh zu schwere Partien singen“. Da sei ihr Praktikum viel entspannter als ein Festengagement. Zumal sie den Rückhalt im Ensemble lobt: Sopranistin Irina Popova kümmere sich liebevoll um sie – etwa mit selbst gebrautem Holunderblüten-Zauberelixier aus ihrer Heimat Bulgarien. „Das gibt richtig Power!“

Krummen hält sich beim Joggen und im Fitnessstudio in Form. „Viel schlafen, gut ernähren, glücklich sein“, lautet Schnoors Fitness-Rezept. Wobei Punkt eins momentan Probleme bereiten könnte. Erst vor viereinhalb Monaten hat die 26-Jährige einen Sohn zur Welt gebracht. Ihr Mann, Bariton Rüdiger Nikodem Lasa, macht eine Babypause. Aber den kleinen Raphael stillt sie auch schon mal in der Pause von „Hänsel und Gretel“. „Man muss sich ein bisschen organisieren, aber das ist in keinem Job leicht“, sagt sie gelassen.

Auch Krummen, dessen Freundin Pianistin ist, will trotz des unsteten Berufs „auf jeden Fall Kinder haben“. Passenderweise besingen die beiden Stipendiaten ab 4. Mai als Paar Papageno und Papagena in der Wiederaufnahme von Mozarts „Zauberflöte“ viele „liebe kleine Kinderlein“. Überdies studiert die Sopranistin die Partie der Königstochter Ginevra in Händels „Ariodante“ ein, und der Bariton wird als Diener Fiorillo in Rossinis „Barbier von Sevilla“ auftreten.

Gutes Aussehen: Dass beide schlank und ansehnlich sind, ist wohl kein Zufall. Auch in dieser Hinsicht müsse man als Sänger „den Standard“ erfüllen, sagt Camille Schnoor. „Ich habe erlebt, dass Kolleginnen, die wunderbar singen, aber vielleicht 20 Kilo zu viel wiegen, nicht genommen wurden“, erinnert sie sich an Bewerbungsrunden mit kurzen Röcken, High Heels und viel Schminke. „Bei manchen Vorsingen war ich mir nicht sicher, ob ich bei ,Germany‘s Next Topmodel‘ gelandet bin.“

Für Männer seien die optischen Ansprüche zwar nicht so extrem, ergänzt Krummen, aber ein gutes Körpergefühl sei selbstverständlich sehr wichtig. Zumal es beide erfrischend finden, dass Sänger heute nicht wie früher „an der Rampe stehen und Arien runterbrettern“, sondern „viel Wert auf Schauspiel gelegt wird“. Obwohl Krummen gerne alte Platten von Hermann Prey oder Leonard Warren auflegt, sollten die alten Opernstoffe heutigen Zuschauern verständlich gemacht werden, plädieren beide für „modernes Regietheater“ – mit Respekt vor der Musik. „Es muss ja nicht alles bei McDonald‘s spielen“, sagt Camille Schnoor und lacht.

Gute Aussichten? Elitäre Veranstaltungen, alternde Zuschauer, drohende Kürzungen. Klar, sie kennen die Einwände und Gefahren. Dennoch sagen beide unisono: „Ich glaube, die Oper wird nie aussterben.“ Diese „seelische Berührung“, die „unmittelbare Energie und Emotion“ gebe es sonst nirgends. Gerade ein junges Publikum wollen sie begeistern. Fit und selbstbewusst. „Das werden wir schon schaffen!“

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