Frischer Wind: Berliner Ex-Galerist übernimmt Kunstverein-Leitung

Von: Eckhard Hoog
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Von Berlin nach Aachen: In der Hauptstadt war Ben Kaufmann einer der angesehensten Galeristen. Ab 1. September leitet er als künstlerischer Direktor den Neuen Aachener Kunstverein. Foto: Andreas Herrmann
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Er erwartet von Ben Kaufmann ein Programm, das vor allem das hiesige Publikum verstärkt dem Neuen Aachener Kunstverein zuführen soll: NAK-Vorstandsvorsitzender Werner Dohmen.

Aachen. Als er Ende 2011 seine Galerie in Berlin schloss, da würdigten die Online-Ausgaben der „Zeit“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ das Ereignis mit einem großen Artikel und einer Notiz des Bedauerns.

„Man wollte es nicht glauben, als der Berliner Galerist Ben Kaufmann erklärte, aus dem Kunstmarkt auszusteigen. Kopfschütteln erntete der Querdenker, der 2004 in München begann, noch auf der Art Basel Miami Beach. Doch seit dem 1. Januar ist es tatsächlich vorbei. Kaufmann hat außergewöhnliche Arbeit geleistet“, schrieb faz.net. Doch der Aussteiger – studierter Künstler, Ausstellungsmacher und angesehener Galerist – steigt in Kürze wieder ein: als künstlerischer Direktor des Neuen Aachener Kunstvereins (NAK).

Am 1. September übernimmt er die Position von Dorothea Jendricke, die nach London gewechselt ist. Der erste „Mister NAK“ nach einer ganzen Reihe von Vorgängerinnen.

„Die Kosten sind hoch“

Sportlich-lässig und um einiges jünger als 41 wirkt der Mann, der auf Kunstmessen wie die in Mexiko, Los Angeles und New York noch stets besondere Aufmerksamkeit erfuhr und unter seinen Kunden einige der wichtigsten Sammler der USA nennen konnte. Aber warum er schließlich aus dem Kunstgeschäft ausgestiegen ist, darüber verliert er jetzt lieber nur wenige Worte. „Ich habe gespürt, dass die Konjunktur nicht nach oben geht“, sagt er. Und andere Berliner Galerien hätten mittlerweile auch angekündigt zu schließen.

„Es ist schwierig, effizient zu arbeiten; die Kosten sind hoch.“ Also: nach vorne geblickt. Und da der NAK in London und San Francisco mindestens ebenso bekannt ist wie in New York, lag es für ihn durchaus nahe, den Lebensstationen München und Berlin nun Aachen folgen zu lassen.

Werner Dohmen, seit über 25 Jahren Vorstandsvorsitzender des NAK, verbindet hohe Erwartungen mit dem Neuzugang: „Er wird für neuen frischen Wind im Neuen Aachener Kunstverein sorgen“, sagt er. „Vor allem auch mehr Präsenz in Aachen zeigen und hier überhaupt die Aktivitäten erhöhen.“

Mehr Angebote soll es geben neben den Hauptausstellungen. Indirekt spricht Dohmen damit ein Problem an, das er und der Vereinsvorstand seit längerem glasklar registriert haben: International genießt der NAK zwar eine außergewöhnlich hohe Reputation, in Aachen und der Region interessiert sich aber nur eine Handvoll Eingeweihter dafür. Zu abgehoben und elitär kamen zuletzt die Kunstprojekte des NAK daher, und eine persönliche Vermittlung war nicht in Sicht. Das soll mit Ben Kaufmann ganz anders werden.

„Wir planen ein Programm für ein breiteres Publikumsspektrum“, erklärt er. „Der NAK soll eine Plattform werden.“ Ein Forum für Positionen unterschiedlichster Art ist angedacht, das eine Bindung sucht zu anderen Quellen der Kreativität in der Stadt: der Fachhochschule und der RWTH. Dabei ist die Architektur, schon in den 60ern ein Hort der Avantgarde in Aachen, als erstes in den Blick geraten. Für 2014 plant Kaufmann bereits ein Kooperationsprojekt „Bildbetrachtung von Architektur“. Die Zusammenarbeit sucht Kaufmann überdies mit den Museen der Region – von Mönchengladbach bis Bonn, von Maastricht bis Köln.

Ein monatlicher „Jour fixe“ soll dem NAK vermehrt Publikum zuführen – über Konzerte, Vorträge und Diskussionen in dem eigenen Bauhaus-Gebäude im Stadtgarten an der Passstraße. Auch zum Karlsjahr 2014 will Kaufmann einen Beitrag leisten – zum Thema „Karolinger und Architektur“ und das in ungewohnten Ausstellungsräumen: in leerstehenden Lokalen in der Stadt.

Er kennt Gott und die Welt

Der Mann kennt Gott und die Welt – „vernetzt sein“ nennt man das auf Neudeutsch und gilt in der Kreativbranche als wichtigste Kompetenz überhaupt. Außerdem ist er auch noch künstlerisch breit aufgestellt: Gerade dreht er einen Dokumentarfilm über einen Künstler, der für ihn auch dazu beigetragen hat, eine Verbindung zu Aachen herzustellen: der in Düsseldorf lebende Horst H. Baumann, gebürtiger Kaiserstädter, der in den 50ern an der TH Hüttenkunde studierte, später zum international beachteten Laserkünstler und documenta-Teilnehmer avancierte und 1979 in Kassel die erste permanente Laserskulptur der Welt schuf. So tummelt sich Kaufmann bereits seit Herbst 2012 im Rheinland.

Das erste Ausstellungsprojekt widmet Kaufmann dem Sänger und Performance-Künstler Klaus Nomi (Eröffnung 14. September). „Selbst Lady Gaga beruft sich auf ihn“, erklärt „Mister NAK“ die nicht versiegende Aktualität des außergewöhnlichen Pop-Artisten (1944-1983). Der aus Immenstadt stammende Countertenor sorgte in den 70er Jahren in New York für Furore. 1978 engagierte ihn David Bowie als Backgroundsänger für eine Fernsehshow. In Deutschland wurde Nomi zu Beginn der 80er Jahre im Fernsehen bekannt.

Kaufmann nutzte sein „Netz“ und interviewte Größen wie Ulrike Oettinger, die 2008 eine Hommage an Klaus Nomi im Berliner Ensemble inszeniert hat, außerdem Jürgen Klauke und Melissa Logan zu Fragen der Selbstinszenierung.

Die Interviews werden in der Ausstellung als Audio-Endlosschleife laufen – der Künstler in Ben Kaufmann lässt sich nicht verleugnen.

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