„Fräulein Julie“ im Grenzlandtheater: Begeisterter Applaus

Von: Sabine Rother
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Spiel mit dem Feuer: Nika Wanderer als „Fräulein Julie“ in August Strindbergs gleichnamigem Stück, das im Grenzlandtheater Aachen Premiere hatte. Denis Schmidt spielt den „Diener Jean“. Foto: Kerstin Brandt

Aachen. Diener Jean kämmt sich die schweißnassen langen Haare, was in der Bürste hängenbleibt, zupft er gedankenverloren heraus und schnippt es in den Raum – Gänsehaut und immer wieder ein bisschen Ekel: Die Eröffnungsproduktion des Grenzlandtheaters Aachen geht unter die Haut.

Catharina Fillers hat August Strindbergs Tragödie „Fräulein Julie“ subtil in Szene gesetzt. Das Erfolgsstück des schwedischen Autors, 1889 in Kopenhagen uraufgeführt, erzählt die Geschichte vom lebenshungrigen Adelsfräulein Julie, das sich in der Mittsommernacht mit dem undurchsichtigen Diener Jean einlässt und schließlich am Leben verzweifelt. Geschlechterkampf und der Wunsch, alte Fesseln zu durchtrennen, vermischen sich zum unheilvollen Cocktail.

Julie, irritiert von unverdauten emanzipatorischen Gedanken ihrer Männer hassenden Mutter, ist süchtig nach Abwechslung im satten Einerlei, sie sinnt auf Flucht. Das Männliche zieht sie magisch an. In diesem Konflikt verliert sie die Bodenhaftung. Auch Jean, der sich große Mühe gibt, seinen Ausbruch aus dem niederen Diener-Dasein kühl zu planen, scheitert erbärmlich. Das von ihm eingefädelte Spiel mit Julie läuft aus dem Ruder, er muss in der Rolle des buckelnden Domestiken verharren.

In ihrer Regie sorgt Catharina Fillers für spannende Tempowechsel. Das Kammerspiel wird zum Psychothriller. Belauern, verbal zuschlagen, Rückzug, neue Attacke: Die Gefechte werden hitziger. Julie verliert sehr bald die Kontrolle – und den Verstand. Nika Wanderer gibt dem gar nicht mehr so jungen Fräulein im rosafarbenen Kleid Schärfe und Intensität.

Das sind keine pubertären Allüren mehr sondern echte Probleme einer angeschlagenen Psyche. Sie treibt das Spiel mit dem Diener auf die Spitze, will ihn aufspießen wie einen Käfer in der Sammlung eines Naturforschers. Doch der dreht den Spieß um. Schlagfertigkeit und akrobatische Beweglichkeit, Intellekt und Körper, sprechen eine deutliche Sprache. Sie geht mit einer Rolle rückwärts vom Tisch und lässt sich das kalte Bier über den Tisch schieben – es landet zwischen ihren gespreizten Beinen.

Die Funken fliegen. Die Interaktion ist atemberaubend. Denis Schmidt wirft sich mit vollem Körpereinsatz in diese Rolle. Man glaubt, den virilen, etwas ungepflegten Typen mit seiner muffigen Dieneruniform zu riechen. Als Julie sich an ihn heranmacht, hofft er auf seine Chance – auf Startkapital für ein freies Leben. Schmidt verfügt über ein enormes darstellerisches Repertoire für diesen schillernden Charakter, der sich zwischen Zynismus, Verachtung, zupackender Männlichkeit und kurzfristig ernst gemeinter Scham bewegt.

Interessant die fast archaisch-männliche Empfindlichkeit, wenn jemand sein langes Haar berühren will. Mit der aufrechten Köchin Kristin, stark und präsent von Nadine Nollau verkörpert, verdirbt er es sich jedenfalls. Sie repräsentiert die alte Ordnung im herrschaftlichen Haushalt, nimmt ihm weniger den Seitensprung als den Wunsch übel, diese Gesellschaftsschicht zu verlassen.

Geradezu futuristisch ist das Bühnenbild von Manfred Schneider, der gleichfalls für die Kostüme verantwortlich ist. Alles spielt sich in einem grünlichen Kachelraum mit langem grauem Tisch ab, unter und auf dem symbolträchtig herumgekrochen wird. Diese Küche kann man durch zwei Türen betreten: Wer zur Herrschaft gehört, steht beim Betreten des Raums unmittelbar auf dem Tisch. Wer zur Unterschicht gehört, muss dazu auf den Stuhl klettern. Damit untermauert Schneider auch optisch das Konzept der Regie.

Catharina Fillers hat „Fräulein Julie“ mit beunruhigender Klarheit in die Gegenwart transportiert. Begeisterter Applaus des Premierenpublikums.

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