Flirtkurs endet mit Kinnhaken

Von: Sabine Rother
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Allesamt ausgezeichnete Schauspieler: im Stück „Blütenträume” im Aachener Grenzlandtheater. Foto: Klaus Herzog

Aachen. Da sind diese acht Personen auf der Bühne so richtig schön in Fahrt geraten , und schon werden sie mit diesem Reichtum an gelebtem Leben wieder alleingelassen.

So ein bisschen könnte Autor Lutz Hübner in seinem Stück „Blütenträume”, das jetzt im Grenzlandtheater Aachen Premiere hatte, sich selbst im Kursleiter Jan gesehen haben, der den gut gemeinten, aber eher schlecht gemachten Flirtkurs an der Volkshochschule betreuen soll.

Bühnenbildner Charles Copenhaver sorgte für den trostlosen Unterrichtsraum und in der späteren Szene für eine Wohnung, die zwischen biederen Polstern und heftig modernen Bildern die inneren Brüche der Menschen dort zeigt, die Heike M. Schmidt chic und typgerecht kleidet.

Nach drei Stunden hat Jan, der verkrachte Schauspieler, die sieben lebenserfahrenen, aber auch vom Leben verletzten „Schüler” gegen sich, handelt sich einen Kinnhaken vom bodenständigen Ruhrpottler Heinz ein und verlässt schmollend und gar nicht mehr flirtend den Raum. So, wie ihm die Luft nach relativ kurzer Zeit aus-geht, so dümpelt das Stück spätestens nach der Pause einem laschen Ende entgegen. Jan kommt nicht wieder, die in „Schnapslaune” beschlossene Senioren-WG verpufft noch vor dem ersten konkreten Schritt...

Das zunächst in Kurzform. Ulf Dietrich, renommierter und gern-gesehener Regisseur im Grenzlandtheater, ging mit bestechend gutem Blick für die Menschen ans Werk, die der 45-jährige deutsche Autor Lutz Hübner hier zeichnet. Das Stück ist relativ frisch, 2007 war die Uraufführung in Essen.

Jeder der ausgewählten Darsteller trägt seine eigene, nicht immer nur tragische Geschichte in sich. Dietrich schafft es wunderbar, das mit ihnen herauszuarbeiten, wobei der schmale Grat zwischen Komik, Tragikomik und Burleske nie verlassen wird.

Wir kennen sie, diese Kursleiter, die ihre eigenen Verklemmngen mit dem Unterricht kompensieren. Harald Pilar von Pilchau ist so einer, ausgestattet mit ein bisschen Lehrbuchwissen, aber angsterfüllt und fern von jeglicher Menschenkenntnis. Dabei sind sie so faszinierend. Da gibt es den egozentrischen und vor dem Alter panisch zurückschreckenden Ex-Schuldirektor Friedrich, dem Hans-Peter Deppe die große Gestik und die viel zu laute Stimme gibt.

Still und versponnen

Still und versponnen, aber sehr lieb hat Ulf, wunderbar zurückgenommen verkörpert von Ernst Wilhelm Lenik, die Welt nie so ganz verstanden. Bodenständig und herzensgut spielt Karl-Heinz Dickmann den Autolackierer Heinz, der mit seiner Offenheit oft wohltuend verblüfft.

Und die Frauen? Sie fragen an dieser Stelle ihres Lebens: „War das alles?” Jutta Schmidt, die (eigentlich) überzeugte Single-Frau Britta, Bibliothekarin mit wachem Intellekt, verbirgt ihre Verletzlichkeit hinter einer scharfen Zunge. Fein und einfühlsam Uta-Maria Schütze als Ex-Professorengattin Frieda, die bewegend und realistisch krass beschreibt, was ein Partner mitmacht, wenn der andere in demenzielle Pfegebedürftigkeit und Dunkelheit versinkt.

Die stets hektisch bemühte, stets ausgenutzte jugendliche Oma ist Gila, von Gudrun May mit Witz und Tragik gespielt. Und dann ist da noch die frühzeitig vereinsamte und von Selbstmitleid erfüllte Erfolgsfrau Julia, die Heike Schmidt zwischen Euphorie und Hysterie ansiedelt, ein „spätes Mädchen”, obwohl sie viel jünger als die anderen ist.

Tja, als all das den Zuschauer erreicht hat, laufen diese Menschen von der Bühne. Nö, nun doch keine WG. Es gibt ein paar Pärchen, die Einsame bleibt einsam - Schluss. Vielleicht war dem Autor das plötzlich alles unheimlich und zu nah am Leben? Es lohnt jedenfalls, nochmals darüber nachzudenken. Freundlicher Applaus für ein gute Ensembleleistung, bewegende Gedanken und eine sorgfältige Regie.

„Blütenträume” im Grenzlandtheater Aachen, Elisen-Galerie, 20 Uhr, bis 17. Mai, danach in der Region. Matinee mit Autor Lutz Hübner am Sonntag, 19. April, 11 Uhr, Eintritt frei, bitte dennoch Einlasskarten an der Kasse abholen. Karten: 0241/4746111.
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