„Fiddler on the Roof – Anatevka“ ohne die üblichen Klischees

Von: Sabine Rother
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Regisseurin Ewa Teilmans mit Hauptdarsteller Bart Driessen im Bühnenbild von „Fiddler on the Roof“. Foto: Ralf Roeger
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Bart Driessen in der Rolle des Tevje im Musical „Fiddler on the Roof“. Foto: Marie-Luise Manthei

Aachen. Dicker Bauch, sonniges Gemüt, von Beruf Milchmann, besonderes Merkmal: Er singt am liebsten „Wenn ich einmal reich wär . . .“. Wer nach dem Musical „Anatevka“ gefragt wird, hat meist dieses Bild im Kopf von Tevje, der Hauptperson des Stücks.

Darsteller wie Shmuel Rodensky oder Ivan Rebroff haben die Rolle geprägt. Ewa Teilmans hat da ganz andere Vorstellungen. „Einige rundliche und ältere Künstler haben sich bei unserem Casting tatsächlich für die Rolle beworben“, seufzt die Regisseurin. „Die musste ich leider alle fortschicken.“ Für das Theater Aachen inszeniert sie das Musical mit der Musik von Jerry Bock (Buch Joseph Stein, Liedtexte Sheldon Harnick), das als „Fiddler on the Roof – Anatevka“ am Sonntag, 18. September, im Großen Haus Premiere hat.

Brauchtum und Tradition

Tevje und dick? „Das ist völlig unmöglich“, betont die Regisseurin und verweist auf die Vorlage zum Musical. In seinen Erzählungen „Tewje, der Milchmann“ hat Scholem Alejchem genau beschrieben, wie arm die jüdischen Menschen im ukrainischen „Schtetl“ 1905 waren – Ort und Zeit der Handlung. „Tevje hatte bestimmt keinen Bauch, dazu gab es viel zu wenig zu essen, und er musste täglich seinen Wagen ziehen.“ Die Armut der Juden Osteuropas spielt im Text eine große Rolle – noch wichtiger sind allerdings Brauchtum und jüdische Tradition.

Ewa Teilmans hat – wie immer – gründlich recherchiert. Und irgendwann fand sie ihn – „ihren“ Tevje. Der niederländische Bariton Bart Driessen ist schlank, 46 Jahre alt und verfügt über eine warme Opernstimme. „Ich singe normalerweise andere Sachen, Mozart, Rossini oder Verdi“, sagt er. „Aber die Rolle in diesem Musical, das irgendwie gar kein typisches Genrewerk ist, reizt mich.“ Selbst zum Thema Gesang haben er und die Regisseurin geforscht. Die Dauerausstellung zum jüdischen Leben in der Essener Synagoge hat sich Driessen genau angeschaut. Per Kopfhörer gab es dort Klangbeispiele – ein Glücksfall.

„Fiddler on the Roof“, 1964 uraufgeführt, war am Broadway das Gegenmodell zu „Hello Dolly“ und „My Fair Lady“ – und die Rettung für eine Sparte, die dringend neue Zuschauer brauchte. Ewa Teilmans hat großen Respekt vor dem Original, das nicht nur virtuos unterschiedliche Musikstile miteinander verbindet, sondern die ernsten Anklänge nicht auslässt – die Schikanen der russischen Machthaber, denen die Ostjuden an der Wende zum 20. Jahrhundert ausgesetzt waren, bis hin zur Zerstörung ihrer Schtetls. Auch Tevjes Familie wird aus dem Schtetl Anatevka vertrieben. Seine drei erwachsenen Töchter wollen bei ihrer Verheiratung nicht der Tradition sondern der Liebe folgen. Ein Happy End gibt es nicht – und Gott, an den sich Tevje immer wieder wendet, schweigt.

Ewa Teilmans hat sich von jüdischen Freunden beraten lassen. „Es ist wichtig, wer zum Beispiel am Schabbat die Kerzen anzündet, wie die Abläufe sind, sonst werden wir unglaubwürdig“, betont sie. Und was ist mit dem „Fiddler“ auf dem Dach? Die Literatur sieht ihn als Symbol für den Balanceakt, den ein Leben von Menschen verlangt, die permanent verfolgt werden. Für Ewa Teilmans ist er, dem Marc Chagall ein Denkmal setzte, der Schutzengel Tevjes und des jüdischen Volkes, eine große, brüderliche Seele, die den Menschen immer wieder neue Kraft zum Überleben verleiht und die Hoffnung, das alles gut wird, selbst in tragischen Momenten nährt.

„Das Stück ist sehr aktuell, wenn man an Frankreich denkt, wo sich die Juden kaum noch mit der Kippa, ihrer traditionellen Kopfbedeckung, auf die Straße trauen“, sagt die Regisseurin. Sie schaut genau hin, auch beim Bühnenbild von Andreas Becker. Typisch – ja. Aber nicht romantisierend pittoresk, wie es lange Usus war.

Der jüdische Humor und die tragikomischen Momente spielen eine wichtige Rolle. „Das passt gut zu mir“, lächelt Tevje-Darsteller Driessen, der sofort eine Frage hatte, als er die Zusage bekam: „Wer ist meine Bühnen-Ehefrau Golde?!“ Inzwischen sind er und Sopranistin Irina Popova ein Herz und eine Seele. Ein Kompliment, das ihn besonders freut: „Sie hat gesagt, ich sei der beste Bühnen-Ehemann, den sie je hatte“, lacht Driessen.

Gesprochen wird deutsch, gesungen in englischer Sprache, allerdings mit deutschen Übertiteln. „Die Songs würden auf Deutsch gar nicht klingen“, versichert Driessen. Neun Tänzer – ein paar standen bereits bei der „West Side Story“ auf der Bühne – sind im Einsatz, mal als junge jüdische Männer, dann wieder als wilde Russen. „Jeder von ihnen hat eine richtige Rolle“, versichert Ewa Teilmans. Das Spektrum der Musik reicht von klassischen Klängen über Broadway-Melodien bis zum Klezmer. Das alles bewältigt das Sinfonieorchester Aachen, das durch einen Gitarristen und einen Akkordeonisten verstärkt und vom Ersten Kapellmeister Justus Thorau dirigiert wird.

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