Feuerwerk der Emotionen: Monteverdi-Oper im Theater Aachen

Von: Sabine Rother
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Die Countertenöre Owen Willetts (links) und Riccardo Angelo Strano sind „Ottone“ und „Nerone“ in Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“. Foto: Andreas Herrmann
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Umfangreiche Partitur: Immer wieder müssen die Künstler entscheiden, wie das Werk Claudio Monteverdis heutzutage zu interpretieren ist. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die beiden Countertenöre Owen Willetts (37) und Riccardo Angelo Strano (29) treten in Monteverdis Oper „L’Incoronazione di Poppea“ auf. Die Premiere ist am Sonntag im Theater Aachen.

Zwei junge sportliche Männer steigen lässig die Treppenstufen zum Proben- und Verwaltungsgebäude des Theaters hinauf. Das Industrieambiente des „Mörgens” mit seinen Werkstätten und Probebühnen, den dunklen, hier und da bröckelnden Backsteinfassaden und dem Lastenaufzug fasziniert sie, es hat ein bisschen was von New York, einem Hinterhof in London oder einem Loft in Hamburgs Speicherstadt.

Die beiden kennen sich aus, denn sie reisen kreuz und quer durch die Welt: Den Engländer Owen Willetts (37) und den Italiener Riccardo Angelo Strano (29) verbindet eine besondere Stimme, eine für viele Zuhörer irritierende „Farbe” in Opern des Barock, aber auch in Werken der Kirchenmusik: Die beiden sind Countertenöre, das „Falsett” ist ihre Spezialität, die hohe Männerstimme.

Kaum sind sie beisammen, stecken sie die Köpfe zusammen, beugen sich über die Partitur, probieren eine Phrase aus. Dann leuchtet der Zauber dieser Gesangs auf, und sie wirken verwandelt – Owen Willetts in „Ottone”, Riccardo Angelo Strano in „Nerone”. In Claudio Monteverdis Oper „L‘incoronazione di Poppea“, die am Sonntag im Theater Aachen Premiere hat, kann man sie sehen und hören.

Rückhalt ist wichtig

„Wenn wir irgendwo singen, dann sind wir Gäste”, lächelt Strano. „Ein Countertenor ist kein Sänger, der Mitglied eines Ensembles sein wird.” Willetts nickt. „Aber das ist okay, für mich ist das ein ganz normales Leben.” Ungebunden, ja, aber der familiäre Rückhalt ist wichtig. „Man braucht jemanden, der auf einen wartet, oft kommen Leute aus meiner Familie zu den Aufführungen”, lächelt der Italiener etwas melancholisch. Er stammt aus dem sizilianischen Catania und hat am Koninklijk Conservatorium Den Haag Gesang studiert. Bereits im Alter von 21 Jahren debütierte er in Georg Friedrich Händels Oper „Agrippina” – übrigens gleichfalls in der Rolle des Nero.

Countertenor? Das ist kein klassisches Studienziel, sondern eine Gabe. Ein Talent, das von guten Lehrern entdeckt und zur Reife gebracht wird. „Meine ursprüngliche Gesangsstimme ist viel tiefer”, erzählt Strano: „Aber ich konnte die Höhen gut nehmen, und dann konnte ich mich spezialisieren.“ Zunächst war der Sänger sogar Instrumentalist, spielte Oboe und hatte damit bereits ein gutes Atemtraining absolviert.

Singen mit einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimme („Falsett-Technik“) in Alt- oder Sopranlage ist anstrengend. „Ja, man braucht eine besondere Disposition, das muss schon vorhanden sein, sonst hält man nicht durch”, meint Owen Willetts. Der internatonal gefragte Sänger hat an der Royal Academy of Music in London studiert.

Wie sein Kollege Strano ist er ein „Agrippina”-Sänger, bei ihm war es allerdings der „Narciso”, den er bei den Händel-Festspielen in Göttingen sang. Mit dem „Ottone” aus „Poppea” hat er Erfahrung, aber auch mit berühmten Bach-Werken wie der Johannes- und Matthäuspassion, dem Weihnachtsoratorium und dem „Messias” von Händel. Bei ihm lief die Entwicklung ähnlich wie bei Strano: „Gesang war mir schon wichtig, aber eigentlich lernte ich Cello.”

Wenn die beiden über ihre Wege zur Musik, ihre Lust an Harmonien in besonderen Höhen sprechen, müssen sie lachen. „Meine Eltern hatten noch ganz viele Platten, zum Beispiel von Joan Baez, die hat mich fasziniert”, gesteht Willetts. Als er fünf Jahre alt war, hörte er den Soundtrack zu „Lord of the Rings”. Wenn er heute daran denkt, war das der Moment, in dem er die Liebe zur Musik zum ersten Mal richtig spürte. „Aber ich war gleichzeitig ein Fan von allen singenden Disney-Figuren”, lacht er.

Als Countertenöre müssen die beiden beachtliche Textmengen auswendig lernen. „Es ist ein altes Italienisch, da muss selbst ich als Italiener ganz genau hinsehen”, meint Strano, und Willetts seufzt. „Am Anfang habe ich mir alles Wort für Wort übersetzen lassen, so gut spreche ich nicht Italienisch, aber nun klappt es. Um die Empfindungen richtig umzusetzen, muss ich alles verstehen.”

Opern aus der Zeit des Barock verlangen Disziplin. Sängerisch und darstellerisch. Was sie manchmal nervt, ist das Unverständnis für den Gesang des Countertenors. „Nein, das ist eben nicht die Imitation einer Frauenstimme, es ist eine Stimme, die in uns ist, die man erahnen kann, wenn man Knaben vor dem Stimmbruch singen hört”, sagt Willetts.

Beim Thema „Kastraten” geht Strano auf Konfrontation: „Ich frage dann die Leute immer: ,Was wisst ihr überhaupt von Kastraten? Habt ihr je einen gehört?’ Da sind die meisten still.” Und es gibt nicht „den” Countertenor, denn diese Stimmlage kennt vier Abstufungen. „Monteverdis „Poppea” ist für die beiden Sänger ein Feuerwerk der menschlichen Emotion, ein zeitloses, psychologisch geprägtes Werk.

„Es reizt zum Nachdenken über uns Menschen“, meint Willetts. Die Handlung ist im Rom des Jahres 62 nach Christus angesiedelt, zur Zeit Kaiser Neros. Zwischen Fortuna, der Glücks- und Schicksalsgöttin, und Virtu, Verkörperung der Tapferkeit, entbrennt eine Fehde. Aber Amor, Gott der Liebe, verlangt schließlich die Alleinherrschaft. Er sagt ganz klar: Der Trieb besiegt den Verstand, die Begierde die Macht.

Das Spiel kann beginnen, und im Mittelpunkt steht Nero, der mit Ottavia verheiratet ist, eine Liebschaft mit der raffinierten Schönheit Poppea eingeht und derart für sie entbrennt, dass er sie neben sich auf dem Thron sehen will. „L‘Incoronazione“ ist Ziel der ehrgeizigsten Frau Roms. Jede Rolle ist für Strano eine innere Reise, eine Entwicklung. Großen Respekt haben die beiden vor „Ottone“, Gatte der Poppea. Willetts singt und spielt diesen unglücklichen Mann, der mit ansehen muss, wie seine Frau ihr Ziel mit allen Mitteln erreichen und den Thron durch die „Macht der Liebe“ erklimmen will.

„Er durchläuft tatsächlich eine Wandlung, er wächst über sich hinaus“, beschreibt er den Fortgang der Handlung, die in eine Art römischen Krimi mündet. Dann kommt auch noch Drusilla, Ottones vormalige Braut, ins Spiel, die er einst wegen Poppea verstoßen hat. „Drusilla will ihn retten, sich für ihn opfern, das zeugt von einer echten Liebe, das wird im Gesang spürbar, und das ist großartig“, meint der Italiener. „Claudio Monteverdi hat in der musikalischen Erzählung eine Verbindung aus Energie und Schönheit geschaffen.“

Gut hinhören

Was sich die beiden von ihrem Publikum wünschen: Gut hinhören, sich auf die barocke Klangsprache Monteverdis einlassen, den sie als „ganz schön modern“ empfinden. „Wenn ich singe, dann ist das ein physischer Vorgang, etwas, das ich durch und durch spüre, das sind Vibrationen“, erklärt Strano, und Willetts nickt. Ja, es sei nur schwer zu beschreiben: „Aber singen kann man nur mit Körper und Seele.“ Barockmusik trägt für die beiden Sänger eine Botschaft: „Sie bringt dich dazu, Emotionen zu fühlen.“

Die Regie in Aachener übernimmt der Schweizer Jarg Pataki, der für unkonventionelle Theatererlebnisse steht. Die beiden lachen: „Das verraten wir noch nicht!“ Stecken sie in steifen Barockgewändern? „Nicht unbedingt“, lautet die gleichfalls vage Antwort. Wie halten sich Riccardo Angelo Strano und Owen Willetts während eines Engagements fit, um ihre auch körperlich anstrengenden Rollen zu schaffen und dabei gut bei Stimme zu bleiben? „Schlafen und den Mund halten“, sagen sie knapp.

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