AZ App

„FaustIn and Out“: Im tiefen Kerker bitterböser Wahrheiten

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
6945804.jpg
Blick in den dunklen Kerker: Emilia Rosa de Fries ist eine von drei „Gretchen“, Thomas Hamm als „Faust/Mephisto“ in Elfriede Jelineks Sekundärdrama „FaustIn and Out“, das am Samstag im Theater Aachen Premiere hatte. Foto: Wil van Iersel

Aachen. Es ist dumpf und dunkel in der schwarzen „Kiste“. Etwa 50 Menschen atmen. Sie rutschen gespannt auf den harten Stühlen herum, Parfüm- und Rasierwasseraromen liegen in der warmen Luft: In seiner außergewöhnlichen Inszenierung von „FaustIn and Out“, Elfriede Jelineks „Sekundärdrama“ zu Goethes „Urfaust“, nimmt Regisseur Ludger Engels das Publikum des Aachener Theaters mit in Ungeheuerliches.

Es geht um Frauen, die – wie das von Faust verführte Gretchen – als hilflose Opfer zynischer Gewaltverbrecher unserer Zeit („Fall Kampusch“, Joseph Fritzl/Amstetten) psychisch und körperlich gefoltert wurden und werden.

Hintergründig wird seziert

Die Textflut der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ist eine Herausforderung und Gefahr für jeden Regisseur. Engels meistert dieses Risiko, verschränkt geschickt die Passagen und verzettelt sich dabei niemals. Das Ensemble setzt spielend und mit bester Sprechtechnik hervorragend um, was in jedem Wort, jeder Wendung spannend bleibt. Sarkastisch, bitterböse, klug und hintergründig seziert Jelinek das männlich geprägte Weltbild, stellt Goethe‘sche Redewendungen auf den Kopf, teilt selbst mit Sprüchen aus der Werbung Hiebe aus.

Besonders Elisabeth Ebeling, Emilia Rosa de Fries und Katja Zinsmeister, die im fließenden Wechsel „GeistIn“, „FaustIn“ und „Gretchen“ sind, haben extreme Textmengen zu verkraften – und schaffen das mit Bravour und intensivem Ausdruck.

Die Zuschauer in den drei „Kisten“ sind „ihrer“ Darstellerin beunruhigend nah – und was sie sagt und tut, das geht jedem extrem unter die Haut. Gekrümmt bewegt sich Emilia Rosa de Fries in Minikleid und Nieten besetzten Plateauschuhen (auch das schon eine Gewaltfantasie) im winzigen Aktionsradius. Romy Springsguth setzt mit Kleidung und Frisuren („Gretchen“-Zopf) deutliche Akzente.

Über den Köpfen hört man Stimmen, donnernde Schritte, süßlichen Chorgesang. Ab und zu reißt jemand eine Luke auf, blickt, wie bei einer Peep Show, durch ein Fensterchen hinein in diesen Lebenskerker oder es kommt eine Stimme aus dem Lautsprecher.

Ein Durchschnittsleben

Wenn Jelinek sagt, das Sekundärdrama solle als „kläffender Hund“ stets neben dem Klassiker herlaufen, so hält sich Ludger Engels straff an diese Strategie – und das funktioniert beunruhigend gut. Wohlbekannte Textpassagen aus dem „Urfaust“ sind durchzogen von scharfzüngigen Analysen zum Frauenbild in einer Männer dominierten Gesellschaft. Geschieht das schon im Durchschnittsleben (Frauen beim Arzt, in der Depression, beim Shoppen, beim Versuch, nicht zu altern), so stellt sie dem gierigen Verführer Faust Sexualverbrecher unserer Tage zur Seite – mit heftigen Details zum Leben im dunklen Betonverlies inklusive Nachttopf, Vergewaltigung und Dosennahrung.

Es ist bemerkenswert, wie sich im Textfluss Jelinek, Goethe und sogar Zitate aus Paul Celans „Todesfuge“ – „dein blondes Haar Margarete“ – zu einem Strom der geronnenen , gruseligen Machtstrukturen verbindet.

Dann wieder ein Poltern, ein Schrei – was passiert da oben? Und plötzliche die kühle Stimme aus dem Off: „Nehmen Sie Ihre neuen Plätze ein.“ Schweigend marschiert der kleine Trupp hinter dem freundlichen Theatermitarbeiter her, der das grüne, rote oder blaue Schild in die Höhe hält. Im Foyer kreuzen sich die stummen Gruppen. Die einen gehen nun in die „Kiste“, die anderen auf den ersten Rang hinauf.

Von hier aus schaut man auf Holzkonstruktionen, Stege, Leitern, Treppen – alles kühl, sachlich, eine Baustelle. Ein Monitor zeigt in verschatteten unscharfen Bildern, wie von einer Überwachungskamera aufgenommen, was die drei Frauen in ihren Verliesen tun. Mit seiner anspruchsvollen Bühnenkonstruktion hat Phi-lipp Berweger den Ebenen des Sekundärdramas eindeutig räumlichen Ausdruck gegeben.

Was zuvor im Dunkeln nur zu hören war, sieht man jetzt. Auch die Damen des Sinfonischen Chors, die flüsternd, singend und wie ferngelenkt an den mahnenden Chor der griechische Tragödie erinnern. Thomas Hamm und Tim Knapper agieren über den Bauten und Stegen in fließendem Wechsel als „Faust“ und/oder „Mephisto“. Jeder steckt im anderen.

Gemeinsam verkörpern sie gierige Zögerlichkeit und selbstmitleidige Brutalität. Das haben sie mit allen Tätern gemeinsam. Luken werden aufgerissen, man schlägt auf das Holz der Kisten. Die beiden erreichen eine umnebelte Raserei. Ganz kurz, aber messerscharf eingeblendet: eindeutige Kopulationsbewegungen – Tim Knapper spielt sie mit geschmeidiger Akrobatik und skizziert so erschreckend direkt ohne Worte, was jeder dieser Gewalttäter denkt: „Frauen wollen es ja nicht anders, sie verdienen es nicht anders . . .“

Und plötzlich gehen die Verliese auf, Publikum schaut auf Publikum, die drei Frauengestalten sind frei – oder? Nein, die psychischen Deformierungen sind und bleiben grausig. Diese Frauen leben und sind doch mehr als tot. „Wenn der Papa kommt, der Papa, der sorgt für alles “, ruft Emilia Rosa de Fries, Elisabeth Ebeling fragt: „Was ist denn jetzt mit der Religion?“

Und Katja Zinsmeister referiert über die „Dreieinigkeit ihres Peinigers als Schöpfer, Liebhaber, Vater der Kinder“. Eins davon ist gestorben – und wurde in den Kamin geworfen. „Aber damit kann man doch kein Haus heizen . . .“ – harte, lapidar ausgesprochene Sätze wie dieser blecken im Text die Zähne.

Engels hat ein sehr straffes Konzept geschaffen und künstlerisch klar umgesetzt. Da irrt nichts und niemand ab, gibt es keine überflüssige Aktion, begreift man Jelineks Blick in die Kerker. Sein Ensemble folgt ihm mit viel Kraft. Das Premierenpublikum applaudiert, ist irritiert und nachdenklich. In der frischen Nachtluft atmet es sich gut.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert