„Faust 1+2 #konzentriert“ überzeugt im Theater Aachen

Von: Sabine Rother
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„Faust 1+2 #konzentriert“ im Theater Aachen: eine vierstündige Produktion mit (von links) Katja Zinsmeister, Karsten Meyer, Benedikt Voellmy, Tim Knapper, Nele Swanton, Marie Hacke, Hannes Schumacher und Elisabeth Ebeling. Besonderes Schmuckstück in dieser Szene ist die Schmerzensmutter Mater Dolorosa. Foto: Marie-Luise Manthei
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Eine vollgeschriebene, riesige Schultafel bildet zu Beginn den Hintergrund: Szene mit (von links) Karsten Meyer, Benedikt Voellmy, Katja Zinsmeister und Tim Knapper.

Aachen. Die himmlischen Heerscharen tragen Rüschenhöschen, der Teufel spielt ausgezeichnet Violine, und es regnet Ein-Euro-Scheine: In „Faust 1+2 #konzentriert” verknüpft Regisseurin Christina Rast routiniert opulenten Theaterzauber mit klar durchdachter Aussage. Franziska Rast (Bühne) und Gunna Meyer (Kostüme) stehen ihr optimal zur Seite, Malcolm Kemp sorgt für eine Klangkulisse, die die Sinne anspricht.

Nahezu vier Stunden dauert Johann Wolfgang von Goethes Dichtung aus zwei Schaffensphasen im Theater Aachen. Zunächst ist da ein Wissenschaftler in der Krise, der durch schwarze Magie erreichen will, was ihm die konventionelle Lehre versagt. Danach kommt großer Gestus, der zeitlos bittere Fragen in mythologische Gigantomanie verpackt.

Geschickt gestraffter Text

Die mit Spannung erwartete Premiere am Wochenende gelingt ohne Besucherverlust. Der eine oder andere hat zur Sicherheit sein gelbes Reclamheftchen aus Schülerzeiten noch in der Tasche. Bei aller Aktion lässt Christina Rast den geschickt gestrafften Text sehr genau sprechen.

Goethes Dichtung kommt frisch über die Rampe. Mehrere Faust-Darsteller? Mehrere Gretchen? Mehrere Wagner? Ein zeitweise vervielfachter oder fix einmal in andere Körper schlüpfender Teufel? Es funktioniert – aber nur, weil sich die zerlegten Monologe dann doch wieder zur faszinierenden Gedankenanalyse verdichten.

Philipp Manuel Rothkopf empfängt die Zuschauer im frech angereicherten „Vorspiel auf dem Theater” mit lockerer Komik als Hilfsdramaturg in ausgeleierten Jeans. Er zeigt in weiteren Szenen große Wandlungsfähigkeit.

Tim Knapper, Karsten Meyer, Benedikt Voellmy und Katja Zinsmeister sind alle Faust. Christina Rast gelingt es, die Schauspieler so zu führen, dass man die Qualen des Suchenden in allen Facetten versteht. Die vier kommen sich nie ins Gehege, verdoppelte Zeilen wirken wie ein jeweiliges Echo der wichtigsten Aussagen. Unter ihnen mutiert im ersten Teil Benedikt Voellmy zum zynischen, höchst intellektuellen Mephisto, ein moderner Strippenzieher mit teuflischem Charme.

Die Ausstattung der Produktion (ein Kraftakt der Werkstätten) ist zunächst intellektuell spartanisch. Mit Zitaten und Aussprüchen in unterschiedlichen Schrifttypen ist der Bühnenhintergrund übersät wie eine mit Kreide vollgeschriebene Schultafel. Grau-, Schwarz- und Anthrazit-Töne überwiegen, selbst bei den zurückhaltenden Kostümen. Die fatale Unterschrift zum leidlich strapazierten Satz „Blut ist ein ganz besondrer Saft” ist eine effektvolle Vampirattacke mit Teufelsbiss.

Was auffällt in dieser Inszenierung: Vermeintlich Bekanntes wird neu und prickelnd umgesetzt. Die bühnenwirksam praktizierte Bewusstseins- und Persönlichkeitsspaltung bei Dr. Faustus gelingt gleichfalls mit der Gretchen-Figur, die in vier Margareten daherkommt. Elisabeth Ebeling, Marie Hacke, Nele Swanton und Hannes Schumacher sind als alters- und geschlechtsgemischte Gretchen im Putzeinsatz bei einer riesig-kitschigen Mater Dolorosa. Die Slips blitzen unter pastellfarbenen Kleidern hervor. Hysterische Frömmigkeit und äußerliche Reinlichkeit sind gepaart mit mühsam unterdrückten Gelüsten.

Drei Teil-Gretchen reißen sich vom Verführer los – ein Teil gibt nach und wird im brutalen Akt der Inbesitznahme geschwängert. Danach verfrachtet man alle vier blutverschmiert in ein gewaltiges Gemälde, das eine wüste Gebirgslandschaft mit Adler und dicken Gemsen zeigt. Das ist ein bisschen zu monströs mit Papp-Putten und riesiger Hand Gottes von oben.

Szenen wie „Auerbachs Keller“ oder „Hexenküche“ werden von Christina Rast knapp und scharf auf die Essenz jeglicher Sucht, ob Sex, Alkohol oder Droge, heruntergekocht. Sie verabschiedet sich damit von der in Faust-Inszenierungen gern genutzter Opulenz und lässt stattdessen durch Tänzer Ken Bridgen Fausts Sehnsucht nach Schönheit und Ästhetik in kurzer Reinheit aufleuchten.

Szenenwechsel: „Faust 2” wird schwieriger, denn er ist schwieriger. Das 1832, kurz nach Goethes Tod und 27 Jahre nach „Faust 1” veröffentlichte Drama gerät zur gigantischen Parabel über weltliche und geistliche Herrschende, deren Gier und Schuld am Weltenbrand. „Global-Player” Faust, wie er im lesenswerten Programmheft genannt wird, scheitert erneut kläglich, ob technisch, wissenschaftlich oder unternehmerisch. Die zuvor bereits eingesetzte Kuppel mit rundem Loch, das den schwarzen, ungnädigen Himmel und später die Weltkugel zeigt, wölbt sich über der Handlung, die zeitweise ermüdet.

Hilfreiche Übertitel

Die mythologischen und politischen Anspielungen, die Helena- und Euphorion-Geschichte, die wimmelnden Unterweltgestalten verlangen Kenntnisse. Wer weiß denn schon etwas über die Lamien (Keara Lindert-Knöppel/ Larisa Vasyyukhina) oder die Phorkyaden? Hilfreich sind in solchen Momenten die beim Schauspiel eher unüblichen Übertitel zum Spielort der jeweiligen Szenen.

Regisseurin Rast steuert ihre Akteure mit fester Hand durch literarische Fluten, spielt mit bissigen Parallelen wie Kaiser/Kanzlerin Angela Merkel oder Finanzminister/Otto Graf Lambsdorff (Nele Swanton) und greift beim Herumbasteln am Homunculus im Laboratorium lustvoll in die von kaltem Neon geprägte Frankenstein-Fantasy-Kiste. Hannes Schumacher mit leuchtendem Kostüm ist ein Homunculus, der die Blicke bannt. Ken Bridgen und Johanna Esser agieren fieberhaft als Wissenschaftler und Versuchsobjekt. Mephisto – alterslos – erhält neue schrecklich-schöne Gesichter.

Bewegende und schmerzliche Nähe zum Stück verstärken Bühnenbildnerin und Regisseurin erst wieder im letzten Teil, der „Grablegung” mit einer aufragenden, aus kaputten grauen Planken gezimmerten Holztribüne, die sich dem Publikum bedrohlich nähert. Zuvor muss das alte, treue Paar Philemon und Baucis – grandios Elisabeth Ebeling und Günther Oschmann – der Willkür weichen. Verbliebene Gestalten klettern und agieren auf brüchigen Stufen – der finstere Teufel im Narrenkleid, das still gewordene Gretchen und in schwindelnder Höhe Tim Knapper als erblindeter, getäuschter, sterbender Faust.

Im Scheitern rührt er an, nachdem den Hoffenden zu Anfang Ariel (Larisa Vasyukhina) im weißen Luftkleid so schön singend empfangen hatte. Ein konzentrierter Abschluss von „Faust 1+2 # konzentriert” und eine reife Leistung des gesamten Teams. Verdienter Applaus.

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