Aachen - „Farm der Tiere“ im Mörgens: Multitasking am Tapeziertisch

„Farm der Tiere“ im Mörgens: Multitasking am Tapeziertisch

Von: Günter H. Jekubzik
Letzte Aktualisierung:
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Mit Kuhglocke, Bierflasche und Xylofon: Björn Jacobsen in „Farm der Tiere“ im Aachener Mörgens. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Die Bretter, die die Welt bedeuten – hier sind sie ein langer Tapeziertisch voller akustischer Requisiten. Hinter dem sitzen im Einheitslook die Schauspieler Torsten Borm, Björn Jacobsen und Felix Strüven und evozieren in einer wahren Multitasking-Tour de Force mit jeweils über zehn verschiedenen Rollen und artistischer Klangerzeugung tierisches Vergnügen, aber auch Schrecken zugleich.

Im Mörgens des Theaters Aachen interpretieren sie George Orwells immer noch hochaktuellen Roman „Farm der Tiere“ aus dem Jahr 1945 als Live-Hörspiel. Und es ist tatsächlich schier unfassbar zu erleben, wie man mit Zwiebelhacker, Tennisschläger, Xylofon, Bierflaschen mit Plöpp-Verschluss, Kokosnussschalen oder vielen Papiertüchern eine britische Farm aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ins Leben rufen, wie man damit gackern, wiehern und schreien kann.

Man könnte bei der Inszenierung von Eike Hannemann (Dramaturgie: Gesa Lolling) die Augen schließen und sich wie beim guten alten Hörspiel leicht in den Stall und das Herrenhaus der Farm oder in den Pub hineinversetzen. Dann wäre einem allerdings die großartige Mimik der drei Akteure entgangen. Zu erleben sind eben nicht nur umwerfend komische Stimmlagen, sondern auch herrlich komisches Schauspiel.

Felix Strüven als sehr eitle und sehr dumme Stute Mollie zum Beispiel, der dieses unechte Hörspielformat-Format schon früher mit Krimiinszenierungen lustvoll aufgeboten hat. Oder Torsten Borm, der in sekundenschnellem Wechsel sowohl das Diktatoren-Schwein Napoleon als auch dessen Widersacher aufleben lässt. Doch auch das Entsetzen fährt in Mark und Bein, wenn die Tiere ihren revolutionären Vordenker Old Major entdecken – zu Schinken verarbeitet.

Trotz vordergründig lustiger Ton-Produktionsmittel erzählt die „Farm der Tiere“ auch in dieser Form sehr wirkungsmächtig die bittere Parabel vom politischen Niedergang guter Ideen. Es hätte gar nicht der manchmal an den Pferde-Haaren herbeigezogenen Aktualisierungen bedurft (die Farm wird zum Bio-Bauernhof), um die immer noch eindrucksvolle Aktualität des Stoffes zu vermitteln.

„Farm der Tiere“ ist nicht nur die alte Geschichte von Sozialismus, Kapitalismus und Kommunismus, in der deutlich Stalin mit seinen Vernichtungsfeldzügen gegen das eigene Volk zu erkennen ist. Es ist auch die immer wiederkehrende Geschichte von den Revolutionären, die später die Sahnetorte auffressen. Bis man Schweine auf zwei Beinen und im Frack Zigarren rauchen sieht. Viel Applaus.

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