Fanta 4 in Aachen: Thomas D über Kreativität und Zukunftspläne

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Der Musiker Thomas D (Thomas Dürr) der Band „Die Fantastischen Vier“ ist bühnenerfahren. In zwei Jahren feiert die Band 30-jähriges Bestehen. Foto: dpa

Aachen. Die Fantastischen Vier, diese geradezu unverschämt erfolgreichen Poeten aus einer Zeit, als Hip Hop noch Anarchie war, beehren Aachen im Rahmen der Kurpark Classix. Mit Aphorismen von bleibendem Unterhaltungs- und Bildungswert, die sie längst ins kollektive Popgedächtnis gemeißelt haben.

Wer ein Ticket für das längst ausverkaufte Konzert am 2. September im Aachener Kurpark ergattert hat, wird eine Band erleben, die neugierig geblieben ist. Auf ihre Zuhörer und die eigenen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten.

Wie viel Originalität sich eine der größten Popbands des Landes noch bedienen kann und wie groß die Selbstzweifel nach 28 Karrierejahren sind, erzählt Thomas D im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Michael Loesl.

Herr D, So viel Karriere und so selten Aachen auf Ihren Tour-Plänen. Warum schlugen Die Fantastischen Vier auffallend selten in der westlichsten Großstadt des Landes auf?

Thomas D: Na ja, man kann ja nicht immer überall sein. Außerdem ist mir der Grund für Ihre Frage sympathisch. Es ist doch toll, dass sich die Aachener darauf freuen, uns in ihrer schönen Stadt live zu erleben. Im Umkehrschluss könnten ja auch Kommentare kommen wie: ‚Ach, die schon wieder! Waren die nicht erst im letzten Jahr hier?‘. Du gehst als musikschaffender Vagabund dahin, wo die Leute heiß auf dich sind.

Jetzt stapeln Sie aber tief. Ist Ihr Sprechgesangs-Quartett nicht längst eine deutsche Pop-Institution geworden, die überall gerne gesehen ist?

Thomas D: Wir haben uns fraglos eine Position geschaffen, die reichlich Privilegien mit sich bringt. Wir können veröffentlichen, was wir wollen und dürfen darauf bauen, dass wir mindestens Gehör finden. Aber wir zwingen niemanden dazu, Die Fantastischen Vier zu mögen. Wenn man so will, bieten wir optionale Unterhaltung an. Für manche hängt ein Mehrwert daran, andere besuchen unsere Konzerte, weil sie eine Party mit uns und unseren Hits feiern wollen.

Wie weit geht Originalität bei einer Truppe, die längst zur Familienband geworden ist und mehrere Generationen unter Ihren Zuhörern weiß?

Thomas D: Das ist eine interessante Frage. Wenn wir eine Firma wären, würden wir musikalische Produkte anbieten, die irgendwie für jeden passend sind. Als Kreativer kann man aber dergestalt nicht arbeiten. Damit würde man jegliche Originalität töten. Im Entstehungsprozess unserer Platten schließen wir Erwartungshaltungen konsequent aus.

Funktioniert das auch live? Die Fantastischen Vier sind ja dafür bekannt, sich zwischen den Songs verbal die Bälle gegenseitig zuzuwerfen. Ist das überhaupt noch praktikabel, wenn man vor zigtausend Zuschauern auftritt?

Thomas D: Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Club- und Open-Air-Konzerten. Kleine verbale Nuancen gehen vor großem Publikum verloren oder werden gar nicht verstanden. Deswegen halten wir unsere Ansagen klar und kurz. Es macht keinen Sinn, sich gegenseitig ins Wort zu fallen, wenn mehrere tausend paar Ohren zuhören. Aber das Gefühl, eine Band zu sein, die Spaß an ihrem Publikum und an ihrer Musik hat, lässt sich unbedingt auch auf größere Menschenansammlungen übertragen.

Auch der Humor, der einen nicht unwesentlichen Teil des Charmes der Fantastischen Vier ausmacht?

Thomas D: Humor in der Musik ist ganz schwierig. Wer konnte seinen Humor so präsentieren, dass er auch wie Humor wirkte? Frank Zappa konnte das. Wir schreiben Texte, über die wir im Studio herzhaft lachen können, weil wir sie teils vollkommen absurd finden. Dann nimmt man sie auf und plötzlich klingen die amtlich, so, als ob wir uns vorgenommen hätten, etwas ganz Wichtiges zu sagen. Aber wenn wir von Einhörnern singen, auf denen wir reiten, um Sterne zu pflücken, wird die Skurrilität der Aussage hoffentlich klar.

Vor drei Jahren feierten Sie Silberhochzeit als Band, in zwei Jahren werden die Fantas 30. Kommt man ab einem bestimmten Alter nicht um Jubiläen herum?

Thomas D: Oh, Jubiläen! Finger in den Hals! Es gab zum 25. genau vier Leute, die keine Lust aufs Feiern des Jubiläums hatten, das waren die Fantastischen Vier. Aber das Showgeschäft weiß sehr geschickt, moralische Grundsätze einzufärben. Die große Hure Babylon weiß, wie sie dich nimmt.

Schmerzt es die Kreativseele nicht, immer wieder und immer öfter in der Zweitverwertung zu leben?

Thomas D: Deswegen arbeiten wir ja auch bereits an einem neuen Album, das Anfang des nächsten Jahres erscheinen soll. Es fällt mir nicht schwer, kreativ zu sein. Wir denken ja schließlich rund um die Uhr. Aber im großen Reich der Ideen lässt sich mitunter auch extrem lange wildern, bevor man etwas am Start hat, mit dem man sich selbst überrascht. Darum geht es. Die Frage danach, wie lange wir noch Musik machen wollen, die inzwischen in jedem schlechten Interview gestellt wird, interessiert uns nicht die Bohne. Als Künstler lebst du im Moment, nicht in der Zukunft und nur deswegen in der eigenen Vergangenheit, weil sie vielen Leuten etwas bedeutet.

Sind persönliche Reife und Rap überhaupt miteinander kompatibel?

Thomas D: Gute Frage! Reife ist eine Konsequenz im Denken, der man sich mit der Zeit nähert. Ich bin Vater von zwei Kindern und bemüht, die Welt für sie nicht in Schwarz und Weiß zu trennen. Ich hoffe, dass ich ihnen so die Fähigkeit mitgebe, erkennen zu können, wie sich Perspektiven jederzeit ändern können. Das ist meine positive Definition von Erwachsensein.

In der Psychologie nennt man das Akzeptieren von Widersprüchen Ambiguitätstoleranz. Derer können sich nur wenige Rapper bemächtigen.

Thomas D: Wie wahr! Rap, so wie ihn viele verstehen, war seit jeher das perfekte Vehikel zur Schwarzweiß-Zeichnung der Welt. Viele Rapper haben in ihrem Narzissmus das Gute für sich gepachtet und finden, dass alle anderen gegen sie sind. Und dann erzählen sie einem, warum sie denken, dass sie Recht haben.

Stecken dabei Mentor und Monster nicht potenziell in jedem Kreativen?

Thomas D: Sicher. Die Künstlerseele rebelliert ständig dagegen und ist bemüht, alles Paradoxe klein zu halten. Wir wollen pausenlos mit Harmonien brechen, uns ständig an allem reiben, um bloß niemanden erkennen zu lassen, welch armselige, harmoniebedürftige Kreaturen wir eigentlich sind.

Ist das Ihr Quintessenzeintrag in das große Poesiealbum des Pop?

Thomas D: In mein Poesiealbum hatte ich mal geschrieben: ‚Wir sind unsere besten Lehrer und unsere schlechtesten Schüler‘.

Dabei sind Sie doch so ein Netter.

Thomas D: Auch ich scheitere im täglichen Leben eher an den kleinen Widersachern als an dem großen Helden in mir. Meine Scheißegal-Haltung aus Jugendjahren kann ich mir nicht zurückholen.

Bleibt man als Fantastisches Viertel nicht ewig jung, weil die Neugierde aufs eigene kreative Potenzial nie endet?

Thomas D: Schöner Gedanke, aber vielleicht ist es auch die Angst davor, schon alles gesagt zu haben, die aufrecht hält.

Sind die Selbstzweifel so groß?

Thomas D: Ohne die geht gar nichts. Selbstgefälligkeit führt meist zur Statik.

Aber stolz sind Sie als Band doch ein wenig auf Ihre eigene Geschichte?

Thomas D: Na klar, wir sind die älteste, noch amtierende Hip-Hop-Formation. Inzwischen sogar weltweit, glauben wir.

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