Aachen - „Fabian“ rauscht über die Aachener Bühne

„Fabian“ rauscht über die Aachener Bühne

Von: Jenny Schmetz
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Alle Lampen an: Schauspieler Philipp Manuel Rothkopf (l.) und Regisseur Christian von Treskow werfen sich mit den Händen in den Taschen in Warte-Pose – wie die Titelfigur in Kästners „Fabian“. Foto: Harald Krömer

Aachen. 2000 schwarze Köter fletschen die spitzen Zähnchen. Einer davon auch auf der Brust von Philipp Manuel Rothkopf. Gerade hat sich der 39-Jährige den Werbe-Button mit dem „Fabian“-Schriftzug ans blaue Polohemd gepinnt, er ist ja auch der Titelheld in „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“. Naja, Held? Eher ein Anti-Held ohne Halt in bissigen Zeiten.

Ab Samstag rauscht Erich Kästners satirischer Großstadt- und Krisenroman über die große Bühne des Aachener Theaters: ein enthemmtes Berlin Anfang der 30er Jahre, kurz vor Beginn der Nazi-Herrschaft – und mittendrin treibt Jakob Fabian, promovierter Germanist und bald gefeuerter Werbetexter, durchs Nacht- und Arbeitsamtsleben.

Erstaunlich entspannt sitzt Rothkopf kurz vor der Premiere mit einem Fläschchen „Cola light“ und einem schmalen Grinsen unter den langen Stirnfransen im Foyer. Kein Muskelkater, keine blauen Flecken oder Schlimmeres? Immerhin ist es seine dritte Zusammenarbeit mit Regisseur Christian von Treskow. Der Schauspieler ist also schon einiges an Körpertheater gewohnt.

Vor einem Jahr bei Dürrenmatts „Physiker“ ein Rutschen, Hechten, Hüpfen auf acht Stufen in türkis Gummizellen-Optik. Sieben Wochen Proben, aber für Rothkopf leider keine Premiere. Denn plötzlich beim Warm-up eine Woche davor: Meniskusriss! Da hatte er auch schon 50 Vorstellungen der „West Side Story“ und eine lange Jugend als Gewichtheber in den Knochen.

Das Knie hält wieder

Mittlerweile hält das Knie wieder ohne Beschwerden. Aber anders als in Becketts „Warten auf Godot“ vor fast zwei Jahren, als er mit der Hilfe von Treskows und eines Biomechanik-Trainers ziemlich pausenlos seine Glieder verrenkte, zeigt er sich diesmal eher passiv: „Ich bin e_SSRqne lebende Stehlampe.“ So ganz ernst gemeint ist das nicht. Ein bisschen bewegen darf er sich als zweifelnder Beobachter Fabian schon, aber seine Kunst ist das Warten, mit den Händen in den Hosentaschen.

„Wie das Auge des Wirbelsturms“, meint Rothkopf. Um ihn herum tosen turbulente Zeiten mit Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Zerstreuungssucht. Elf weitere Darsteller in mehr als 50 Rollen sind aktiv. „Hyperaktiv!“, betont der Regisseur. Nicht auf der Straße, im Bordell oder Atelier, sondern tatsächlich zwischen 26 riesigen Stehlampen, gut doppelt so hoch wie die Menschlein.

Von Treskows Frau Dorien Thompsen hat mit Sandra Linde für die 63 Spielorte des Romans dieses einleuchtende Bild gefunden: irgendwo zwischen kleinbürgerlicher Gemütlichkeit und den Lichtern des Großstadtdschungels. Da soll sich die clowneske wie tragische Choreographie des 48-Jährigen abspielen, mit Revue-Einsprengseln, aber auch alptraumhaft wie Kafkas „Prozess“, mit dem sich Wuppertals Ex-Schauspielchef 2014 erstmals in Aachen präsentierte.

Fabians Abwarten und Aussitzen – das bezieht Rothkopf auch auf den Autor. „Als die Nazis an die Macht kamen und seine Bücher verbrannt haben, hat Kästner auch nur zugeschaut“, sagt er. Abwarten und Aussitzen, das erinnert ihn aber auch an Heute. „Wie die Generation Raute, die mit Kanzlerin Merkel aufgewachsen ist.“ Zwar sei „Fabian“ nicht platt als Stück gegen den AfD-Rechtsruck zu sehen, aber es solle Zuschauer schon anregen, „wirklich zu handeln und nicht zu warten“. Doch was macht er selbst? In einer Partei ist der Bayer nicht aktiv, aber seit 2016 setzt er sich als Ensemblesprecher für die Rechte der Kollegen ein.

Seit 2009 ist der Absolvent der Berliner Eliteschule Ernst Busch schon am Aachener Haus, eigentlich wollte er ja nur zwei Jahre bleiben, aber dann kam die Liebe dazwischen: Seine Frau arbeitet auch am Theater, beim Ton; die gemeinsame Tochter ist nun bereits vier.

Nichts für seine vierjährige Tochter

„Fabian“ wird sie sich nicht anschauen. „Sie hat noch keinen Bock auf Theater“, sagt Rothkopf. Schließlich ist das das, wo Papa und Mama immer hinmüssen.

Wäre wohl auch etwas zu früh. Denn der Kinderbuchautor („Emil und die Detektive“ und so weiter) kann hier nicht nur politisch, sondern auch anzüglich – ein bisschen Sex inklusive. Doch keine Sorge, pornografisch wirde_SSRqs auf der Bühne nicht. Die künstlerischen „Übersetzungen“ haben ihm ein Kompliment vom Intendanten beschert, erzählt von Treskow: bemerkenswert, diese vielen Darstellungsarten des Geschlechtsverkehrs, von obszön bis Kasperle-Theater. Die Töchter des Regisseurs, elf und 13 Jahre alt, dürfen sich das natürlich anschauen.

Vielleicht kommt Rothkopfs Töchterchen dann ja zum Familienstück „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ (Premiere: 24. November)? „Nee, da spiele ich den Bösewicht!“, winkt Rothkopf ab. Wohl auch zu bissig.

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