Aachen - „Etna Carrara”: Politiker-Köpfe, Marmorstaub und Gummizungen

„Etna Carrara”: Politiker-Köpfe, Marmorstaub und Gummizungen

Von: js
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Zwei aus neun: Rebecca Ann Tes
Zwei aus neun: Rebecca Ann Tess und Yorgos Sapountzis gehören zu den Villa-Romana-Preisträgern, die im Ludwig Forum ausstellen. Foto: Steindl

Aachen. Nein, eine Entführung ist diesmal wohl nicht zu befürchten. Da flattern auch keine Ikea-Fahnen am Aachener Ludwig Forum wie bei der geheimnisvollen „Störung” durch Kunst-Aktivisten im Vorjahr. Aber da hängt an der Fassade zur Jülicher Straße hin nun ein 15 mal vier Meter großes Banner, das ebenfalls ein Aufreger ist.

Zumindest hat das Werk von Thomas Kilpper - in etwas anderer Form - 2011 schon für einen Medien-Skandal gesorgt. Denn der deutsche Künstler hat bei der Biennale von Venedig in seinem „Pavillon für revolutionäre Redefreiheit” Politiker-Porträts präsentiert - als Holzschnitt auf dem Boden. Herumtrampeln erlaubt! Als Beitrag für Dänemark zeigte Kilpper 33 Köpfe - auch dänische. „Platte Provo-Kunst” oder „Einfach lächerlich”, lauteten die Reaktionen vor allem dänischer Medien.

Für Aachen hat der Künstler jetzt aus einem Teil seiner Bodenarbeit also dieses große Banner gemacht. Da erkennt man unter und über dem Schriftzug „get rid of em” (sie loswerden) neben Geert Wilders und Thilo Sarrazin auch Angela Merkel und Papst Benedikt. Für Kilpper anscheinend alle irgendwie rechts oder reaktionär. Allerdings hat sich der Künstler selbst auch verewigt. Ein bisschen Spaß muss sein - inmitten der knallharten politischen Botschaft.

Mal schauen, ob das in Aachen - ganz ohne Draufherumtrampeln - auch zum Aufreger reicht. Auf jeden Fall ist das Plakat ein Hingucker, der auf eine Ausstellung im Inneren verweist. Thomas Kilpper ist nämlich einer von insgesamt neun Künstlern, deren Werke ab morgen im Ludwig Forum zu sehen sind - und zwar ein bisschen versteckt in den Räumen jenseits der Mulde, hinter den Riesen-Skulpturen von Phyllida Barlow. Alle neun haben in diesem oder dem vorigen Jahr den renommierten Preis der Villa Romana erhalten; in der Künstlerresidenz in Florenz haben sie - ausgestattet mit einem Stipendium - gearbeitet.

Diese biografische Verbindung ist also Anlass für die Gruppenausstellung „Etna Carrara”, nicht etwa ein gemeinsames Thema. Der Titel, der den italienischen Namen für den Vulkan Ätna und die Marmor-Stadt verbindet, ist programmatisch zu verstehen: Schwarz und weiß, flüssig und fest - so gegensätzlich und vielfältig ist auch dieser Querschnitt durch die zeitgenössische Kunst. Neben den Textilien von Vincent Vulsma finden sich Foto(kopie)serien von Nine Budde und Wolfgang Breuer und eine Installation von Nora Schultz, die aus Wäscherei-Walzen und Gummizungen eines Aachener Reifenproduzenten eine Druckmaschine bastelte. Deutlich bezieht sich die Arbeit von Sophie Reinhold auf den Titel: Sie besuchte die Steinbrüche von Carrara und verwendet Marmorstaub für ihre Bilder, die Richtung Objekt kippen.

Trotz der Unterschiede ist allen Arbeiten „die Auseinandersetzung mit der (Kunst-)Geschichte” eingeschrieben, meint Kuratorin An- na Sophia Schultz. So reflektiert Rebecca Ann Tesse_SSRq Video Film- wie Fernsehhistorie, Yorgos Sapountzis holt in Performances mit bunten Tüchern Denkmäler ins Leben, und Henrik Olesen hat sich angeblich gar mit Hegelscher Dialektik und Marx entfremdeter Arbeit beschäftigt - was man seinem Werk nicht auf den ersten Blick ansieht, wenn man es denn gefunden hat: Im Staub auf dem Boden liegt der Abguss eines Stücks Stromkabel. „Da spielt ein gewisser Humor mit hinein”, sagt Kurator Holger Otten. Davon sollten auch die Besucher eine Portion mitbringen.

Eröffnet wird die Ausstellung „Etna Carrara” an diesem Sonntag um 12 Uhr im Aachener Ludwig Forum, Jülicher Straße 97-109. Sie ist bis zum 2. September zu sehen.

Geöffnet: Di, Mi, Fr 12 bis 18 Uhr; Do 12-20 Uhr; Sa, So 11 bis 18 Uhr.

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