Es geht um Privates, Gefühle, Ängste

Von: Martina Feldhaus
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Annäherung hinter Masken: Die Laien-Darsteller bei der Probenarbeit im Mörgens. Foto: Andreas Herrmann
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Unterschiedliche Erfahrungen, ein gemeinsames Projekt: Julia Weber, Farnaz Ben Attou und Andreas Hadjiconstantinou (von rechts).

Aachen. Sich kennen lernen, das kann man auf unterschiedliche Weise, an unterschiedlichen Orten – im Café, auf einer Party, im Job. Bis man sich aber richtig kennt, vergehen meist Jahre. Julia Weber, Farnaz Ben Attou und Andreas Hadjiconstantinou haben dafür kaum drei Monate gebraucht. Ihre Vergangenheit, ihre Sorgen und Ängste, ihre Freuden und Pläne, das alles teilen sie seit Januar intensiv miteinander. Und mit neun anderen, die wie sie einst fremd waren in Deutschland.

Die Kasachin, die Iranerin und der Zyprer sind Teil eines besonderen Theaterprojekts, das Ende März im Aachener Mörgens seine Uraufführung hat. „Kennen lernen“ heißt es bezeichnenderweise, Regisseur Martin Philipp bringt dabei zwölf Menschen mit zwölf verschiedenen kulturellen Hintergründen zusammen auf die Bühne. Fast alle sind schauspielerische Laien. Die Idee: die Geschichten, Gefühle und Gesten dieser echten Migranten zu erzählen – und sie so, wie der Titel schon sagt, näher kennen zu lernen.

Die Teilnehmer sind sich längst ganz nahe gekommen. „Wir sind wie eine Familie“, sagt Julia Weber, die vor einigen Jahren aus Kasachstan nach Aachen kam, im Flugzeug bekam sie vom Personal eine Puppe geschenkt. Sie sitzt auf der roten Bank im Mörgens-Foyer, drinnen ist gerade Probenpause, wie derzeit an drei Abenden pro Woche. „Wir erfahren hier Dinge, die sogar einige Freunde nicht wissen“, sagt Weber. „Oder Dinge, die man selbst vielleicht schon verdrängt hat“, sagt Farnaz Ben Attou. Sie ist Ende der 80er Jahre aus dem Iran geflohen, allein und mit Hilfe von Schleppern.

Jetzt spielt sie auf der Mörgens-Bühne Theater. Sie trägt eine Schafsmaske, genauso wie ihr Gegenüber, der Türke Baris Öztürk. Zu tragender Klassik-Musik bewegen sich beide in Zeitlupe aufeinander zu, beschnuppern sich, umtanzen und umgarnen sich, reiben die Hinterteile aneinander, fast berührungslos. Ein Kuss?

Da bellt jemand laut. Es ist ein Mitspieler mit Hundemaske. Er stört die Annäherung der Liebenden radikal. Sie laufen auseinander, als wären ihre Heimlichkeiten entdeckt worden. „Die Szene beruht auf Farnaz‘ erstem Flirt am Elisenbrunnen. Da gab es viel Stress zu Hause“, erklärt Dramaturgin Caroline Schlockwerder. „Auf eine lustige Art stellen wir den Konflikt dar, wenn vielleicht ein Verwandter sich einmischt in diese Begegnung.“

Für „Kennen lernen“ geben Ben Attou und die anderen also sehr persönliche Geschichten preis: vom Verlassen der Heimat, vom Ankommen in einem fremden Land, von Anpassung und Integration, kulturellen Unterschieden und dem Leben im Hier und Jetzt. Es geht um Privates, um Gefühle und Ängste. Nicht gerade etwas, das man gerne in die Welt hinaus ruft. „Klar, einerseits macht das verletzbar“, sagt Julia Weber. „Aber andererseits ist es ein Geschenk, das wir unsere Geschichte erzählen dürfen. So wird sie wertvoll.“

Und in der Projektgruppe, das finden alle drei, herrsche ein sehr respektvoller Umgang miteinander. Das kann Dramaturgin Schlockwerder nur bestätigen. „Das ist eine sehr enge Gruppe. Die Bindungen zwischen ihnen sind wirklich reizend. Viele können sich gar nicht vorstellen, dass das Projekt einmal zu Ende geht. Aber auch danach werden sie sich sehen, da ist etwas Nachhaltiges entstanden.“ Damit all die Erfahrungen der Schauspiel-Laien – oder „Experten des Alltags“, wie Schlockwerder und Regisseur Phi- lipp sie nennen – in einer Szenencollage auf die Bühne gebracht werden können, haben Weber, Ben Attou, Hadjiconstantinou und die anderen – sie kommen etwa aus Äthiopien, Russland, Italien, Indonesien, England und der Türkei – ihre Erinnerungen zuvor aufgeschrieben. Mal in Gedichtform, mal wie ein Filmskript, mal in einer Art Protokoll. 24 Stunden hatten sie Zeit. Und wurden so quasi auch zu Autoren des Stücks.

Darüber hinaus haben Philipp und Schlockwerder Interviews mit den zwölf Teilnehmern, die über ein Casting gefunden wurden, geführt. Und aus all diesen Informationen wurde das Stück „Kennen lernen“ erarbeitet. Untereinander haben sie sich nun bereits intensiv kennen gelernt, gequatscht, gelacht, auch geweint, sagt Farnaz Ben Attou. Theaterbesucher können sich ab dem 27. März dazugesellen – und schauen, was und wen sie kennen lernen.

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