Mechernich - Erzähler Norbert Scheuer wird von der Eifel geprägt

Erzähler Norbert Scheuer wird von der Eifel geprägt

Von: Hermann-Josef Delonge
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„Die Eifel und die Menschen hier prägen meinen Bildervorrat – und deshalb mein Schreiben“: Norbert Scheuer. Foto: H.J. Delonge

Mechernich. Der Dichter hat die Füße hochgelegt. Norbert Scheuer sitzt an einem Plastiktisch vor dem Café, das er als Treffpunkt vorgeschlagen hat. Doch das Etablissement an der Kakushöhle südlich von Mechernich, das tatsächlich ein besserer Kiosk ist, hat geschlossen.

Deshalb gibt es erstens keinen Kaffee, und zweitens unterbrechen immer wieder Traktoren und Motorräder, die über die nahe Straße donnern, das Gespräch. Ansonsten: Vogelgezwitscher. Eifel eben.

Herr Scheuer, ist es okay, wenn man Ihre Romane „Heimatromane“ und Sie einen „Heimatdichter“ nennt?

Scheuer: Ich kann nicht sagen, dass ich das gerne höre. In Deutschland haben diese Worte einen komischen Klang.

Ich frage, weil keine Besprechung Ihrer Bücher ohne diese Zuschreibung auskommt.

Scheuer: Wenn die Besprechung fundiert ist, kann ich damit leben. Lieber ist mir allerdings eine Kritik, die ohne diese plakativen Kategorisierungen auskommt. Aber eigentlich ist jede Literatur Heimatliteratur. Denn Heimat bedeutet für mich zu Hause sein, bedeutet eine Gegend, die man gut kennt. Zeigen Sie mir mal den Roman, der an einem Ort spielt, den der Autor nicht gut kennt.

Ihr neuer Roman „Die Sprache der Vögel“ spielt in Afghanistan. Sie waren nie dort. Kein Widerspruch?

Scheuer: Wie man es nimmt. Ich habe den Roman aus der Innenperspektive eines Eifelers geschrieben, der als Rettungssanitäter in Afghanistan stationiert ist. Ich habe mich in diesen Paul Arimond versetzt und mich gefragt, wie es ist, in einem Lager zu sein, das man nicht verlassen darf, wie es ist, mit einem Krieg konfrontiert zu sein. Wie immer gibt es dann beim Schreiben Dinge, die man kennt, und Dinge, die man nicht kennt. Konkret: Ich habe selbst als Sanitäter gearbeitet. Ich kenne mich mit Vögeln aus. Ich weiß, wie es sich anfühlt, in einem abgeschlossenen Raum zu sein, den man nicht verlassen kann.

Die Eifel?

Scheuer: Genau. Aus all diesen Erfahrungen entstehen Überblendungen auf die unbekannten Dinge. Aber natürlich habe ich auch umfangreich recherchiert, viel über Afghanistan gelesen und über den Einsatz der Bundeswehr, mit Soldaten und Veteranen gesprochen.

Wie kommen Sie auf Ihre Themen?

Scheuer: Entscheidend ist: Ich brauche einen Funken, der mich dazu bringt, ein Feuer zu entfachen. Der mich dazu bringt zu schreiben – und auch dazu, jahrelang dranzubleiben. Bei meinem letzten Buch waren das zwei Dinge: Ich wollte über Vögel schreiben, und dann bin ich zufällig in einem Café in Kall einem jungen Bundeswehrsoldaten begegnet, der in Afghanistan war. So entsteht dann ein Raum, in dem ich mich bewege und den ich mit Material fülle. Dann kann ich mit dem Schreiben beginnen. Mehrere Fassungen, die ich immer wieder überarbeite.

Kein Plan an der Wand, nach dem Sie vorgehen?

Scheuer: Nein. Ich habe Kladden, in die ich Ideen und Motive schreibe. Jeder Versuch, einen großen Plan zu erstellen, scheitert, weil ich ihn in dem Moment, in dem er entsteht, schon wieder verändere.

Wie wichtig ist Disziplin?

Scheuer: Ohne geht es nicht. Ich glaube, dass jeder einen Roman schreiben könnte, vielleicht sogar einen guten. Aber den wenigsten ist es so wichtig, dass sie auch diese Disziplin aufbringen. Oder sie sind nicht verrückt genug. Man kann ja so viele andere Dinge machen: spazieren gehen, Sport treiben, sich mit Freunden treffen, ins Restaurant gehen. Stattdessen setzt man sich hin und schreibt an einem Buch. Jawohl: Man muss schon ziemlich verrückt sein.

Gibt es ein Grundmuster in Ihren Büchern?

Scheuer: Letztlich geht es immer um eine Art von Besessenheit. Meine Figuren haben immer etwas, was sie unbedingt wollen; und darüber vergessen sie das Leben. Paul Arimond vergisst die Leiden des Krieges und seine Beschädigungen, indem er sich auf das Beobachten von Vögeln konzentriert. Ich habe dieses Muster übrigens nicht bewusst gewählt. Mir ist das zuletzt erst aufgefallen.

Haben diese Leidenschaften etwas mit Ihnen zu tun?

Scheuer: Ja. Das sind Dinge, die mir auch gefallen. Ich würde vielleicht auch exzessiv Vögel beobachten oder Steine sammeln, wenn ich nicht schreiben würde. Aber ich bin halt vom Schreiben besessen. Weil ich es aber ganz schrecklich finde, über das Schreiben zu schreiben, brauche ich ein Objekt, einen Gegenstand.

Sie leben in der Eifel, Sie schreiben über die Eifel, Ihre Protagonisten kommen aus der Eifel. Abgesehen davon: Gibt es einen bestimmten „Eifel-Sound“, der in Ihren Büchern widerhallt?

Scheuer: Das geht mir zu weit. Es ist so: Ich lebe in der Eifel, ich kenne die Gegend und die Menschen hier. Ich habe das alles aufgesogen. Das prägt den Bildervorrat, den ich mir angeeignet habe – und deshalb auch mein Schreiben. Ein Schriftsteller macht ja im Grunde nichts anderes als das: Es verwandelt die Bilder, die er im Kopf hat, in Sprache.

Beschreiben Sie deshalb in Ihren Büchern so viel?

Scheuer: Absolut. Es gibt verschiedene Arten von Schriftstellern. Die einen legen vor allem Wert auf die Dialoge, die anderen auf die Handlung, wieder andere auf die Reflexion. Ich beschreibe. Mir erscheinen die Eindrücke, die ich von den Dingen habe, wirklicher als das, was man aus zweiter Hand erfährt und nur vermittelt erzählen kann. Ich habe die Dinge in dem Moment so wahrgenommen – und nur ich, niemand anders. Wenn es mir gelingt, das adäquat zu beschreiben, dann ist das für mich Literatur. Aber natürlich sind die Bilder, die ich dabei abrufe, geprägt von der Gegend, in der ich lebe, und den Menschen dort – also von der Eifel. Aber wenn es funktioniert, entsteht etwas Allgemeingültiges.

Könnten Sie an einem anderen Ort als der Eifel leben?

Scheuer: Selbstverständlich. Allerdings: Je älter ich werde, desto schwerer würde mir das fallen. Das hat mit der Art und Weise, wie ich schreibe, zu tun. Und das Schreiben nimmt nun mal einen zentralen Platz in meinem Leben ein. Also: Ich könnte, aber es besteht keine Notwendigkeit.

Die große weite Welt reizt Sie nicht? Oder wenigstens Berlin?

Scheuer: Nicht auf Dauer. Für eine Woche bin gerne da, aber dann zieht es mich zurück.

Den Privatmann Scheuer oder den Schriftsteller Scheuer?

Scheuer: Das ist nicht zu trennen.

Wenn Sie dann wieder in ruhigen Eifel sind: Wie erleben Sie von dort aus den aufgeregten Literaturbetrieb?

Scheuer: Ich komme damit eigentlich nur in Kontakt, wenn ein neues Buch von mir erscheint. Dazwischen herrscht wunderbare Ruhe.

Die Sie bewusst herbeiführen?

Scheuer: Muss ich gar nicht. So funktioniert das Geschäft. Jetzt spricht man noch über die Bücher aus dem Frühjahr und deshalb auch über mein Afghanistan-Buch. In ein paar Wochen sind dann die Neuerscheinungen aus dem Herbst an der Reihe.

Gibt es Pflichttermine? Fahren Sie immer zur Buchmesse nach Frankfurt?

Scheuer: Nur, wenn ich ein neues Buch habe.

Viele Ihrer Kollegen halten das anders. Die brauchen diesen Betrieb anscheinend regelrecht.

Scheuer: Mag sein. Ich nicht. Wer depressiv werden will, der soll eben zur Buchmesse fahren. Als Schriftsteller geht man dort unter, wenn man sieht, wie viele gute Bücher jedes Jahr erscheinen. Da verliert man den Glauben, man selbst habe etwas ganz Besonderes geschrieben. Und den hat doch jeder, der schreibt.

Apropos Besonderes: Sie waren für den Deutschen Buchpreis nominiert und zuletzt für den Preis der Leipziger Buchmesse. In beiden Fällen haben Sie allerdings nicht gewonnen. Enttäuscht?

Scheuer: Selbstverständlich. Es wäre unehrlich, etwas anderes zu behaupten.

Wollten Sie eigentlich schon immer Schriftsteller werden?

Scheuer: Nein, dieser Gedanke war mir lange Zeit völlig fremd. Ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen, das kam mir immer so vor, als würde ich den Mount Everest besteigen wollen. Bis vor zwei Jahren hätte ich, wenn mich jemand nach meinem Beruf gefragt hätte, nie behauptet, ich sei Schriftsteller. Aus einer Scham heraus.

Weil Ihnen der Begriff „Schriftsteller“ zu hoch gegriffen war?

Scheuer: Nein, eher das Gegenteil. Für jemand aus der Eifel hat das keine Bedeutung. Wenn man hier sagen würde, man würde schreiben, dann würde man als Kauz gelten. Das hat man im Hinterkopf, wenn man hier aufgewachsen ist. Die Vorstellung, man würde mich als „Norbert Scheuer, der Schriftsteller“ erkennen, ist mir heute noch unangenehm. Gott sei Dank passiert mir das hier eigentlich nie. Und das ist auch gut so. Ich kann mich weiter hier ruhig bewegen und arbeiten.

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