Erste Schritte im Ensemble des Aachener Theaters

Von: Jenny Schmetz
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Beide sind 27 Jahre jung und Sopranistin: Ex-Theaterstipendiatin Camille Schnoor (r.) und ihre Nachfolgerin Soetkin Elbers. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ein Mal war sie dann doch plötzlich weg, ihre Stimme. Eine Metallstange war schuld. Die hatte sich einfach selbstständig und Papagenas Puppenstube zu einer Art Gefängnis gemacht. Rausgekommen ist Camille Schnoor zwar irgendwie, aber „da konnte ich erst mal nicht singen“, erinnert sich die Sopranistin an ihren etwas verspäteten Auftritt in einer Vorstellung von Mozarts „Zauberflöte“ am Theater Aachen.

Nach einem Schockmoment ging´s aber sofort weiter. Und im Nachhinein sieht die Sängerin den kleinen Bühnenunfall sogar positiv: als Beispiel für ein Ensemble, in dem man sich gegenseitig helfe, ermutige, sängerische Tipps gebe und auch zu Scherzen aufgelegt sei. So habe sie die Königin der Nacht nach der Vorstellung gefragt: „Ein paar Töne hast Du heute weggelassen, oder?“

„Beim Wettbewerb gut erholt“

Schmunzelnd berichtet Camille Schnoor heute von dem Vorfall, und voll des Lobes blickt sie auf ihr Jahr im Aachener Ensemble zurück: Als Stipendiatin der Aachener Theaterinitiative (siehe Kasten) konnte sie viele Profi-Erfahrungen gewinnen. „Als Gretel bin ich direkt in eine große Rolle reingerutscht – ganz unerwartet“, denkt die 27-Jährige an die „Hänsel und Gretel“-Premiere, in der sie kurzfristig für die erkrankte Erstbesetzung einsprang – mit Riesen-Erfolg. „Das war großartig, diese Verantwortung zu übernehmen.“

Aber irgendwas gibt es doch sicherlich, wovor sie ihre Nachfolgerin warnen kann? Camille Schnoor überlegt. Und Soetkin Elbers, die neue Theaterstipendiatin, zieht neben ihr die Augenbrauen hoch. Aber von Zickenkrieg, Konkurrenzkampf oder dergleichen erzählt Camille Schnoor nicht. „Warnen? Vor gar nichts!“ Und vermutlich sagt sie das wirklich nicht nur, weil ihre Arbeit- und Geldgeber in Person von Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck und Ingrid Böttcher, Vorsitzende der Theaterinitiative, mithören.

Camille Schnoor blickt gelassen in die Runde und scheint zufrieden zu sein. Nicht ohne Grund. Einen Vertrag für einen Teil der Spielzeit in Aachen hat die Frau aus Nizza in der Tasche – die Gretel wird sie also weitersingen, dazu kam gerade noch der Erste Preis beim Internationalen Gesangswettbewerb „Vokal Genial“ in München – plus Publikums- und Orchesterpreis. Chapeau! „Ich habe mich beim Wettbewerb gut erholt“, berichtet sie mit einem Lächeln den erstaunten Zuhörern. Einfache Erklärung: „Mein Alltag ist stressiger.“ In München konnte sie mal durchschlafen, zu Hause in Aachen lässt das Sohn Raphael, fast 15 Monate alt, seltener zu. Vielleicht verdankt sich die unglaubliche Gelassenheit auch einer gewissen Müdigkeit?

Bevor die Frage gestellt ist, preist Intendant Schmitz-Aufterbeck die „unglaubliche Wachheit und Persönlichkeit“ von Camille Schnoor und Soetkin Elbers, die sich bei ihrem Vorsingen für das Stipendium gegen mehr als 20 Mitkonkurrenten durchsetzten. Die Brüsselerin ist 27 Jahre alt, Stimmfach: lyrischer Koloratur-Sopran, studiert hat sie in Brüssel und Wien, an der Kölner Musikhochschule muss sie jetzt noch ihre Master-Arbeit schreiben.

Nach der Französin Camille Schnoor also die Belgierin Soetkin Elbers: Ihr flämischer Vorname spricht sich am Anfang übrigens mit scharfem „S“ und „u“. Beide parlieren akzentfrei Deutsch, Camille Schnoor, die einen deutschen Vater und eine französische Mutter hat, findet ihre Kollegin allerdings „ziemlich hochbegabt“ in puncto Sprachen – ob Englisch, Italienisch, Spanisch oder Polnisch . . .Wie die beiden auf Tschechisch singen, darf sich das Aachener Publikum ab Sonntag in der Oper „Rusalka“ anhören. Da sind sie als Elfen unterwegs – nicht mit Flügelchen, sondern mit „sexy Kleidern und hohen Absätzen“. „Du hast die höchsten!“, meint die Belgierin zu ihrer Kollegin, die auch privat High Heels schätzt. Noch höhere trägt sie allerdings als Berta im „Barbier von Sevilla“.

Soetkin Elbers dagegen übernimmt gerne Hosenrollen. „Ich gehe auch nicht so gut auf hohen Absätzen“, meint sie lachend. Ab Februar ist die neue Stipendiatin als Tebaldo in Verdis „Don Carlo“ zu erleben, ab April als Oberto in Händels „Alcina“. Dann kann sie also ihre „Leidenschaft für die Barock-Oper“ ausleben, in mehreren Produktionen hat sie zuvor auch intensiv die bis in die Fingerspitzen ausgefeilte Barock-Gestik einstudiert. Ob ihr das bei der „Alcina“-Inszenierung von Jarg Pataki weiterhelfen wird? Mal schaun.

Im Sommer wartet zudem ein „Nebenjob“: Bei den Donau-Festwochen singt sie Rameau – „und dann ein paar Konzerte, wenn ich Urlaub bekomme“, sagt Soetkin Elbers, grinst und schickt einen fragenden Blick zum Intendanten. Der weiß auch, dass ein Stipendium mit 800 Euro im Monat – etwa die Hälfte einer Anfängergage am Theater – „nicht ideal“ ist. Man versuche aber, die Stipendiaten nicht „voll zu buchen“ wie Ensemblemitglieder. „Andererseits sind sie nicht nur Praktikanten. Wir trauen ihnen zu, ganz normal mitzuarbeiten“, sagt Schmitz-Aufterbeck. Und die jungen Profis seien „schon sehr belastbar“.

Camille Schnoor waren die 8000 Euro Preisgeld aus München jedenfalls sehr willkommen. „Das brauchen wir ganz profan einfach zum Leben.“ Ihr Ehemann, Bariton Rüdiger Nikodem Lasa, singt auch in „Rusalka“ mit. Dann muss also ein Babysitter her. „Da steckt Organisation dahinter.“ Babysitter-Tipps braucht Soetkin Elbers, unverheiratet und kinderlos, nicht. „Aber ich schaue mir das an und denke: So gehte_SSRqs auch.“ Aufgewachsen ist sie mit fünf Geschwistern. Ihr Vater, ein bekannter Liedermacher, zog mit der Gitarre durch Belgien, ihr ältester Bruder singt in einer Heavy-Metal-Band, aber die Mutter hat wohl stärker geprägt: Sie hörte im Auto immer Klassik, erinnert sich die Tochter.

Jetzt genießt Soetkin Elbers erst mal die relative „Ruhe“ des Stipendiums. „Die Unsicherheit, dass man nicht weiß, was kommt, der Druck, sich überall anbieten zu müssen – fallen jetzt erst mal weg“, meint sie. „Ich kann ein Jahr in Ruhe arbeiten und mich entwickeln.“ Camille Schnoor wird jetzt wohl öfter ihr Postfach checken. Nach dem Erfolg in München hat sie nämlich „sehr vielen Menschen“, die auf sie zugestürmt kamen, ihre E-Mail-Adresse gegeben. Vielleicht springt ja ein Engagement heraus? Mal abwarten.

Dieser gelassene Optimismus von Camille Schnoor scheint ansteckend zu sein. Auf die Frage, ob sie schon ein Karriereziel vor Augen habe, antwortet Soetkin Elbers nur: „Der Weg ist das Ziel.“

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