Ernst Meister: Einem Dichter auf der Spur

Von: Sabine Rother
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Ein stolzes Ergebnis nach zehn
Ein stolzes Ergebnis nach zehnjähriger Forschungsarbeit: Axel Gellhaus, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der RWTH Aachen, gibt die fünfbändige Werkausgabe von Ernst Meister zu dessen 100. Geburtstag heraus. Foto: Andreas Steindl

Aachen. 60.000 Seiten Nachlass, ungeordnet, ein wenig verstaubt in großen Kartons und Mappen, mit handschriftlichen Notizen des Schriftstellers und bildenden Künstlers Ernst Meister übersät - und das in einer Schrift, die nicht leicht zu entziffern ist: „Wir sind noch längst nicht fertig”, sagt Professor Dr. Axel Gellhaus, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere Deutsche Literaturgeschichte der RWTH Aachen.

Gemeinsam mit Stephanie Jordans und Andreas Lohr ist Gellhaus Herausgeber einer komplett neuen textkritischen und kommentierten Werkausgabe sämtlicher Gedichtbände, die Meister zu Lebzeiten publiziert hat. Ein Team von rund 25 Wissenschaftlern aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland hat in gut zehn Forschungsjahren das Werk Meisters analysiert. In Aachen wurden bei vielfachen Treffen die Ergebnisse diskutiert, gebündelt und verarbeitet - fünf inhaltsreiche Bände dokumentieren das eindrucksvoll.

Am 3. September 1911 wurde Ernst Meister in Hagen-Haspe geboren. Pünktlich zum 100. Geburtstag kann man nun verblüffende Details zur Entstehung so mancher Texte in den Jahren zwischen 1932 und 1979 erfahren. Welche Gedanken, Zeitbezüge und persönlichen Eigenheiten sind eingeflossen? Mit Fachwissen und nahezu kriminalistischem Spürsinn war das Forscherteam dem Dichter auf der Spur.

Geprägt wurde Meister, der zu den bedeutendsten Lyrikern der Nachkriegszeit gehört, unter anderem durch sein in den 50er Jahren begonnenes Theologiestudium, durch die Auseinandersetzung mit den Gedanken eines Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche. „Meister liefert uns da wirklich sehr viel Material, er hat offensichtlich kaum eine Notiz weggeworfen, und sogar von den Briefen, die er an andere geschrieben hat, gibt es Durchschläge”, so Gellhaus.

Was bedeutet hermetisch?

Gefördert wurde das Projekt von der NRW-Stiftung, die den literarischen Nachlass erworben und für Personal- und Sachmittel gesorgt hat, damit das Werk wissenschaftlich erschlossen werden konnte und nun auch öffentlich zugänglich ist.

Was Gellhaus gereizt hat: „Wenn von Ernst Meister die Rede ist, wird er immer wieder als ,hermetischer Autor beschrieben”, so der Germanist. „Wir wollten ihn vom Mythos des Hermetikers befreien und dafür sorgen, dass er in seiner Sinnlichkeit zugänglich wird, dass seine Texte, die sich auf sprachlich höchstem Niveau bewegen, transparent und verständlich werden. Er hatte ein so starkes Empfinden für seine Gegenwart, dem kann man in den Texten nachspüren.”

Die Gruppe 47, der zu Meisters Zeit tonangebende Literaten-Kreis, hat den westfälischen Lyriker nie eingeladen. „Kein Wunder, er hat die Gruppe schließlich als lyrischen Affenmarkt bezeichnet und scharf kritisiert”, weiß Gellhaus.

Immer wieder ist in dieser Gesamtausgabe von „Textzeugen” die Rede, die in einem elektronischen Anhang komplett aufgeführt sind und im Internet nachgelesen werden können (Hinweise zum Online-Zugriff auf dieser Internetseite). „Vielfach haben wir in Notizbüchern unterschiedliche Textfassungen entdeckt und sind auf Meisters Form des Experimentierens gestoßen, ein intensiver kreativer Vorgang.”

Gellhaus selbst hat diese Prozesse erforscht und ist dabei auf erstaunliche Hintergründe gestoßen - etwa zum schmalen, 1955 erschienenen Band „Der Südwind sagte zu mir”. Wenn hier in Zeile 102 etwa „Eine Prozession von Krähen” erscheint, deutet das der Literaturwissenschaftler so: „Die aus schwarzen Büchern singenden Krähen können mit dem Katholizismus in der Literatur, vor allem der Lyrik der 50er Jahre in Verbindung gebracht werden.”

In beharrlichen, oft winzigen Schritten konnte sich das Ernst-Meister-Team einem interessanten Charakter nähern, der es seinen Mitmenschen nicht gerade leicht gemacht hat. Gellhaus: „Ich bin sicher, was Meister selbst als ,Kopfzustände bezeichnet, sind die Signale einer psychischen Störung, Alkoholprobleme und eine beginnende Blindheit kamen hinzu.”

Zudem musste Ehefrau Else Meister, mit der er vier Kinder hatte, vermutlich nicht nur die Liebesbeziehung zur Schriftstellerkollegin Gabriele Wohmann verkraften, sondern einen Ehemann, der exzessive Ausflüge unternahm, und dann doch immer wieder nach Hause kam.

„Sie war es, die alles zusammenhielt, die für das Geld sorgte und ihn quasi geerdet hat”, wie es Gellhaus formuliert. Er und sein Team sind Geheimnisträger, denn viele Informationen, die man im Laufe des Projekts im Nachlass entdeckte, dürfen zurzeit nicht publiziert werden, da die betroffenen Personen noch leben oder Verjährungsfristen nicht abgelaufen sind. Ohnehin mussten die Herausgeber alles, was einfließen sollte, zunächst mit Sohn Reinhard Meister, dem Inhaber der Urheberrechte, und dem Verlag abstimmen.

In seinen Studien kann Gellhaus nachzeichnen, wo Meister noch surreales und expressionistisches Erbe verarbeitet hat und ab wann er zunehmend eine eigene Sprache entwickelte. „Jazz, Malerei und Dichtung, all das klingt in seinen Werken, er durchläuft dabei einen Prozess der Reduktion und neuen Formgebung.” Verrätselt, häufig dunkel sind Ernst Meisters Visionen. Kein Wunder, er sah die Welt am Abgrund, wusste von den Atombombentests. „Das hat ihn alles beeinflusst”, weiß Gellhaus.

Der Umfang der Ausgabe mit fünf Bänden und 2436 Seiten ist beeindruckend, aber: „Es gibt noch mindestens weitere 1000 Gedichte, die wir bearbeiten könnten”, blickt der Literaturwissenschaftler in die Zukunft.

Hörfunk-Sendung und vier weitere Bücher

Ernst Meister: Gedichte. Textkritische und kommentierte Ausgabe, Wallstein Verlag, Göttingen, herausgegeben von Axel Gellhaus, Stephanie Jordans und Andreas Lohr, insgesamt 2436 Seiten, fünf Bände im Schuber, 198 Euro, ISBN 978-3-8353-0792-6.

WDR 3: Zum Geburtstag des Lyrikers erinnert die Hörfunksendung „ZeitZeichen” am 3. September, 17.45 bis 18 Uhr, an Ernst Meister (Autor: Christoph Vormweg).

Im Vorfeld zur Ausgabe entstanden und bereits im Wallstein-Verlag erschienen: Karin Herrmann: Poetologie des Erinnerns. Ernst Meister - Perspektiven auf Werk, Nachlass und Textgenese. Ein Materialienbuch. Hrsg. von Karin Herrmann/Stephanie Jordans. Ernst Meister. Eine Chronik. Aus dem Nachlass erarbeitet von Karin Herrmann, Stephanie Jordans und Dominik Loogen, sowie von Stephanie Jordans: Die Wahrheit der Bilder. Zeit, Raum und Metapher bei Ernst Meister, Königshausen & Neumann.

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