Ergreifende Momente in der Kinderoper „Pollicino”

Von: Armin Kaumanns
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Nicht einmal gerät die Handlu
Nicht einmal gerät die Handlung ins Stocken - und das bei 120 beteiligten Kindern: in der Kinderoper „Pollicino” von Hans Werner Henze am Theater Aachen, hier eine Szene mit Pollicinos Brüdern und seiner Mutter (Carla Hussong, rechts). Ein fantastisches Theater-Erlebnis. Foto: Carl Brunn

Aachen. Im Märchen ist die Welt überschaubarer. Die Bösen sind böse, die Guten gut, die Helden wirkliche Helden. Und meistens geht es gut aus. Beim „Kleinen Däumling” ist die Sache nun nicht ganz so einfach.

Schließlich sind die lieben Eltern so arm, dass sie ihre Kinder im Wald aussetzen, wo die Menschenfresser hausen. Diese soziale Komponente mag den großen deutschen Komponisten Hans Werner Henze1980 gereizt haben.

Er hat dem Märchen „Pollicino” eine musikalische Gestalt verliehen und es zugleich nutzbar gemacht für ein sozial ambitioniertes Bildungsprojekt seiner Sommer-Heimat Montepulciano. Außerdem fügte er einige kernige sozialistische Aussagen hinzu, was dem Stück einen agitatorischen Beigeschmack verleiht - Henze war (und ist) Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens.

Am Theater Aachen nun haben sich in Henzes gutem Geist ein ganzes Jahr lang 120 Kinder und Jugendliche von vier Aachener Schulen mit Studenten der Musikhochschule und den Theaterprofis um Regieassistent Sebastian Jacobs und Gábor Káli, Solorepetitor des Hauses und Leiter des Jugendsinfonieorchesters Aachen, zusammengefunden, „Pollicino” auf die Bühne zu bringen.

Förderer fanden sich auf Landesebene und besonders im Sozialwerk Aachener Christen. Die Premiere endete in Ovationen, Zugabe-Gebrüll und der wirklichen Zugabe des Schluss-Songs, bei dem in Brechtscher Theatermanier die ganze Truppe an die Rampe tritt und den Geist der Gemeinschaft, aber auch die Liebe und den Frühling besingt.

Vorausgegangen waren ergreifende Theatermomente, wie sie nur gelingen, wenn Können und Herzblut sich mischen. Im Eingangsbild singt etwa Ronja Bellhoff als Pollicino in der Zinkwanne die Arie vom Hunger und dem Sternenhimmel, nebenan scheppern die sechs Brüder der Holzhauer-Familie mit den leeren Blech-Tellern, und die Eltern suchen verzweifelt vorm roten Wohn-Container nach einem Ausweg aus dem ewigen Ausgebeutetsein - dann liegt da schon die ganze Welt des Märchens neben der Wirklichkeit in der Luft.

Im Graben haben Flöten und Stabspiele weiche Melodien gesungen, jetzt schluchzt die Solo-Geige zur Celesta. An keiner Stelle lässt die Regie die Geschichte in eine Fantasiewelt entgleiten, wie sie die Märchenvorlage mit ihren sprechenden Waldtieren oder dem Clan der Menschenfresser hergäbe. Das ist eine faszinierend logische Konsequenz aus Henzes Theaterarbeit: Die Holzhauer-Familie unter der Großstadtbrücke, die Waldtiere am Großstadt-Straßenstrich, Menschenfresser Fürchterlich im noblen Rokoko-Interieur. Und das Entkommen, die Befreiung findet vor der Szene statt, in der Gemeinschaft der Kinder, in die sich unvermittelt so etwas wie Liebe mischt.

Ronja Bellhoff gibt dem Däumling ein zartes, sicher intonierendes Stimmchen, ist in den gesprochenen Zwischenszenen sehr selbstbewusst und klar. Ihre Brüder, später auch die Töchter des Herrn Fürchterlich, singen ebenfalls mit Mikroports am Kopf: Man merkt, wie sorgsam hier geprobt wurde, wie sicher die Partien sitzen. Da sind auch die jungen Zuschauer schwer beeindruckt. Überhaupt fließt die Handlung ohne Stocken.

Das ist für die Erwachsenen, allesamt Gesangs-Studenten der Hochschule, natürlich anders: Christoph Bier etwa ist ein Vater mit Herz und Wut, sein Bariton kennt auch in der Rolle des (bösen) Wolfes (mit Lederkluft und Baseball-Schläger) keine großen Schwächen. Aber er hat ebenso wie Carla Hussong (als Mutter) noch zu feilen, bis seine Stimme große Räume füllen kann.

Changbo Wang als tölpernder Menschenfresser ist da schon weiter, ebenso wie Alexandra Benz als seine kinderliebende Ehefrau. Hier wird der wunderbare Satz Musik: „Schnufti, schnufti, Kinderfleisch liegt in der Lufti”. Überhaupt ist der Spaß, mit der die Akteure auf, vor und hinter der Bühne bei der Sache sind, das eigentliche Ereignis dieser Aufführung. Man bedenke: Henzes Musik ist zwar schlicht gehalten, aber denn doch bisweilen knifflig. Die instrumentalen Zwischenspiele jedenfalls entzückten ein ums andere. Schlagwerk und Sologeige verdienten sich Sonderlob.

Viele skurrile Ideen lockern die düstere Szenerie auf, manchmal setzt sich imposant auch mal die große Bühnenmaschinerie in Gang. Und - im besten Henzeschen Agitprop-Stil - ruft bei Menschfressers auch mal die Gewerkschaft an, worauf Herr Fürchterlich posaunt: „Wenn in Aachen weiter an der Kultur gespart wird, fange ich wieder an, als Menschfresser zu arbeiten.” Auch das tut gut, wenn es so unverkrampft ehrlich ausgesprochen wird.

„Pollicino”, Kinderoper von Hans Werner Henze im Theater Aachen. Weitere Vorstellungen: am 21., 22., 23., 24., 25., 26. und 27. Mai.
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