Aachen - Ergin Cavusoglu zwischen fremden Welten und Räumen

Ergin Cavusoglu zwischen fremden Welten und Räumen

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
erginbbild
Bis zum 17. Janua präsentiert das Aachener Ludwig Forum seine Videoinstallationen, die vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Räume handeln: Ergin Cavusoglu. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Vier Männer schieben und ziehen schweigend ein Klavier die Straße entlang, vorbei an endlosen Autoschlangen. Eine Frau und ein Mädchen traben hinterher. Und während ein Grenzübergang immer näher kommt, setzt die Dämmerung ein.

Plötzlich lässt ein großer Schriftzug an einem Gerüst über der Straße erkennen, wo und an welcher Grenze diese seltsame Szenerie angesiedelt ist: „Türkyi”. Absurd, die Situation - so will es scheinen.

Der Künstler Ergin Cavusoglu hat sie mit den Akteuren nachgestellt und mit seiner Kamera aufgenommen. Die zweikanalige Videoinstallation „Liminal Crossing” mit zwei Bildschirmen ist Teil der neuen Ausstellung im Aachener Ludwig Forum mit insgesamt drei Videoinstallationen in zwei neugestalteten, vollkommen abgedunkelten Räumen und einer Papierarbeit Cavusoglus.

Der türkischstämmige Künstler, der 1968 in Bulgarien geboren wurde, hat den Exodus von 300.000 aus Bulgarien vertriebenen ethnischen Türken Ende der achtziger Jahre am eigenen Leib erlebt. Den handbetriebenen Klaviertransport gab es dabei tatsächlich - die Familie hat es ihm geschildert.

Die so hautnah gespürte Bewegung zwischen den Kulturen, das Reisen zu fremden Orten, Verlust und Eroberung von Heimat, die Bewegung zwischen Räumen, über Grenzen hinweg - all das hat den Künstler, der schließlich in Istanbul und später in London studierte, geprägt und nie mehr losgelassen. Der Wandel zwischen den Welten, auch den inneren, ist das große Thema seiner Kunst. „Liminal Crossing” wurde vom Ludwig Forum mitproduziert, eine Fassung geht in die Sammlung des Hauses ein.

„Poetisch und komprimiert zugleich” empfindet Brigitte Franzen, Direktorin des Ludwig Forums, die Videoarbeiten Cavusoglus. Sie sind erzählerisch, haben eine Geschichte und sogar eine Handlung und liegen damit im Grenzbereich der mitunter knochentrockenen, oft rhythmisierten und spartanisch-spröden Videokunst, die durchaus einen unkommentierten Almabtrieb von Kühen stundenlang zelebrieren kann.

Ganz anders Ergin Cavusoglu, der in London lebt und die Türkei 2003 auf der Biennale in Venedig vertreten hat. In „Voyage of no Return” ist ein Vater im Dialog mit seinem Sohn in einer Küstensituation auf einem Turm zu erleben. Das Gespräch dreht sich um Träume vom Ablegen eines Schiffs, um Gefahren des Reisens, die Möglichkeit, hinaus in die Welt zu gehen, um sie zu erkunden.

Gleichzeitig zeigen andere Bildschirme Dampfer am Kai und rasselnde schwere Ketten. Ein Bildschirm am Boden simuliert die Bewegung - Steine, Pfützen, Erde huschen vorüber, als ob man darüber wegeilen würde - durchaus schwindelerregend beim „Erkunden” dieses metaphernreichen, in seiner Erscheinung überwältigenden Videoraums, der thematisch selbst die Erfahrung von inneren und äußeren Räumen, geografischer wie kultureller Art, thematisiert.

Die dritte, gleichfalls sehr intensiv zu erlebende Arbeit „Silent Glide” dreht sich um ein Paar an der Izmir-Bucht in der Nähe von Istanbul, das im Begriff ist, auseinanderzugehen. Komplizierte Teppichmuster und ein gekentertes Schiff bilden hier die Metaphern für ein nicht immer leicht zu bewältigendes Leben und das Scheitern einer Beziehung - der Videokünstler an der Grenze zum Filmemacher.

Auch als Zeichner und Bildhauer hat sich Cavusoglu einen Namen gemacht. Seine großformatige Zeichnung, die auf dem Boden präsentiert wird, zeigt - aus schräger Perspektive betrachtet - eine dreidimensional wirkende Struktur einer Skulptur, die ein Gefäß darstellen könnte.

Diese letzte Ausstellung des Jahres bildet nach Worten von Brigitte Franzen das Bindeglied zum Leitmotiv des nächsten Jahres: „Raum und Architektur”.

Ergin Cavusoglu im Ludwig Forum Aachen, Jülicher Straße 97-109. Eröffnung: 6. November, 20 Uhr. Dauer: bis 17. Januar 2010. Geöffnet: Di./Mi./Fr. 12-18; Do. 12-20; Sa./So. 11-18 Uhr. Die Stadt Aachen reiht die Ausstellung im Ludwig Forum in ihren großen Veranstaltungsreigen „1989/90. Verstehen, was passiert ist. 20 Jahre Fall der Mauer” ein. Im Jahr des Mauerfalls, 1989, ereignete sich am ehemaligen „Eisernen Vorhang” zwischen Bulgarien und der Türkei ein schlimmes Ereignis, das Ergin Cavusoglu thematisiert: 300.000 ethnische Türken flohen aus Bulgarien, drangsaliert und vertrieben vom kommunistischen Regime.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert