„Er konnte besser malen als Rembrandt”

Von: Eckhard Hoog
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Monumental: Eines von 42 Gemälden Jacob Backers, die bis 7. Juni im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum ausgestellt sind, ist diese Darstellung von „Venus, Adonis und Armor” von 1650/51. Museumsdirektor Peter van den Brink hat in letzter Zeit intensiv über Backer geforscht. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ihr sanfter Blick wirkt wie ein Versprechen; das Kleid, das den Blick freigibt auf ein Wunder der Natur, wie die pure Verführung - eine Art Pamela Anderson des 17. Jahrhunderts schaut dem Betrachter träumerisch entgegen, 1644 grandios gemalt von einem holländischen Meister, den es jetzt zu entdecken gilt: Jacob Backer (1608/09-1651).

Das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum widmet ihm in Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Rembrandthuis eine epochale Ausstellung mit dem treffenden Titel „Der große Virtuose”.

Mit 18 Zeichnungen und 42 seiner wichtigsten Gemälde wird fast ein Drittel seines bis heute bekannten Gesamtwerks von rund 140 Gemälden gezeigt. Sie stammen von 40 Leihgebern aus zehn Ländern, darunter sind solch prominente Adressen wie die Eremitage in St. Petersburg (drei Bilder), das Rijksmuseum Amsterdam (fünf) und die Staatlichen Museen zu Berlin (drei Bilder, drei Zeichnungen). Und selbst Privatsammler aus den USA steuerten ihre Schätze zur großen Schau bei.

„Im Privatbereich sind Backers Werke sehr beliebt”, erzählt Museumsdirektor Peter van den Brink, der nicht nur die Ausstellung vorbereitet, sondern auch den umfassenden Katalog erarbeitet hat. Es ist nach 1926 erst die zweite Monografie, die über den Amsterdamer Künstler erschienen ist, die erste hielt ihn für „Rembrandts Schüler aus Friesland”.

„Ganz falsch”, sagt van den Brink, eine „Fehleinschätzung”, die darauf beruht, dass Backer im Laufe des 18. Jahrhunderts völlig in Vergessenheit geriet. Dabei war er in den 40er Jahren des 17. Jahrhunderts der maßgebliche Porträt- und Historienmaler in Amsterdam.

Van den Brink erklärt, wie Backer zu seiner herausragenden Stellung kam: Nachdem Rembrandt, der große Konkurrent, bei seinem heute berühmten Schützenstück „Die Nachtwache” 1642 den Fauxpas begangen hatte, die versammelten Herrschaften so darzustellen, dass sich kaum einer wiedererkannte, bekam er neun Jahre lang keinen einzigen Porträtauftrag mehr.

Jacob Backer sprang in die Lücke und wurde bis zu seinem frühen Tod - er starb im Alter von 42 Jahren - der gefeiertste Porträtist in Amsterdam. Aus tiefer Überzeugung spricht es der Aachener Museumsdirektor und Experte für niederländische Malerei gelassen aus: „Backer konnte besser malen als Rembrandt.”

So soll er sehr viel sicherer und schneller als sein berühmter Kollege gewesen sein, ständige Korrekturen und Veränderungen hatte er nicht nötig. Wer morgens für ihn Modell stand, konnte das Bild mitunter bereits mittags mit nach Hause nehmen.

Den Irrtum, dass Backer bloßer Schüler Rembrandts war, „verdankt” die Nachwelt dem französischen Kunsthistoriker Thophile Thor, der im 19. Jahrhundert unter anderem Jan Vermeer und Frans Hals wiederentdeckte, allerdings bei Backer schlampig in den Archiven gearbeitet hat.

Die Schüler-Legende hielt sich bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts. Und jetzt offenbart die Schau in Aachen nachhaltig die künstlerische Eigenständigkeit Jacob Backers, über den kaum ein Dokument die Zeit überdauert hat - nicht einmal als Käufer einer Immobilie ist er zeit seines Lebens aufgetaucht.

Und seine Kunden müssen offenbar stets zufrieden gewesen sein, irgendwelche Rechtsstreitereien sind ebenfalls nicht überliefert. Pech für den Künstler, damit so lange im Schatten Rembrandts gestanden zu haben.

Zeitgenossen waren verblüfft

Die Zeitgenossen indessen waren vor allem verblüfft über sein fulminantes Maltempo. „Treffsicher, virtuos und schnell”, so umreißt van den Brink die malerische Leistung Backers in dessen Monografie.

Bei seinen Porträts und den Historiengemälden zu Themen aus der Mythologie und pastoralen Dichtung fingerte er nicht stundenlang kleinmeisterlich mit einem spitzen Pinsel herum, sondern strich die Farbe flink und lang mit breiter Borste auf - eine Technik, die absolute Sicherheit erfordert. Selbst Details wie die Kragenspitzen setzte er geschwind mit dem feineren Pinsel auf.

So wirken die schönen Damen und feinen Herren in ihrer gediegenen und mitunter auch verführerisch knappen Kleidung wie aus einem Guss gemalt, die Gesichter lebensvoll und wie mit großer Leichtigkeit hingeworfen.

Dank seiner besonderen Mischtechnik, miteinander vermengte, unterschiedliche Farbtöne aufzutragen, erreichte er eine unerhört lebendig erscheinende Tönung der Haut, für die er lange Zeit gerühmt wurde. In der spärlich, aber effektvoll beleuchteten Ausstellung kommen die Werke auf sanft-rot und schwarz getönten Wänden voll zur Geltung.

Mancher monumentale Schinken mit mehr als zwei Meter Breite und Höhe hat seinen Weg nach Aachen gefunden, zum Teil in Transportkisten, die sagenhafte 300 Kilogramm wogen. Einige Bilder hat van den Brink bei seinen Forschungen überhaupt entdeckt, und auch manche Provenienz klärte sich auf überraschende Weise auf.

So stellte sich heraus, dass ein Porträt, das sich heute in Los Angeles in Privatbesitz befindet, in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vom Hollywoodstudio MGM ersteigert wurde und in diversen Filmen als Dekoration diente. Ein ganz neuer Aspekt, unter dem man sich die alten Streifen noch einmal ansehen könnte...

Bei 15000 Besuchern sind die Kosten der Schau gedeckt. Erwartet werden vor allem auch viele Gäste und Händler der in dieser Woche beginnenden Kunstmesse Tefaf in Maastricht, auf der wiederholt und auch jetzt wieder ein Backer angeboten wird. Sobald er verkauft ist, wird er die Ausstellung in Aachen um ein zusätzliches Bonbon bereichern.

Für Peter van den Brink hat jetzt wieder die ganz „normale” Museumsarbeit Vorrang, eine solch aufwendige Forschungs- und Kuratorenarbeit, sagt er, kann er sich nicht noch einmal leisten...

„Jacob Backer - der große Virtuose” (Bild, Selbstporträt), Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, Wilhelmstraße 18.

Eröffnung: am Mittwoch um 19 Uhr - nicht im Museum, sondern in der Kirche St. Adalbert am Kaiserplatz!

Dauer: bis 7. Juni.

Geöffnet: Di.-Fr. 12-20, Mi. 12-20, Sa./So. 11-18 Uhr; während der Tefaf vom 12. bis zum 22. März Mo.-So. 11-18, Mi. 11-20 Uhr.

Katalog: 39,95 Euro (Softcover).

Eintritt: fünf, ermäßigt 2,50 Euro.

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches museumspädagogisches Begleitprogramm, erarbeitet von Alexandra Simon-Tonges mit Führungen, Vorträgen, Workshops, Zeichen- und Malkursen für Erwachsene und Kinder; Infos im Internet, Anmeldung unter 0241/4798020.

Für Lehrer wird am Donnerstag, 12. März, von 17 bis 19 Uhr im Museum das didaktische Angebot zur Ausstellung vorgestellt.

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