Emily Newton: Ein Sprung von der Busen- zur Hosenrolle

Von: Jenny Schmetz
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Bestens ausgestopft: Emily Newton in der Rolle des Busen-Starlets Anna Nicole Smith an der Oper Dortmund. Eine „Traumbesetzung“, schwärmte die Fachpresse. Foto: Thomas M. Jauk
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Bei der Operngala der Kurpark Classix am 30. August wird sie sich erstmals dem Aachener Publikum vorstellen: die Sopranistin Emily Newton. Am 15. September debütiert sie dann in „Fidelio“. Foto: Shannon Langman

Aachen. Sorry, aber es lässt sich nicht vermeiden: Über Brüste muss man mit Emily Newton auch sprechen. Einfach, weil sie in der bisherigen Karriere der US-amerikanischen Opernsängerin eine herausragende Rolle gespielt haben. Denn für Furore sorgte die gebürtige Texanerin vor wenigen Monaten bei ihrem Europa-Debüt mit ihrer Darstellung als superüppiges und -blondes Model Anna Nicole Smith.

Der Komponist Mark-Anthony Turnage hatte aus dem Leben und Sterben des US-Medienstarlets eine neue Oper gemacht – und mit der 35-jährigen Sopranistin Emily Newton wurde „Anna Nicole“ in Dortmund zum Publikumsrenner. „Eine Traumbesetzung“, schwärmte nicht nur das Fachmagazin „Opernwelt“.

Ja, da trug sie einen Fettanzug, und ihre Brüste waren ausgestopft, erklärt Emily Newton lachend. „Das hat mir einen Riesenspaß gemacht!“ Am Theater Aachen wird sie nun zum Saisonauftakt eine Partie übernehmen, die nicht gegensätzlicher sein könnte – äußerlich, charakterlich und musikalisch: Sie singt und spielt die Leonore in Beethovens einziger Oper „Fidelio“. Sozusagen die Anti-Anna. Denn Leonore will ihren Ehemann Florestan, einen politischen Häftling, aus dem Gefängnis befreien – und verkleidet sich daher als Mann. Vielleicht wird die Amerikanerin also eine Korsage schnüren müssen, um ihre Kurven zu verbergen. „Es ist aber nicht so wichtig, dass Leonore als Fidelio genau wie ein Mann aussieht“, findet Newton. Die Inszenierung von Alexander Charim, die in den 1950er Jahren angesiedelt sei, wolle gerade solch stereotype Geschlechterrollen reflektieren. Dennoch kein einfacher Wechsel von der Busen- zur Hosenrolle: „Ja, das ist ein großer Sprung vom Playmate zur treuen Ehefrau“, bestätigt die Sopranistin – und lacht, wie so oft im Verlauf des Gesprächs. „Aber das ist ein Geschenk, in meinem Beruf diese großen Sprünge machen zu dürfen!“

Beethoven sehe Leonore zwar als „Ideal von Frau“, als „edle Heldin“, sagt sie. „Aber wir versuchen, diese ,Göttin‘ menschlich zu machen. Sie hat auch Schwächen und Ängste.“ Angst könnten Emily Newton die sängerischen Anforderungen der Partie machen. „Man braucht eine Wahnsinns-Technik. Es gibt wirklich kaum leichte Momente“, sagt sie. „Mein großes Glück ist aber, dass ich keine Angst vor den Spitzentönen haben muss.“ Auch bei „Anna Nicole“ haben Kritiker nicht nur Newtons „bildschönes“ Aussehen und ihre „gigantische Bühnenpräsenz“ gelobt, sondern ebenso ihre „große Stimme“, die sie mit „Leichtigkeit“ beherrsche. So scheint sie den musikalischen Sprung von Turnages Jazz-Pop-Musical-Operetten-Mix hin zu Beethovens großer Oper sogar zu genießen: „Ich freue mich, wieder ins klassische Repertoire einzutauchen“, sagt sie. „Bei Beethoven spüre ich Heimatgefühle.“

Auch in Deutschland ist die Texanerin bereits heimisch geworden. „Es war schon immer mein Traum, irgendwann in Deutschland zu leben und zu singen“, meint sie. Vor allem wegen der besseren Arbeitsbedingungen für Opernsänger im Vergleich zu den USA: längere Probenzeiten, mehr Vorstellungen, Subventionen statt Sponsoring. Ihr Fazit: „Ich bin verknallt in das deutsche Opernsystem.“ Für die Rolle der Nedda habe sie in Idaho zum Beispiel gerade mal zweieinhalb Wochen geprobt – für zwei Vorstellungen. Stattdessen werde „Fidelio“ rund sechs Wochen einstudiert. Da könne man viel mehr entwickeln. „Die Leonore werde ich in 17 Vorstellungen singen. Dann habe ich die Partie wirklich im Körper.“

Nicht lernen muss sie allerdings die schwierigen gesprochenen Dialoge – das übernehmen Schauspieler aus dem Ensemble. Vom Band soll die neue Textfassung dann wie eine Art innerer Monolog der Figuren erklingen. „Das war für mich eine gute Nachricht!“, gibt Newton zu. „Ich habe – Sie hören es – eine schöööne amerrrikanische Aussprache“, sagt sie in perfektem Deutsch. Gerade absolviert sie wieder einmal einen sprachintensiven Sommer am Middlebury College in Vermont, erzählt sie am Telefon. Dort gibt sie Konzerte und lernt nebenher Italienisch. Dort hat sie 2011 auch ihren Landsmann Kazem Abdullah kennengelernt – beim Deutsch-Büffeln, kurz bevor er Generalmusikdirektor in Aachen wurde.

Eine Wohnung in Aachen hat die 35-Jährige schon – gemeinsam mit ihrem Partner, dem US-amerikanischen Bariton Kenneth Mattice. Mindestens bis zur letzten „Fidelio“-Vorstellung Ende Februar will sie in Aachen bleiben. Und danach? Anfragen hat sie, Verträge sind noch nicht unterschrieben, aber sie möchte eine Karriere in Deutschland aufbauen, sagt die Sängerin. „Mein Wunsch ist, im deutschen und italienischen Fach zu singen.“ Als „utility soprano“, also vielseitig einsetzbar. Und: „Es sieht gut aus!“ Man darf wohl noch ein paar große Sprünge von Emily Newton erwarten.

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