Elmar Ottenthal hat die Weisheit der Shaolin im Gepäck

Von: Eckhard Hoog
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Elmar Ottenthal (2. von links)
Elmar Ottenthal (2. von links) meldet sich aus China zurück: An der Oper Bonn inszeniert er das Musical „Snowhite” - eine neue Version des Grimmschen Märchens „Schneewittchen”. Diese frische Truppe hat er von den Bonner Straßen weg gecastet: Die coolen Jungs, Street- und Breakdancer, spielen die Zwerge, die Tänzerinnen aus der Videoclipszene die Hexen. Foto: Eckhard Hoog

Bonn. Keine sieben Jahre in Tibet wie Heinrich Harrer oder Brad Pitt, aber immerhin vier abenteuerliche Jahre in China hat Elmar Ottenthal verbracht. Mittlerweile ist der ehemalige Intendant des Aachener Theaters (1992 bis 1999) nach Europa zurückgekehrt und macht wieder das, womit er noch stets für Furore sorgte.

„Gaudí” und „Falco meets Amadeus” sind unvergessen: Er inszeniert ein Musical - und nicht weit von seiner einstigen Wirkungsstätte entfernt: „Snowhite” heißt das Stück diesmal, eine rockig-komödiantische Version des Grimmschen Märchens „Schneewittchen”. An der Oper Bonn hat das Musical am Sonntag Premiere - mit Bonner Streetdancern als Zwerge und Tänzerinnen, die sonst in Videoclips mitwirken, als Hexen.

Die Jahre haben kaum Spuren hinterlassen in seinem Gesicht, allein die ergrauten Haare verraten, dass der gebürtige Innsbrucker die 60 knapp überschritten hat, am 6. September wird er 61. Aber das charmante Lächeln, die leicht verschmitzten Augen - zumindest äußerlich ist er ganz der Alte geblieben. Aber innerlich doch ein anderer - und das bewirkten auch die Mönche der Shaolin, mit denen in China eine intensive Freundschaft entstanden ist. „Ich bin ja nicht gleich konvertiert”, meint er. „Aber ihre Weltanschauung, die Philosophie, aus sich selbst heraus Kraft zu gewinnen, und Fröhlichkeit für den Augenblick - das färbt ab.”

Als Naturfilmer unterwegs

Eigentlich sollten es nur ein paar Monate werden, als er mit dem Gefühl, „das kanns doch nicht gewesen sein”, ermüdet und gelangweilt von den sich immer mehr gleichenden Regie-Aufträgen für Musicals, nach Peking reiste, um das Abenteuer zu suchen. Daraus wurden Jahre - mit dem Ergebnis, dass er dort, des Chinesischen mächtig, zuerst zum künstlerischen Leiter des „Theaters des 21. Jahrhunderts” avancierte, das dem Pekinger Publikum internationale Produktionen präsentiert, und schließlich als Dokumentarfilmer für den chinesischen Ableger des TV-Senders Channel Discovery in ganz China unterwegs war. „Ein Jahr lang, mit einer Filmcrew, drei Landrovern und einem Kran, von der Mongolei bis nach Tibet.”

Dabei ging es um einsame Landschaften unter dem Motto „China menschenleer”. Der neugierige Blick für die Schönheiten der Natur - auch dieses Erlebnis hat Ot-tenthal, der seine künstlerische Laufbahn eigentlich als Fotograf begann, tief geprägt, wie er bekennt. So nachhaltig, dass der Niederschlag davon jetzt bis in seine Inszenierungsarbeit bei „Sno-white” hineinreicht. Die künstliche Spiegelwelt der Königin setzt er in Kontrast zur Naturwelt der Zwerge und bezieht daraus dramaturgische Spannung - im Bühnenbild unterlegt mit Projektionen von Landschaftsbildern, die er in China selbst gedreht hat. „Das wird man aber nicht erkennen”, sagt er lachend.

Zwei andere Auslöser für den Chinaausstieg gab es noch: gravierende Veränderungen im Privatleben und letztlich auch der unfreiwillige Abgang als Intendant des Theaters des Westens in Berlin, wohin er von Aachen aus gewechselt war. „Damals habe ich mich in Berlin ungerecht behandelt gefühlt.” Aber das alles lässt sich heute mit der Gelassenheit der Shaolin betrachten. Mit seiner neuen Liebe, der englischen Sängerin, Musikerin und Produzentin Aino Laos, die in „Sno-white” die Partie der Königin singt, lebt er mittlerweile in Frankreich. Tochter Cecilia aus erster Ehe wohnt bei der Mutter in Wien und macht gerade ihr Abitur, Sohn Raoul (16) beginnt eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann - bei der Event-Firma „Aura Entertainment GmbH”, die Aino Laos in Neunkirchen betreibt. Ottenthal ist der Direktor und Produzent. Das nennt man wohl mit Fug und Recht „umtriebig”.

„Meine Kinder wurden in Aachen geboren, das verbindet mich ganz besonders mit der Stadt”, antwortet er auf die entsprechende, naheliegende Frage nach all der Zeit. Überhaupt Aachen: „Es war mein größter Fehler, dass ich gegangen bin”, bedauert er heute. Was er vermisst? „Die Menschlichkeit, die vielen Freundlichkeiten und das Familiäre weit über das Theater hinaus.” 1999 aber war der Ruf nach Berlin stärker, die große Perspektive in der Hauptstadt. Heute tut es ihm immer noch leid, dass er das Angebot des damaligen Aachener Oberbürgermeisters Jürgen Linden, „der mich mit offenen Armen eingeladen hatte zu bleiben”, ausgeschlagen hatte. „Viele Aachener werden jetzt zu Sno-white kommen”, freut er sich über zahlreiche Anmeldungen aus seinem alten Publikum.

An „Gaudí”, das Musical, mit dem er am Aachener Theater Geschichte geschrieben hat, vor allem an die Alsdorfer und Kölner Nachfolgeproduktionen denkt er mit gemischten Gefühlen zurück. Besonders schmerzt ihn immer noch der frühe Tod von Martin Moss. „Das tut richtig weh.” Gestorben sind bereits auch der Komponist, Eric Woolfson, und der Alsdorfer Produzent Friedrich-Carl Coch. Ottenthal heute: „In vielen Fällen war das Geld wichtiger als die Freundschaft, und wenn dann die Seele nicht richtig dabei ist, dann kann das nicht gutgehen.” Ist es auch nicht, die Produktionsgesellschaft Cochs ging pleite, der Musical Dome in Köln ist das letzte verbliebene „Gaudí”-Relikt. Und das amüsiert Ottenthal nun wiederum: „Beim Bau des Zelts war ich damals sehr eingebunden und fast täglich auf der Baustelle. Dass jetzt die Kölner Oper da drinnen ist und der Musical Dome nun bald schon 20 Jahre steht, obwohl nur fünf vorgesehen waren - da können meine Vorgaben damals so ganz falsch nicht gewesen sein.”

Mit dem Abstand hat sich bei dem alten Musical-Hasen überhaupt eine Distanz zum kommerziellen Betrieb des Genres ergeben. „Die Ausbildung der Akteure gefällt mir nicht mehr, sie werden zu reinen Dienstleistern erzogen”, kritisiert er die Entwicklung. „Alles viel zu glatt, da gibt es keine künstlerischen Charaktere mehr.” Den Begriff Musical betrachtet er mittlerweile selbst als fragwürdig. Einer Reihe von Songs eine x-beliebige Story als Klammer überzustülpen, das ist für ihn kein Musical.

Ganz anders soll „Snowhite” werden, die völlig neu erzählte Geschichte von Schneewittchen: Im Jahr 2000 in Saarbrücken uraufgeführt, kommt in Bonn eine verbesserte Version zur Premiere. Der Komponist Frank Nimsgern hat es geschrieben, ein renommierter Musiker, Komponist und Produzent, der unter anderem mit dem ARD-Fernsehpreis „Die Goldene Europa” ausgezeichnet wurde und auf erfolgreiche Stücke wie „Qi”, „Elements”, „Hexen”, „Poe”, „Paradise of pain” und „Phantasma” zurückblicken kann, gar nicht zu reden von über zwei Dutzend Filmmusiken, darunter für zehn Folgen des ARD-„Tatort”.

In der Geschichte verbringen die Hexen hinter dem Spiegel der Königin ein klägliches Dasein, alle sieben Jahre dürfen sie aber aus ihrem Sklaventum ausbrechen. Auf Schneewittchen setzen sie einen Jäger als Auftragskiller an, der sich jedoch verliebt, wobei die sieben Zwerge die Story erheblich aufmischen.

Die Zwerge, das sind Bonner Streetdancer, frisch von der Straße gecastet, ebenso die Tänzerinnen, die unter anderem aus der Videoclipszene stammen. „Die sorgen mit ihrer Undiszipliniertheit für viel Frische im Theater”, freut sich Ottenthal über das unkonventionelle Trüppchen.

Der Hauptzwerg „Minitou”, gespielt von Frank Felicetti, der auch das Buch geschrieben hat, erfährt allein über sein tägliches Radiohören, wie das Wesen Mensch so tickt, und ahmt nach, was er als wesentlich über diese seltsame Spezies zu ahnen meint. Auch das ist ein wichtiges, aktuelles Thema des Stücks, das auf diese Weise locker behandelt wird: wie man sich ein Bild von einer anderen Gruppe macht.

„Ein Stück für die ganze Familie”, verspricht der Regisseur, der sich ausgesprochen wohlfühlt, wieder im Rheinland arbeiten zu können. China hin oder her.

Aufführungen bis zum 27. April 2013

Musical „Snowhite” von Frank Nimsgern an der Oper Bonn; Premiere Sonntag, 2. September, 18 Uhr.

Weitere Termine: 16., 22. September; 2., 10., 23. November; 23., 31. Dezember; 25., 31. Januar; 14., 17. Februar; 2., 8., 9., 21., 23. März; 5. und 27. April.

Karten: siehe Ticketbox.
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