Elke Borkenstein: Kampf zwischen Bühne und Kinderladen

Von: Jenny Schmetz
Letzte Aktualisierung:
12376124.jpg
Sie steht vor ihrer zehnten Saison in Aachen: Schauspielerin Elke Borkenstein. Foto: Harald Krömer
12370562.jpg
„Die angeschlagene Theaterfamilie“: Elke Borkenstein mit Mann und Tochter. Foto: Roman Kohnle

Aachen. Mutter, Vater, Kind schmiegen sich aneinander – und jeder hat einen dicken Verband um den Kopf gewickelt. Das Foto zeigt die Aachener Schauspielerin Elke Borkenstein mit Ehemann und Tochter. Nicht in einer Rolle auf der Bühne, sondern ganz privat in ihrer Küche. Ein schlimmer Unfall?

Nein, ein Scherz der Tochter. Die bald vierjährige Julie wollte mal Ärztin spielen. Und doch verbindet sich mit dem Selfie von Papa Roman Kohnle, ebenfalls Schauspieler, ein ernstes Anliegen: Das Bild von der „angeschlagenen Theaterfamilie“ illustriert einen Text, den Elke Borkenstein geschrieben hat. Darin beklagt die 45-Jährige: „Die Arbeitszeiten am Theater sind mütterfeindlich, väterfeindlich und familienfeindlich.“

Schauspieler arbeiten, wenn andere Feierabend haben. Sie stehen bis spät abends auf der Bühne, spielen und proben an Wochenenden, lernen ihren Text in der Freizeit. Ihre Bezahlung ist meist alles andere als üppig. Aber die wenigsten trauen sich aufzumucken, weil sie ihren Beruf als Berufung empfinden, und aus Angst, dass ihr Engagement in der nächsten Spielzeit nicht verlängert wird. Doch langsam scheint sich an dieser Haltung etwas zu ändern.

Das zeigt das Ensemble-Netzwerk, eine neue Bühnenkünstler-Initiative, die derzeit mit ihren Forderungen nach mehr Rechten in der Branche für Furore sorgt (siehe Infobox). Gerade fand in Bonn die erste bundesweite Versammlung des Netzwerks statt, auch Elke Borkenstein war dabei – neben einigen jüngeren Kollegen vom Theater Aachen.

Und die 45-Jährige hat aufgemuckt – mit ihrem Leserbrief für das Magazin des Ensemble-Netzwerks. Da hält sie ein Plädoyer für die Abschaffung der Samstagsproben, die an fast allen Theatern üblich sind. Dann hätte sie in der Woche, die manchmal mit 60 Arbeitsstunden vollgepackt ist, zumindest einen festen freien Tag. Oft hetze sie zwischen Kinderladen, Zuhause und Bühne hin und her, erzählt Borkenstein.

Geprobt wird in der Regel von 10 bis 14 und 18 bis 22 Uhr, die Betreuung ihrer Tochter geht bis maximal 16.45 Uhr. Wie sollte das klappen, wenn ihr Mann nicht aufs Spielen verzichten würde, um sich um Julie zu kümmern? „In den Endproben kommt es vor, dass ich meine Tochter eine Woche überhaupt nicht sehe, außer morgens beim Wecken“, sagt Borkenstein. „Das ist hart!“

Dabei ist die Dreijährige schon eine „absolut begeisterte Theatergängerin“, die ihre Mutter nicht nur ein Dutzend Mal als Oberhexe („Kleine Hexe“) und Zirkusdirektorin („Zirkus Furioso“), zwei ziemlich strenge Weibsbilder, sondern auch in „Der Streit“ und „Nina Hagen“ erlebt hat. Da quakt sie dann schon mal freudig „Mama!“ oder „Nicht aufhören!“.

Aufhören will ihre Mama ganz sicher nicht. Vor ihrer zehnten Spielzeit am Theater Aachen sagt sie bestimmt: „Ich liebe meinen Beruf, und ich will ihn ausüben – auch als Mutter.“ Aber eben mit weniger Druck, fairer Gage und geregelten Arbeitszeiten. Proben drei Wochen hustend durchzustehen und Weihnachten mit einer Lungenentzündung im Bett zu liegen, „das will ich nicht mehr!“ Denn: „Entspannte Schauspieler leisten viel mehr!“

Hauptgrund für den Missstand an den Theatern sei der „unsägliche Arbeitsvertrag“. Gemeint ist der Normalvertrag (NV) Bühne. Generell ist die Höhe des Gehalts danach Verhandlungssache, sie muss aber mindestens 1765 Euro brutto betragen. Eine maximale Arbeitszeit ist im NV Bühne nicht geregelt, die Möglichkeit der Teilzeitarbeit sieht er auch nicht vor.

„Ich kenne keinen Vertrag, der so arbeitnehmerfeindlich ist“, sagt Borkenstein. Selbst schwangere Schauspielerinnen sind nicht vor einer Nichtverlängerung „aus künstlerischen Gründen“ geschützt. „Ich weiß sogar von einer Kollegin an einem anderen Haus, der zu einer Abtreibung geraten wurde – von einer Intendantin!“, empört sich die Schauspielerin.

Da überrascht die Umfrage der Künstlerinitiative „Art but fair“ in Zusammenarbeit mit der Hans- Böckler-Stiftung nicht: 60 Prozent der Bühnenkünstler beklagen die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Ich habe auch ganz lange Angst gehabt, ein Kind zu bekommen“, sagt Borkenstein. „Aber es geht! Ich bin sehr glücklich!“ Und sie weiß, dass sie im Vergleich zur freien Szene nicht klagen darf. „Ich habe Glück, in einem Stadttheater arbeiten zu dürfen!“

Drahtig und durchtrainiert ist die Frau aus Witten an der Ruhr, vor allem mit ihrem körperlichen Spiel reibt sie sich oft widerborstig an Rollen. Als Kind hat sie Leistungssport gemacht: Kunstturnen, dann Ballett, heute legt sie manchmal noch eine Fitness-DVD ein. Ausdauer wird sie brauchen können. Denn so schnell wird sich an ihren Arbeitsbedingungen wohl nichts ändern.

Das Theater Aachen teilt auf Anfrage mit, man nehme die Wünsche der Mitarbeiter zwar ernst, aber „um den Spiel- und Probenbetrieb aufrechtzuerhalten“, könne man „auf die Samstagsproben grundsätzlich nicht verzichten“. Aber Borkenstein ist ja ein „sturer Typ“, so schnell gibt sie nicht auf. Einige Aachener Kollegen haben Kinder, sagt Borkenstein, doch bisher vermisse sie eine Diskussion über Betreuung. „Aber vielleicht tut sich da ja jetzt was.“

Das Ensemble-Netzwerk versprüht Aufbruchseuphorie, Borkenstein klingt eher nüchtern-realistisch. „Ich hatte Kämpfe durchzustehen, immer wieder, an jedem Theater.“ Ob am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater oder am Theaterhaus Jena, in Oldenburg oder Heilbronn. Selbst harte Zeiten der Arbeitslosigkeit habe sie überstanden, in Berlin als Fitnesstrainerin, in München im Büro.

Momentan schwingt sie den Schlagbohrer – um Fliesen abzuschlagen. Sie renoviert, statt 52 sollen es bald 90 Quadratmeter sein. Mit ihrem Mann hat sie ein Haus gekauft – in Absprache mit der Finanzberaterin und mit Hilfe der Schwiegereltern. Ja, sie weiß, so sieht nicht die typische Lebensplanung von Schauspielern aus. „Mit meiner Gage müsste ich eigentlich denken: niemals! Wir werden immer in einer Bruchbude leben. Aber wir riskieren das mal. Das ist eine Frage des Mutes – wie vieles.“ Und sie ergänzt mit einem Schulterzucken: „Wir sind eh von Altersarmut bedroht . . .“

Nächste Saison eine irre Ärztin

Wie viel verdient sie denn? Borkenstein überlegt lange, zieht die Lippen kraus. „Man redet nicht darüber.“ Aber: mehr Transparenz! Das ist auch eine Forderung des Ensemble-Netzwerks. Daher sagt siee_SSRqs dann doch: Zurzeit seien es rund 3000 Euro brutto plus Tariferhöhung – und das nach einer Profi-Ausbildung am Hamburger Schauspielstudio Frese, rund 20 Jahren Berufserfahrung und mit „einer Wochenarbeitszeit, die phasenweise illegal ist“. Die Schauspielerin findet: „Das sollte ein Anfänger verdienen!“

Andererseits weiß sie auch: „Mein Intendant kann ja nicht einfach die Gagen herzaubern. Da wird die Stadt ihm sagen: Wo sollen wir’s hernehmen?“ Michael Schmitz-Aufterbeck verweist dann auf Anfrage auch auf die Tarifpartner. Und der Deutsche Bühnenverein als Arbeitgebervertreter teilt mit, dass er die Arbeitsbedingungen für darstellende Künstler in den Stadt- und Staatstheatern sowie Landesbühnen „weitgehend für zufriedenstellend“ hält. Da muss noch viel gebohrt werden.

Eigentlich liebt sie ja das Risiko, betont Borkenstein noch – „als Künstlerin, aber als Mensch möchte ich gesund bleiben“. Die Künstlerin schätzt es, mit Regisseuren wie Albrecht Hirche, Monika Gintersdorfer, Stefan Nolte oder Christian von Treskow „auf Augenhöhe zu arbeiten“. Kommende Saison wird sie es mit von Treskow wieder können. In Dürrenmatts „Physiker“ spielt sie die irre Irrenärztin Mathilde von Zahnd. Nach der Mutter-Rolle in Gorkis Familientragödie „Wassa Schelesnowa“ schon wieder ein Part, den sonst eher betagtere Kolleginnen übernehmen.

Aber es inszeniert ja von Treskow: „Da ist alles möglich!“, meint die Schauspielerin. Angst, dass sie mit gerade mal 45 schon auf ältere Frauen abonniert ist, zeigt sie jedenfalls nicht. „Bei mir ist noch weitaus mehr drin! Ich habe das Gretchen auch nicht mit 16 gespielt.“ Sie hofft einfach, „dass die Theaterleitung fantasievoll bleibt“. Sonst weiß sie noch nicht, was nächste Saison mit ihr geplant ist. Aber da kommt ja noch das Projekt „Nicht mit uns!“. Ein Abend mit Protestsongs. Da würde Elke Borkenstein schon ganz gerne mitsingen.

In dieser Saison ist Elke Borkenstein im Theater Aachen noch am Freitag, 17. Juni, 19.30 Uhr, in „Was- sa Schelesnowa“ zu sehen. Die Produktion soll auch nächste Saison gezeigt werden. „Nina Hagen“ singt noch am Donnerstag, 16. Juni, und am Mittwoch, 22. Juni, jeweils 20 Uhr, im Mörgens. „Die Physiker“ mit Borkenstein als Irrenärztin hat am 1. Oktober Premiere. Karten gibt es beim Kundenservice des Medienhauses Zeitungsverlag Aachen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert