Stolberg - Einstürzende Neubauten: So klingt der Erste Weltkrieg

Einstürzende Neubauten: So klingt der Erste Weltkrieg

Von: Dirk Müller
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Ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk: die Einstürzenden Neubauten im Zinkhütter Hof. Foto: Dirk Müller

Stolberg. Den Ersten Weltkrieg vertonen?! Das klingt wie eine verrückte Idee: Wie soll man das Grauen der Schlachtfelder, die Traumata der Menschen, die politische Gemengelage in Töne fassen? Ist es möglich, ein Stück Musik zu schreiben, das all das nur ansatzweise vermitteln kann?

Den Einstürzenden Neubauten ist es gelungen, und mehr noch: Sie bringen es auf beeindruckende Weise auf die Bühne. Am Sonntagabend präsentierte die Gruppe ihr Projekt „Lament“ im Rahmen des Kulturfestivals der Städteregion im ausverkauften Zinkhütter Hof in Stolberg und begeisterte das Publikum mit diesem Klagelied zur Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts.

Dass es Nina Mika-Helfmeier, der Kulturbeauftragten der Städteregion, gelungen ist, die Band in die Region zu holen, darf durchaus als kleine Sensation gewertet werden. Die Neubauten zählten in den 1980er Jahren zur Avantgarde der experimentellen Musik. Und auch, wenn es inzwischen deutlich ruhiger um die Kultband geworden ist, die in ihren Anfangstagen mal die Zeile „Hör mit Schmerzen“ prägten, so loten sie noch immer die Grenzen zwischen Musik und Geräusch, zwischen Ton und Krach aus. Für ein Horrorszenario wie den Ersten Weltkrieg klingt das wie die musikalische Idealbesetzung. Wer allerdings ein stumpfes Lärmgewitter erwartete, der durfte überrascht gewesen sein über die Vielfältigkeit und das Feingefühl, mit dem die Neubauten dem Thema begegneten.

Gedichte, Toneinspielungen, starke visuelle Elemente und die großartige Komposition machen „Lament“ – eine Auftragsarbeit für die belgische Stadt Diksmuide in Westflandern, die bereits im Oktober 1914 Frontstadt war und im Laufe des Krieges völlig zerstört wurde – zu einem faszinierenden Erlebnis. Wenn Percussionist N. U. Unruh die traumatisierten sogenannten Kriegszitterer nachahmt und tatsächlich zitternd mit den Hacken einen Rhythmus erzeugt, den Bassist Alexander Hacke ergänzt, indem er auf Krücken über die Bühne humpelt, dann ist das genial und beklemmend zugleich. Wie dieses auch: Auf einem Instrument aus 18 verschieden langen Rohren, das an ein überdimensioniertes Xylophon erinnert, spielen die Neubauten eine Percussion-Version des Weltkriegs in einer Geschwindigkeit von 120 Schlägen pro Minute, jeder Schlag ein Tag des Krieges. Dazu benennt Sänger Blixa Bargeld an der jeweiligen Stelle den Kriegseintritt jeder Nation, Frauenstimmen aus dem Off erinnern an wichtige Schlachten.

Die Neubauten lassen auch Kriegsgefangene sprechen. Die historischen Stimmen erklingen aus kleinen Lautsprechern, von den Musikern behutsam an die Mikrofone geführt, als ob sie dieses kostbare Gut mit ihren Händen schützen würden.

Bargeld beherrscht die Bühne mit seinem spröden Charisma. Barfuß und im Glitzeranzug lässt er die Soldaten auf den Schlachtfeldern ihr Leid herausschreien. Und dann, in ganz anderer Tonlage, lässt er sie am Ende des Krieges mit der Frage „How Did I Die?“ wieder auferstehen. Schließlich, als Zugabe, ein Auftritt von Bargeld in einem Kleid von Marlene Dietrich – oder dem, was einmal ein Kleid der Dietrich gewesen ist: „Sag mir, wo die Blumen sind“– einer von vielen Gänsehautmomenten an einem Abend, der weit mehr war als nur ein Konzert: „Lament“ nähert sich dem Thema Krieg in Form eines Gesamtkunstwerkes – und als Bekenntnis zum Frieden.

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