Aachen - Einmalige Sammlung: Das Auge isst hier immer mit

Einmalige Sammlung: Das Auge isst hier immer mit

Von: Eckhard Hoog
Letzte Aktualisierung:
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„Augenschmaus. Historische Bestecke und Gedecke“: Die Ausstellung im Aachener Couven-Museum wird Freitag um 19 Uhr eröffnet und dauert bis zum 25. Januar 2015. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Hand aufs Herz: Haben Sie gewusst, dass Aachen nach Solingen die zweitgrößte Bestecksammlung in ganz Deutschland besitzt? Eine der bedeutendsten Kollektionen dieser Art in Europa? Jetzt kommt sie noch einmal richtig und erlesen präsentiert zu ihrer verdienten Geltung: in der Ausstellung „Augenschmaus. Historische Bestecke und Gedecke“ im Couven-Museum Aachen.

Freitagabend um 19 Uhr eröffnet wird sie eröffnet. Nebenbei erfährt man über einen herausragenden Katalog, der bereits 2011 erschienen ist, wie die Altvorderen so ihre Speisen einzunehmen pflegten.

Ganze 600 Stücke umfasst die Sammlung vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert – und deren Geschichte allein ist abenteuerlich genug. Ein gewisser Kanonikus Franz Bock war es, der seine berufliche und spirituelle Laufbahn zunächst als Priester begann, dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Kunstfreund- und -sammler fortsetzte, um schließlich angesichts der damit einhergehenden weltlichen Freuden und Annehmlichkeiten zu einem wahren Hallodri von Kunsthändler zu mutieren, der selbst dem Vorgänger des Londoner Victoria and Albert Museums minderwertige Fälschungen andrehte. Er war es, der in Aachen offenbar auch einen ausgeprägten Sinn für kunstvoll gestaltete Gabeln, Messer, Löffel entwickelte und sie mit dem Eifer eines Schmetterlingsfängers zusammentrug. 1881 erwarb die Stadt Aachen die Sammlung, sie gehört seither dem Suermondt- beziehungsweise dem Suermondt-Ludwig-Museum.

Franz Bock war es im Übrigen auch, der als Oberaufseher über die Schätze des Aachener Doms einen einträglichen Nebenverdienst zu nutzen wusste: Kostbare historische Gewänder zerschnitt er, um die Fetzen gewinnbringend in ganz Europa zu verhökern. In der Branche trug ihm das den Spitznamen „Scheren-Bock“ ein.

Immerhin: Scheren-Bocks Bestecke bestechen durch Kunstfertigkeit und Seltenheit. Von den mittelalterlichen Löffeln und Gabeln mit rötlichen Korallengriffen existieren laut Restaurator Michael Rief noch allenfalls zehn auf der ganzen Welt, drei davon in Aachen. 540 Objekte werden gezeigt.

Wunderbar haben die beiden Kuratorinnen Dagmar Preising und Gisela Schäffer die Preziosen so effektvoll wie informativ in Vitrinen arrangiert. Im Zentrum stehen dabei sechs Schaukästen, die den Kontext der Stücke thematisch vor Augen führen – etwa in der bürgerlichen Tafel des 17. Jahrhunderts, der höfischen Prunktafel des 18. Jahrhunderts oder der Jagdtafel. Fast sämtliche Stücke stammen aus der eigenen Sammlung, Ergänzungen steuerte die Peter und Irene Ludwig Stiftung sowie der Aachener Kunsthandel Antiquitäten Steinbeck, namentlich Renate Steinbeck, bei. Zu den kostbarsten Stücken gehört ein skandinavischer Silberlöffel aus dem 16. Jahrhundert mit einer fein ziselierten Anna-Selbdritt-Darstellung.

Am Anfang war das Messer – spitz, damit man die Fleischbrocken am Tisch praktischerweise erst aufspießen und dann mittels der Finger zum Munde führen konnte. Eine Gabel kannte man bis ins 16. Jahrhundert nur zum Tranchieren. Der Gast führte sein Besteck bis ins 17. Jahrhundert hinein vornehmlich am Gürtel mit sich – den „Löffel abgeben“, damit ist denn auch bis heute sprachlich die eine finale und unumgängliche Unannehmlichkeit gemeint . . . All dies und noch viel mehr erzählt der Hamburger Rechtsanwalt Jochen Amme – dem der Ruf eines „Besteck-Papstes“ vorauseilt – in seinem prächtigen, 326 Seiten starken, reich bebilderten Katalog, der gerade mal 29 Euro kostet.

Zum Rahmenprogramm gehören unter anderem samstägliche Themenführungen (15 Uhr), Vorträge, ein Familiensonntag am 2. November sowie Sonderführungen (Telefon 0241/4324998).

Und, passenderweise: am 4. November, 18.15 Uhr, die Vorführung des Films „Das große Fressen“ von 1973, nebst Kaffee und Kuchen . . .

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