Eine seltene Mammutleistung bei „Krieg und Frieden”

Von: Pedro Obiera
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Ein Auftakt nach Maß: Prokofi
Ein Auftakt nach Maß: Prokofieffs sehr aufwendig zu inszenierende Oper „Krieg und Frieden” nach Leo Tolstois Roman ist in der Kölner Oper in jeder Hinsicht sehenswert. Foto: Oper Köln

Köln. Ein Auftakt nach Maß: Mit einer grandiosen Aufführung von Sergej Prokofieffs nur ganz selten anzutreffender Oper „Krieg und Frieden” startete die Kölner Oper in die neue Saison.

Grandios, obwohl bereits der Versuch, Leo Tolstois gewaltige Zeit- und Gesellschaftsanalyse mit ihren über 250 handelnden Personen auf ein praktikables Opernformat zu beschneiden, an Tollkühnheit grenzt. Dass Prokofieff von 1941 bis zu seinem Tod seine Oper ebensooft und gründlich umarbeitete wie Tolstoi seinen Roman, erleichtert die Sache nicht.

Regisseur Nicolas Brieger und Maestro Michael Sanderling nahmen die Herausforderung mit einem glänzenden 30-köpfigen Ensemble und mächtiger Chor-, Orchester- und Statistenbatterien an und gewannen auf ganzer Linie. So einhellig wie nach dieser Premiere fiel der Beifall selbst in der unter Uwe Eric Laufenberg aufblühenden Kölner Oper nur selten aus.

Die Gefahr, dass die Oper in zwei eigenständige Szenarien zerfällt, in ein Gesellschafts- und ein Kriegsdrama mit nur loser Verknüpfung, können weder Prokofieff noch das Kölner Team vollständig bannen.

Immerhin hat Prokofieff sein Libretto so geschickt arrangiert, dass seine Botschaft klar wird: Die dekadente Gesellschaft in den eleganten Moskauer Salons mit ihren berechnenden und trügerischen Liebesschwüren, ihren Dunkeln und Intrigen höhlte die moralische Substanz des Staates selbst so weit aus, dass die totale Zerstörung nach dem Einmarsch der napoleonischen Truppen als eine geradezu unausweichliche Konsequenz der eigenen Hybris verständlich wird.

Zum patriotischen Heldenepos der tapferen Russen über die schwächlichen Franzosen taugen weder der Roman noch die Oper, was Prokofieff, der natürlich an Parallelen mit der Situation Russlands vor und nach dem Einfall Hitlers erinnern will, einigen Ärger mit den Stalinisten seiner Zeit eingebracht hat.

Tolstois radikales moralisches Plädoyer für Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit stellt Brieger ins Zentrum seiner Inszenierung, so dass im Kriegsakt der ethische Zerfall nationale Schranken einreißt und die Russen nur noch an den Uniformen von den Franzosen zu unterscheiden sind. Die bissigen karikierenden Anspielungen gegen Napoleon unterstreichen allenfalls die Diskrepanz zwischen der noblen französischen Lebensart, die sich auch die russischen Salons zum Vorbild machten, und dem Auftreten als entfesselte Soldateska.

Perfekte Personenführung

Die Dekadenz der Salons im ersten Teil arbeitet Brieger detailgenau und mit perfekter Personenführung in den dunklen, schon von Schatten des Untergangs verhangenen Dekorationen von Raimund Bauer suggestiv aus, eingehüllt in süß-saure Walzerklänge Prokofieffs.

Gespensterhaft huschen später Menschen ohne persönliche Identität durch die ausgebrannten Moskauer Gassen. Auf spektakuläre Schlachtenszenen verzichtet Prokofieff szenisch wie musikalisch.

Auch wenn das Werk als Ensemble-Oper par excellence zu verstehen ist, ragt doch als Star des Abends die wieder einmal überwältigende Sopranistin Olesya Golovneva aus dem insgesamt erstklassigen Ensemble heraus. Eine Sängerin, die die Natascha mit soviel Leidenschaft, mädchenhafter Anmut, weiblicher Gerissenheit und einer wunderbar blühenden stimmlichen Leuchtkraft ausstattet, dass kein Wunsch unerfüllt bleibt. Das soll nicht die Leistung weiterer herausragender Protagonisten schmälern, wie etwa die von Johannes Martin Kränzle als Fürst Andrej oder die von Matthias Klink als feingeistiger Graf Pierre.

Die Oper erklingt in einer auf knapp dreieinhalb Stunden gekürzten Fassung von nie erlahmender dramaturgischer Spannung. Die Schlussovationen waren mehr als berechtigt.

Die weiteren Vorstellungen

Am 23. und 28. September sowie am 1., 3. und 8. Oktober.

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