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Eine Rarität in Großformat

Von: Pedro Obiera
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Für den „Christus” von Franz Liszt sah Arnold Schönberg die Zeit erst noch kommen. In der Tat wird das Oratorium, das keins ist, erst seit den 70er Jahren richtig ernst genommen, gut 100 Jahre nach seiner Uraufführung.

Die schroffe Montage von Gregorianik, A-cappella-Gesängen, mächtigen Fugen und ausgedehnten Symphonischen Dichtungen, die harte Konfrontation von introvertierter Frömmigkeit und opernhaftem Pomp: all das scheint Liszts Vorstellungen von einer „Kirchenmusik der Zukunft” in aller Ausführlichkeit zu erfüllen, sie sei „zugleich dramatisch und heilig, prachtentfaltend und einfach”.

Da zudem auf einen Erzähler und eine stringente Handlung verzichtet wird sowie lateinische Texte aus der heiligen Schrift und der katholischen Liturgie in bunter Folge fast collagenhaft kühn angeordnet sind, bricht Liszt radikal mit der Oratorientradition von Schütz bis Mendelssohn. Auch wenn Liszt persönlich mehrfach in Aachen dirigierte und die städtischen Chöre die geistlichen Werke Liszts immer wieder beachteten, kommt jeder Aufführung des „Christus” hier einer Pionierleistung nahe. So auch im Domkonzert in der voll besetzten Kirche St. Nikolaus, das Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch mit seinem vor 20 Jahren in Heidenheim gegründeten Chor der „vocapella” und dem Aachener Sinfonieorchester bestritt.

Der CD-Mitschnitt könnte trotz einiger guter Konkurrenzaufnahmen recht gute Absatzchancen auf dem Markt haben, auch wenn die Aufführung mit den üblichen und im „Stabat Mater dolorosa” sogar einschneidenden Kürzungen keinen Repertoirevorteil gewinnt. Das Werk erfordert eine große Flexibilität im Wechsel von unbegleiteten, schlicht gehaltenen Chorpassagen und üppig ausladenden Orchesterparts.

Dass die großen orchestralen Interludien wie die Hirtenmusik oder der Marsch der heiligen drei Könige bei Bosch und dem Sinfornieorchester bestens aufgehoben sind, verwundert nicht. Auch der schlanke, jugendlich frische Klang des intonationssicheren Chores lässt nichts zu wünschen übrig. Was der Aufführung fehlt, ist jene Prise an emotionaler Emphase, die die Spannung über die großen Dimensionen des dreiteiligen Werks sichern könnte.

Gefährdet sind vor allem schlichte A-cappella-Gesänge wie das „Stabat Mater speciosa”, das klangschön, aber auch ein wenig unbeteiligt wirkte. Und natürlich die besonders umfangreichen Teile wie das „Stabat Mater dolorosa”, das trotz drastischer Kürzungen seine Länge nicht verschleiern konnte. Die kleinen Solo-Partien waren mit Antonia Bourvé, Michaela Mayer (Sopran), Mlanie Forgeron (Mezzosopran und Alt) sowie Louis Kim (Tenor) und dem wieder eindrucksvoll gestaltenden Bariton Martin Berner angemessen besetzt.

Viel Beifall für eine Rarität in Großformat.
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